XxVII. Liebe und Tod

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Giacomo Leopardi: XxVII. Liebe und Tod (1817)

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Als Zwillinge des Schicksals Schooß entsprossen,
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Sind Lieb' und Tod Genossen.
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Nichts Schönres ward hinieden
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Der Erde, nichts der Sternenwelt beschieden.
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Von Jener stammt die höchste,
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Die seligste der Freuden,
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Die je uns blühen mag im Meer des Seins,
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Und von den schwersten Leiden
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Kann ihr Genoß erlösen.
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Das wundersame Wesen,
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Holdselig anzuschauen,
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Nicht wie's der Feigling pflegt sich vorzustellen,
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Will gern der jungen Liebe
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Sich oftmals zugesellen.
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Vereint durchziehn sie dann des Lebens Auen
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Und sind des Weisen Trost in aller Trübe.
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Je mehr voll Liebesglut,
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Je weiser ist ein Herz, je stolzer achtet's
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Gering des Lebens Wehe.
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Kein Machtgebot, o Liebe,
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Befeuert so wie deins zu jedem Wagniß.
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Entflammt ja deine Nähe
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Ein jedes Herz mit Muth,
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Belebt den sinkenden und pflegt zu Thaten,
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Nicht nur zu müß'gem Brüten, wie sie pflegen,
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Die Geister zu erregen.

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Wenn in der Jugend Blüte
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Sich regt in Herzenstiefen
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Ein zärtliches Verlangen,
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Erwacht zugleich mit ihm ein müdes Bangen,
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Ein schmachtend Todessehnen im Gemüthe,
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Nicht weiß ich, wie; doch Allen,
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Die war und heiß geliebt, ist's so ergangen.
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Dann wohl mit Grau'n betrachtet
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Der Mensch die Oede rings, und diese Erde
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Dünkt unbewohnbar ihm, wenn seinem Herzen
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Der eine Wunsch versagt wird,
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Die neue, grenzenlose
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Glückseligkeit, wonach die Seele trachtet.
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Und ahnt er gar den Sturm, der seine Brust
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Erschüttern wird um sie: ersehnt er Ruhe
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Und möcht' im Hafen landen,
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Dem Aufruhr zu entrinnen
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Der Leidenschaft, die ihm die Welt umnachtet.

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Wenn Alles dann ringsum
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Die wilde Macht verschlungen
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Und Gram wie Wetterstrahl im Busen wüthet,
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Wie innig tausendmal
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Wirst du herangefleht,
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O Tod, vom Liebenden in seiner Qual,
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Wie oft im Abendstrahl,
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Wie oft, wenn früh er sinkt aufs Lager nieder,
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Preis't er als höchstes Glück, wär's ihm vergönnt,
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Nie mehr die matten Glieder
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Zu heben, nie die Sonne mehr zu sehen;
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Und hört er mit des Todtenglöckleins Klange
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Gesang herüberwehen,
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Ein Grabgeleit zu ewigem Vergessen,
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Wie innig dann erseufzend
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Aus tiefster Brust, beneidet
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Er Den, der bei den Schatten Wohnung fand!
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Ja, selbst die rohe Menge,
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Der Bauer, der den Segen,
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Der von der Bildung ausströmt, nie gekannt,
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Das Mädchen, dem das Haar zu Berge stand
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Vor Schaudern, hört' es sagen
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Vom Tod: sie alle wagen
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Mit festem Muth auf Grab und Sterbekleid,
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Wenn Liebesgram sie nagt, den Blick zu lenken,
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Gelassen zu bedenken,
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Ob Dolch, ob Gift sie wählen,
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Und ihre schlichten Seelen
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Verstehen ganz des Todes Lieblichkeit.
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So locken uns zum Tod
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Der Liebe strenge Noth und Machtbefehle.
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Oft auch, wenn so sich mehrt die innre Qual,
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Daß ird'sche Kraft nicht länger kann genügen,
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Sehn wir den Leib erliegen
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Dem wilden Sturm, und schwesterlich gesellt
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Hilft Liebe dann der Macht des Todes siegen.
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Dann wieder spornt sie dergestalt die Herzen,
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Daß selbst der schlichte Landmann freientschlossen,
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Die Jungfrau selbst ihr Leben
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Mit eigner Hand gefährden,
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Die jungen Glieder in die Grube betten.
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Die Welt lacht ihrer Schmerzen;
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Ihr sei's beschieden, friedlich alt zu werden.

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Der glücklichen Gemeinde
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Begeistert glüh'nder Seelen
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Mag Einen doch von euch das Schicksal gönnen,
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Geliebte Herrn und Freunde
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Der armen Menschheit, denen
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Sich keine Macht kann ebenbürtig wähnen
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Im unermessnen All und mächt'ger nur
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Das Fatum, waltend über der Natur.
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Du aber, den schon seit den Jugendtagen
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Ich huld'gend angerufen,
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O holder Tod, du einz'ger
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Erbarmer in der Erde Noth und Plagen,
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Wenn ich dich je gepriesen
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Und trotz der Schmach, die Thoren undankbar
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Dir anthun, immerdar
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Dir Ehrfurcht fromm erwiesen,
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Laß nicht mein Flehn vergebens,
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Das seltne zu dir dringen,
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Und dies mein Augenpaar
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Hüll ein in ew'ge Nacht, du Fürst des Lebens.
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Mich wirst du stets, zu welcher Zeit und Stunde
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Du mir erlösend nahst auf dunklen Schwingen,
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Aufrechten Hauptes sehen
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Dem Schicksal widerstehen,
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Und färbt es seine Hand, die Wund' um Wunde
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Mir schlägt, mit meinem Blut,
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Nie werd' ich's darum preisen
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Und segnen, wie, befangen
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In altem Sklavensinn, die Menschheit thut.
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Nein, jeder Hoffnung trügerischen Schein,
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Mit dem die Welt so kindisch
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Sich zu getrösten glaubt,
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Will ich verschmähn und nie auf Hülfe bauen,
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Als nur vor dir allein.
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So will ich heiter nun
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Den Tag erharren, wo mein schlummernd Haupt
124
Darf dir am Busen ruhn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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