Hier auf dem dürren Grat

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Giacomo Leopardi: Hier auf dem dürren Grat Titel entspricht 1. Vers(1817)

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Hier auf dem dürren Grat
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Des schreckenvollen Berges
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Vesuvio, des Verwüsters,
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Wo sonst nicht Baum noch Blume fröhlich grünt,
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Verbreitest du dein einsam wuchernd Laub,
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Duftvolle Ginsterblume,
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Genügsam in der Oede. So auch sah ich
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Die klaren Fluren blühend dich beleben,
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Die jene Stadt umgeben,
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Wo einst der Herrscherthron der Erde stand,
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Die von gestürzter Größe
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Schweigsam dem Wandelnden zu reden scheinen,
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Ernst und erinnrungsschwer in ihrer Blöße.
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Nun seh' ich hier dich wieder, die du stets
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Schwermüth'ge, weltverlassne Stätten liebst
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Und dich gesellst leidvollen Schicksalsloosen.
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Die Fluren hier, verschüttet
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Von unfruchtbarer Asche und bedeckt
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Mit der versteinten Lava,
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Die unterm Fuß des Wandrers wiederhallt,
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Wo aus dem Neste sich die Schlange ringelt
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Und sonnt und das Kaninchen
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Sein Lager aufsucht im gehöhlten Bau –
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Einst waren's heitre Dörfer,
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Von Aehrengold umwogt und wiederhallend
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Von ihrer Rinder Brüllen;
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Einst fanden müß'ge Reiche
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In Gärten hier und Villen
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Erwünschte Rast, und prächt'ge Städte waren's,
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Die blitzesprühend aus dem Feuerschlund
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Der hehre Berg zugleich mit den Bewohnern
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Im Glutenstrom verschlang. Nun ward dies Alles
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Rings Eine Wüstenei,
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Wo du, o holde Blume, blühst und, gleichsam
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Mitfühlend mit so großem Weh, zum Himmel
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Den Hauch entsendest süßesten Gedüfts,
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Der Wüste Trost und Labsal. Hieher komme,
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Wer unser Menschenloos als hochbeglückt
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Zu preisen pflegt; hier mag er lernen, wie
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Natur um uns sich mühte
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In ihrer Huld und Güte, kann gerecht
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Ermessen im Gemüthe,
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Wie große Macht dem Menschen sie verliehn.
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Denn plötzlich, wo Gefahr am fernsten schien,
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Vermag mit leichtem Ruck die harte Amme
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Uns theilweis zu verderben,
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Dann, wenig heft'ger rüttelnd, ganz und gar
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Uns in das Nichts zu stürzen.
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In diesen Trümmerweiten
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Lehrt jeder Stein fürwahr,
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»wie herrlich doch die Menschen vorwärts schreiten.«

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Hier spiegle dich, hoffärtig
53
Verblendetes Jahrhundert,
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Das du von jenem Pfade,
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Den dir gezeigt der auferstandne Geist,
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Gewichen bist und wähnst, daß rückwärts schreitend
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Du fortgeschritten sei'st,
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Der Umkehr dich berühmend.
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Ob deines kindischen Lallens schmeicheln dir
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Die Geister, denen dich ihr herbes Schicksal
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Zum Vater gab, obwohl sie
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Auch manchmal hinterm Rücken
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Dein spotten. Aber ich
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Will nicht mit solcher Schmach zur Grube fahren.
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Leicht zwar geläng' es wohl,
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Den Andern gleich ruhmredig in die Wette
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Zu singen, was bei dir in Gunst mich brächte.
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Doch lieber will ich dreist sie offenbaren,
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Statt sie zurückzupressen,
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Die trotzige Verachtung dieser Zeit,
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Weiß ich auch wohl, vergessen
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Wird, wer zu sehr der Mitwelt mißbehagt.
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Doch dieses Unglücks, das
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Ich mit dir theile, lach' ich noch von Herzen.
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Du träumst von Freiheit, und in Fesseln schlägst du
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Von Neuem den Gedanken,
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Der uns allein emporhob
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Aus tiefster Barbarei, und der allein
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Die Sitten adelt, daß der Völker Loos
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Sich wandeln mag zum Bessern.
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So sträubst du dich, die Wahrheit
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Zu hören, welch ein niedrig hartes Schicksal
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Uns die Natur verhängte. Darum wandtest
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So jämmerlich dem Lichte du den Rücken,
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Und vor der Wahrheit fliehend, schiltst du feige
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Den, der sie sucht, und rühmest
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Als edel Den allein,
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Der thöricht oder schlau, betrogen oder
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Betrüger, selig preis't der Menschen Loos.

