Zuweilen kehrt vor meinen Geist zurück

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Giacomo Leopardi: Zuweilen kehrt vor meinen Geist zurück Titel entspricht 1. Vers(1817)

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Zuweilen kehrt vor meinen Geist zurück
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Dein Bild, Aspasia. Mag es flüchtig mir
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Vorüberblitzen im Gewühl der Stadt
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Aus andern Zügen; mag im öden Feld
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Am heitern Tag, im Glanz der stummen Sterne,
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Gleichsam erweckt von sanfter Harmonie,
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Mir in der Seele, die noch leicht erschrickt,
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Dies stolze Traumbild plötzlich auferstehn.
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Wie angebetet einst, ihr Götter, wie
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Mir Wonn' und Fluch zugleich! Und nie umwehen
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Die Düfte mich von blumenreicher Flur,
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Noch aus den Gärten in der Städte Mitten,
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Daß ich des Tags nicht denke, wo ich dich
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In deinen lieblichen Gemächern fand,
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Durchduftet alle von den frischen Blüten
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Des Frühlings, wo gekleidet in die Farbe
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Des dunklen Veilchens deine himmlische
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Gestalt erschien, nachlässig hingeschmiegt
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Auf glänzende Polster, von geheimer Wollust
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Rings überhaucht; indeß du, ausgelernte
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Verführerin, inbrünstig glüh'nde Küsse
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Auf deiner Kinder sanftgeschwellte Mündchen
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Laut schallend drücktest, deinen schneeigen Nacken
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Vorbiegend und die arglos junge Brut
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An den verhüllten, ach, ersehnten Busen
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Zogst mit der wunderschönen Hand. Da schienen
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Mir Erd' und Himmel neu, und fast ein Strahl
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Der Gottheit glänzt' in mir. Da traf, beschwingt
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Von deiner Hand, die Brust, die wohlbewehrt schien,
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Mit Macht der Pfeil, den unentreißbar fest
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Ich stöhnend trug, bis sich zum zweiten Mal
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Im Lauf der Sonne jährte jener Tag.

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Ein Strahl der Gottheit selbst erschien mir damals,
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Weib, deine Schöne. Gleiche Zaubermacht
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Übt Schönheit, wie Musik, die uns so oft
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Von unbekannten Paradiesen hehres
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Geheimniß zu enthüllen scheint. Dann hätschelt
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Der tiefgetroffne Sterbliche das Kind
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Der eignen Seele, das geliebte Urbild,
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Den Inbegriff der ew'gen Himmelswonne,
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Ganz an Gesicht, Geberde, Stimm' und Rede
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Dem irdischen Weibe gleich, das zu ersehnen
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In seinem Taumel wähnt der Liebende.
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Und doch nicht dieses, jenes nur, das Urbild
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Liebt und ersehnt er selbst im Rausch der Sinne.
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Doch endlich wird er inne seines Wahns
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Und der Verwechslung, zürnt dann und beschuldigt
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Gar ungerecht das Weib. Es schwingt zur Höhe
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Des Ideals sich selten nur ihr Geist,
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Und was hochsinnig Liebenden sie einflößt
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Durch ihren eignen Reiz, ahnt und versteht
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Sie selber nicht. Nicht fasst so herrliche
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Gedanken diese enge Stirn; und thöricht
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Hofft – oder fordert gar – vom hellen Funkeln
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Verführerischer Augen der Betrogne
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Den tiefen, unergründlichen und mehr
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Als männlich reifen Geist von Denen, die
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Dem Mann in Allem nachstehn. Ihnen ward
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Mit zartern, weichern Gliedern auch ein Geist
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Von mindrer Fähigkeit und mindrer Kraft.

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Auch du, Aspasia, was du selber einst
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Mir in die Seele flößtest, nimmermehr
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Hast du es ahnen können, nie erfuhrst du,
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Wie grenzenlose Glut, wie tiefe Qual,
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Wie unaussprechlich wilden Sturm und Wahnsinn
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Du in mir aufgewühlt; und niemals kommt
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Der Tag, wo du's begreifst. So weiß auch nicht
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Wer die Gewalt der Töne fluten läßt,
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Was er mit Stimm' und Hand heraufbeschwört
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In seinem Hörer.
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So heiß geliebt, ist todt. Es schläft für immer,
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Was einst Ziel meines Lebens war. Nur manchmal,
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Nur wie ein theurer Schatten pflegt sie noch
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Zu kommen und zu schwinden. Doch
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Nicht bloß noch immer schön,
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Daß, däucht mir, alle Frau'n du überstrahlst.
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Doch jene Glut, die du geweckt, erlosch;
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Denn nicht dich selber: jene Göttin liebt' ich,
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Der diese Brust einst Tempel war, nun Grab.
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Für Jene glüht' ich lang, so ganz beseligt
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Von ihrem Himmelsreiz, daß ich, obwohl
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Von allem Anfang was du warst und bist
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Durchschauend, deine Künst' und Listen alle,
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Doch
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Und, weil
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Nicht mehr betrogen, nur noch von dem Reiz
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Der zauberischen Ähnlichkeit verlockt,
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Die lange, herbe Knechtschaft zu ertragen.

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Nun rühme dich; du kannst es! Nun erzähle,
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Daß dir allein von deinen Schwestern ich
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Den stolzen Nacken bog, freiwillig antrug
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Dies unbezähmte Herz. Erzähle nun,
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Daß du die Erst' – und sicherlich die Letzte –
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Mein Auge flehen sahst und dir genüber
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Mich scheu und zitternd (da ich's sage, glüh' ich
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In Grimm und Scham), mich meiner selbst beraubt,
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Wunsch, Wort und Wink von dir in schrankenloser
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Ergebenheit erspähn, bei deinen stolzen
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Launen erblassen, beim geringsten Zeichen
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Der Huld erglühn, bei jedem deiner Blicke
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Haltung und Farbe wechseln. Die Bezaubrung
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Ist hin, mit ihr zerfiel in Trümmer auch
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Das schnöde Joch, und ich frohlocke. Mögen
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Die Tage leer sein: dennoch, nach der Knechtschaft
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Und langem Wahn – wie froh umarm' ich jetzt
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Vernunft und Freiheit! Gleicht auch dieses Leben,
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Von Leidenschaft und holdem Irrthum frei,
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Der sternenlosen Nacht in Wintersmitte:
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Doch gnügt es mir als Trost und Rache für
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Mein herbes Menschenloos, daß hier im Grase
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Ich müßig, unbeweglich hingestreckt,
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Luft, Erd' und Meer betrachten kann und lächeln.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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