XxX. Auf ein antikes Grab-Basrelief, eine todte Jungfrau darstellend, die im Begriff ist von den Ihrigen Abschied zu nehmen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Giacomo Leopardi: XxX. Auf ein antikes Grab-Basrelief, eine todte Jungfrau darstellend, die im Begriff ist von den Ihrigen Abschied zu nehmen (1817)

1
Wo eilst du hin? Wer ruft dich
2
Hinweg von deinen Lieben,
3
Du holde Mädchenblume?
4
Willst du allein dein väterliches Haus
5
So früh verlassen? Kehrst zu dieser Schwelle
6
Du je zurück und wird ein Wiedersehen
7
Erfreun, die heut in Thränen dich umstehen?

8
Dein Aug' ist trocken, muthig die Geberde,
9
Und dennoch bist du traurig. Ob willkommen,
10
Ob unerwünscht die Reise dir erschiene,
11
Ob dir das Ziel mißfällt –
12
Aus deiner ernsten Miene
13
Verräth sich's kaum. Ach, zweifelnd und beklommen
14
Schwankt mir das Herz, und wohl in aller Welt
15
Weiß Niemand, ob sich gnädig dir der Himmel,
16
Ob grausam wollt' erweisen,
17
Ob man dich soll beklagen oder preisen.

18
Dich ruft der Tod; schon bei des Tags Beginn
19
Die letzte Stunde! Zum verlassnen Neste
20
Kehrst du nicht mehr. Für immer
21
Musst du die theuren Eltern
22
Verlassen. Unterirdisch
23
Ist deiner Reise Ziel;
24
Dort wirst du nun verweilen fürderhin.
25
Ein Glück vielleicht! Und doch, wer still bei sich
26
Dein irdisch Loos betrachtet, seufzt um dich.

27
Niemals das Licht zu schauen
28
War wohl das Beste. Doch einmal geboren,
29
Da Schönheit erst sich königlich entfaltet
30
In Wuchs und Angesicht
31
Und schon die Welt von ferne
32
Beginnt sich ihrer jungen Macht zu beugen,
33
Beim Aufblühn jeder Hoffnung, da noch nicht
34
Mit düstrer Blitze flammender Gewalt
35
Wahrheit die freudenhelle Stirn getroffen,
36
Gleich einem Rauche, der im Tageslicht
37
Ein windbewegtes Wölkchen aufwärts wallt,
38
So, gleich wie nie entstanden, zu verschweben
39
Und künft'ge Lebensfülle
40
Zu tauschen mit des Grabes dunkler Stille,
41
Das ist's – mag es dem Geist
42
Auch eine Wohlthat scheinen –,
43
Was auch dem Muthigsten das Herz zerreißt.

44
Mutter, von deinen Kindern
45
Gefürchtet, die du früh schon weinen lehrst,
46
Natur du grause, die du nur gebärst
47
Und nährst, um deine eigne Brut zu tödten:
48
Wenn Scheiden vor der Zeit
49
Ein Übel ist, wie kannst du es erwählen
50
Den schuldlos jungen Seelen?
51
Und ist's ein Glück, warum
52
Muß als das schwerste Leid
53
Solch Scheiden Dem, der bleibt, Dem, der die Seinen
54
Verlassen soll, so trostlos herb erscheinen?

55
Elend, wohin sie blicken,
56
Elend, wohin sie streben oder flüchten,
57
Sind deine schwachen Kinder,
58
Und selbst der Jugend Träume,
59
Du lässest sie am Leben
60
Zu Schanden werden. Wachsend mit den Jahren
61
Bedrängen uns Gefahren. Nur der Tod
62
Schirmt uns vor Leid. Dies unentrinnbar feste
63
Gesetz, dies letzte Ziel
64
Gabst du dem Lauf des Lebens. Ach, warum
65
Ist nach der rauhen Bahn zum Mindsten nicht
66
Das Ziel uns freudenvoll? Warum das Ende,
67
Das als gewiß uns Allen,
68
So lang wir leben, stets vor Augen steht,
69
Den einz'gen Trost der Leiden,
70
Die uns hienieden trafen,
71
Mit schwarzem Flor umkleiden,
72
Mit Grau'n ihn so umgeben,
73
Daß uns mit Furcht und Beben
74
Mehr als die Brandung schreckt der sichre Hafen?

75
Zwar, wenn dies bittre Sterben
76
Ein Loos ist, das du Allen
77
Verhängt, die ohne Wissen du und Willen
78
Und ohne Schuld dem Leben preisgegeben,
79
So ist, wer stirbt, von Dem noch zu beneiden,
80
Der seiner Lieben Scheiden
81
Erleben muß. Denn wenn das Leben wirklich
82
Ein Unglück ist und sterben
83
Ein Glück, wer
84
Wie doch im Grund er sollte,
85
Den letzten Tag ersehnen seiner Lieben,
86
Um dann, zurückgeblieben
87
Arm und beraubt, zu sehen,
88
Wie von der Schwelle das geliebte Wesen
89
Von hinnen wird getragen,
90
Mit dem vereint er lebte manches Jahr,
91
Ade ihm sagen, jeder Hoffnung baar,
92
Ihm wieder zu begegnen
93
In dieser ird'schen Welt;
94
Und dann, auf Erden einsam und verlassen
95
Umblickend, in gewohnter Stund' und Stätte
96
Zu denken Dessen, dem er einst gesellt?
97
Wie, o Natur, wie bringst du's übers Herz,
98
Grausam hinwegzureißen
99
Den Freund aus Freundesarmen,
100
Geschwister von Geschwistern,
101
Die Kinder von den Eltern,
102
Sein Lieb vom Liebenden, daß Eins erlischt
103
Und weiter lebt das Andre? Mußtest du
104
Zum Leiden und zum Lieben
105
Die Kraft uns leihn, daß, was wir heiß geliebt,
106
Wir überleben? Doch Natur von je
107
Gehorchte andern Trieben,
108
Und wenig gilt ihr unser Wohl und Weh.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.