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Wer dürft'gen Standes ist und krank an Gliedern,
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Doch von Gemüthe stolz und hochgesinnt,
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Der wähnt und rühmt sich nicht
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An Golde reich und Kräften
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Und fordert nicht heraus den Spott der Menge
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Durch kindisches Gepränge
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Mit Glücks- und Leibesgaben.
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Er schämt sich nicht, als Bettler sich zu zeigen
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An Gut und Blut, und kommt die Rede drauf,
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Schätzt er das Seine, nicht die Wahrheit hehlend,
100
Nach seinem wahren Werth.
101
Der schien mir stets verkehrt,
102
Nicht edel, wer geboren
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Zum Sterben und in Leiden aufgesprossen
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Sagt: »Ich bin hier zum Gluckt!« –
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Und füllt mit stinkendem
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Selbstruhm die Blätter, hohe Freudenloose
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Und Wonnen, selbst im Himmel unbekannt,
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Geschweig' hienieden, diesen Erdgeschlechtern
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Verheißend, die ein Stoß
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Empörter Flut, ein Hauch
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Von Fieberluft, ein unterirdisch Beben
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Vernichtet und begräbt,
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Daß kaum Erinnrung noch sie überlebt.
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Von edler Art ist Der,
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Der seine Menschenaugen
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Auf unser Aller Schicksal
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Zu heften wagt, der von der Wahrheit nichts
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Abdingend, frei und offen
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Das Leiden eingesteht, das uns beschieden,
120
Und unser schwankes Dasein;
121
Der seinen sichren Frieden
122
Bewährt im Dulden, nicht mit Bruderhaß
123
Und -Hader, herber noch
124
Als jeglich andres Unheil,
125
Sein Elend schärft; der nicht den Menschen zeiht
126
Der Schuld an seinen Qualen, sondern einzig
127
Die wahrhaft Schuldige, der Menschheit Mutter
128
Durch die Geburt, Stiefmutter durch den Willen.
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Zu Schutz und Trutz verbündet,
130
Gegründet nur zur Abwehr ihrer Feindschaft
131
Sei menschliche Gemeinschaft
132
Und aller Menschen Bruderbund gestiftet.
133
Und allesammt umarmt er
134
Mit wahrer Liebe, Hülfe
135
Kraftvoll und rasch so bringend wie erwartend
136
In wechselnden Gefahren und den Nöthen
137
Des allgemeinen Kriegs. Und mit den Waffen
138
Unbilden ahnden oder Fallen legen,
139
Drin sich der Nächste fängt,
140
Däucht ihn so thöricht, wie im Feld, umdrängt
141
Von Feindesschaaren, wenn am hitzigsten
142
Der Sturm des Kampfes tobt,
143
Den Gegner schonend, mit den eignen Freunden
144
Erbos'ten Zwist beginnen,
145
Zur Flucht sie drängen und zu Boden schmettern
146
Des eignen Heeres Glieder.
147
Wenn
148
Aufginge, wie vordem, der großen Menge,
149
Und jenes Grauen wieder
150
Vor der Natur, der argen,
151
Das zu geselligem Bund die Menschen trieb,
152
Uns warnend übermannte,
153
Nun klar bewußt: wie anders würden dann
154
Zucht, biedre Bürgersitte,
155
Gerechtigkeit und Ehrfurcht Wurzeln schlagen,
156
Als jetzt in jenen thöricht stolzen Possen,
157
Darin des Volkes Treu' und Redlichkeit
158
Nicht fester steht gegründet,
159
Als Alles was im Wahn die Wurzeln findet.

160
Gar oft auf diesen Halden,
161
Die trostlos ganz in Trauer
162
Einhüllt der starre Fluß, der noch bewegt scheint,
163
Sitz' ich bei Nacht. Und auf die Öde nieder
164
Seh' ich aus reinster Bläue
165
Des Firmaments die Sterne Flammen sprühn,
166
Die fern sich wiederspiegeln
167
Im Meer, und ringsum in der stillen Leere
168
Von Funken blitzen weit und breit die Welt.
169
Und heft' ich dann die Augen auf die reinen
170
Lichter, die Pünktchen scheinen
171
Und sind so unermeßlich,
172
Daß gegen sie in Wahrheit Erd' und Himmel
173
Nur Pünktchen sind; und denke,
174
Daß nicht der Mensch allein,
175
Auch diese Kugel, drauf der Mensch ein Stäubchen,
176
Ganz ihnen unbekannt; und sehe dann
177
Die noch entlegnern, grenzenlos entfernten –
178
Sternknäuel nenn' ich sie –
179
Uns nur wie Nebel sichtbar, denen nicht
180
Der Mensch nur und die Erde, nein zumal
181
All unsre Sterne, grenzenlos an Zahl
182
Und Masse, sammt dem Goldgestirn der Sonne
183
Theils unbekannt sind, oder sichtbar doch
184
Nur so, wie sie der Erde,
185
Ein nebelhafter Lichtpunkt: wie erscheinst du
186
Mir dann, du arm Geschlecht
187
Des Menschen? Und erwäg' ich
188
Dein Loos hienieden, wie der Boden mir's
189
Bekundet, den ich trete, und hinwieder,
190
Daß du den Herrn und Endzweck
191
Des Weltenalls dich dünkst und, wenn es dir
192
Beliebt zu fabeln, sagst, auf dieses dunkle
193
Sandkörnchen, das den Namen Erde trägt,
194
Sei'n deinethalb des ew'gen Welltalls Schöpfer
195
Ehmals herabgestiegen, um vertraulich
196
Zu plaudern mit den Deinen; und wie nun,
197
Den Kindertraum erneuernd, diese Zeit
198
Der Weisen spottet, sie, die doch an Wissen
199
Und jeder Kunst so weit
200
Voran zu sein schien allen andern: welch
201
Gefühl, armsel'ge Menschheit, welches Urtheil
202
Regt sich zuletzt in meines Busens Raum?
203
Ob Lachen oder Mitleid, weiß ich kaum.

204
Wie wenn vom Baum ein kleiner Apfel fällt,
205
Den von dem Zweig im Spätherbst
206
Kein andrer Zwang als seine Reife lös't,
207
Und eines Ameisvolkes traute Wohnung,
208
Mühsam in weicher Scholle
209
Gehöhlt, und ihre Werke
210
Und reichen Vorrath, den geduldiglich
211
Das fleiß'ge Volk wetteifernd angehäuft,
212
Zur Sommerszeit vorsorgend für den Winter,
213
Zerstört, zerstreut, verschüttet
214
In einem Nu: so war's, als niederstürzend,
215
Aus donnernd grauser Tiefe
216
Zum Himmel aufgeschleudert,
217
Mit Asche, Bimsstein, lockrer Felsensaat
218
Nacht und Verderben strömend
219
In heißen Flammenbächen
220
Und aus den Bergesspalten
221
Vorbrechend durch den Graswuchs
222
Ein ungeheurer Schwall
223
Geschmolzner Erze, glutgetränkten Sandes
224
Und flüss'ger Lavamassen
225
Die Städte dort tief an dem Ufersaum
226
Des Meeres überfiel,
227
Zertrümmert' und begrub
228
In kurzer Stunde, daß nur Ziegen jetzt
229
Hier weiden, neue Städte
230
Erstehn dort drüben, denen die begrabnen
231
Zum Schemel dienen, und der steile Berg
232
Die Mauerntrümmer schier mit Füßen tritt. –
233
Es hütet oder hegt
234
Natur nicht
235
Als jenen Ameishaufen; und vernichtet
236
Sie seltner ihn, als diese,
237
Ist's darum nur allein,
238
Weil minder fruchtbar ist die Menschenbrut.

239
Wohl achtzehnhundert Jahre
240
Sind hingegangen, seit die blüh'nden Städte,
241
Von Feuersmacht erstickt, hinweggeschwunden,
242
Und wenn der fleiß'ge Landmann
243
Die Reben pflegt, die kümmerlich gedeih'n
244
Hier auf der todten, aschendürren Scholle,
245
Hebt er den Blick noch immer
246
Besorgt zum unheilvollen
247
Berggipfel, der mit ungezähmter Wildheit
248
Noch immer Schrecken birgt, noch immer ihm
249
Und seinen Kindern, seiner armen Habe
250
Verderben droht. Und oft,
251
Wenn auf dem flachen Dache
252
Des Hüttleins unterm leichten Hauch der Lüfte
253
Der Ärmste schlaflos liegt die Nacht hindurch,
254
Springt er empor und späht dem Laufe nach
255
Des Feuerstrudels, der sich niederwälzt
256
Aus unerschöpftem Abgrund
257
Hinab den sand'gen Hang, daß wiederglänzt
258
Von Capri die Marina,
259
Der Hafen Napoli's und Mergellina.
260
Und sieht er ihn herannahn, oder hört
261
Im tiefen Brunnen hinterm Haus das Wasser
262
Aufkochend gurgeln, weckt er seine Kinder,
263
Erweckt in Hast sein Weib, und fort mit Allem,
264
Was sich errafffen lässt an Hausrath, flüchtend,
265
Sieht er von fern sein Nest
266
Und seinen kleinen Acker,
267
Der vor dem Hunger ihn allein geschützt,
268
Zum Raub dem Glutenbache,
269
Der brausend niederschwillt und dicht und fest
270
Die Stätten alle unerbittlich zudeckt. –
271
Es kehrt' ans Licht zurück
272
Aus der Vergessenheit uraltem Grabe
273
Pompeji, dem verscharrten
274
Gerippe gleich, das Habgier
275
Von Neuem bloßlegt oder frommer Sinn,
276
Und von dem leeren Forum
277
Durch schnurgerade Reihen
278
Von Säulenstümpfen schaut der fremde Wandrer
279
Dort oben fern das zwiegetheilte Joch
280
Und den umwölkten Gipfel,
281
Der jetzt noch diese Trümmerwelt bedroht.
282
Und in der stillen Nacht mit ihren Schauern
283
Entlang den Tempelresten,
284
Oeden Theatern, umgestürzten Mauern,
285
Drin ihre Jungen birgt die Fledermaus,
286
Gleich einer düstren Fackel,
287
Die qualmend schwankt durch menschenleere Hallen,
288
Läuft dann der Schein der todesschwangern Lava,
289
Die fernher durch die Schatten
290
Aufleuchtet und ringsum die Gegend röthet.
291
So, nichts vom Menschen wissend und den Zeiten,
292
Die er die alten nennt, und daß den Ahnen
293
Die Enkelkinder folgen,
294
Ruht ewig jung Natur, vielmehr durchmessen
295
Muß sie so weite Bahnen,
296
Daß sie zu ruhen scheint. Zu Grunde gehen
297
Geschlechter, Sprachen, Reiche: sie ist blind,
298
Und nur der Mensch glaubt ewig zu bestehen.

299
Und du, schmiegsamer Ginster,
300
Der du mit duft'gen Wäldern
301
Rings diese schmuckentblößten Fluren zierst,
302
Auch du wirst bald der schonungslosen Macht
303
Der unterird'schen Glut zum Opfer fallen,
304
Wenn sie wird niederwallen
305
Zum wohlbekannten Grund, dein weich Gezweige
306
Mit hämischem Bahrtuch deckend. Und du beugst
307
Unter dem Todesdruck dein schuldlos Leben
308
Ohn' alles Widerstreben.
309
Doch früher neigst du nicht mit feigem Flehen
310
Und unfruchtbarem Jammer je dein Haupt
311
Dem künftigen Verderber, noch erhebst du's
312
In aberwitz'ger Hoffahrt zu den Sternen,
313
Verachtend diese Wüste,
314
Drin du erblüht, nicht eben
315
Durch freie Wahl, vielmehr durch Schicksalswillen;
316
Du, weiser als der Mensch
317
Und nicht am Wahne krank, als sei gegeben,
318
Durch Schicksal oder eigne
319
Kraft, deinem schwachen Stamm ein ewig Leben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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