XxI. An Silvia

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Giacomo Leopardi: XxI. An Silvia (1817)

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Silvia, gedenkst du noch
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An jene Zeit in deinem Erdenleben,
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Als dir von Schönheit glänzte
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Dein lachend Augenpaar in muntrer Helle
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Und du betratst, froh und gedankenvoll,
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Des Jungfraunalters Schwelle?

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Von früh bis spät erklangen
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Die stillen Zimmer und ringsum die Gassen
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Von deinem hellen Singen,
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Wenn bei der Arbeit eifrig ohne Säumen
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Du saßest und in Träumen
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Von schöner Zukunft fröhlich war dein Sinn.
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Süß duftete der Mai. So pflegtest du
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Die Tage zu verbringen.

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Dann meinen theuren Büchern
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Abtrünnig und den mühevollen Heften,
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An die ich früh gewendet
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Den besten Theil von meinen Jugendkräften,
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Wie manchmal von des Vaterhauses Söller
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Lauscht' ich auf deine Stimme unverwandt
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Und spähte nach der Hand,
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Die flink das Linnen hin und her durchlief.
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Wie still die Luft sich kühlte!
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Wie golden Weg' und Gärten,
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Und hier das ferne Meer und dort die Berge!
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Kein Menschenmund spricht aus,
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Was ich im Busen fühlte!

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Wie liebliche Gedanken,
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O meine Silvia, welch ein hoffend Streben!
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Wie schien das Menschenleben
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Uns damals wundersam!
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Bedenk' ich, wie viel Täuschungen verglommen,
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Fühl' ich mein Herz beklommen
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Von trostlos bittrem Gram,
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Und all mein Elend däucht mir schwerer nur.
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Warum, warum, Natur,
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Hältst du nicht Wort, erfüllest,
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Was du versprachst, und trügst die eignen Kinder,
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Die du mit Wahn umhüllest?

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Du, eh' im Winter noch die Flur erstarrt,
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Von tückisch leisem Siechthum hingerafft
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Vergingst, du Zärtliche, und schautest nicht
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Die Blüte deiner Jahre
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Und durftest nicht erst fühlen,
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Wie süß das Lob auf deine schwarzen Locken,
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Auf deine feurigscheuen Liebesblicke;
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Nicht plauderten mit dir von holdem Glücke
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Am Festtag die Gespielen.

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Auch mir verging – wie bald! –
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Mein liebstes Hoffen, meinen Jahren auch
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Versagten die Geschicke
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Den Jugendglanz. Wie bist du
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Entschwebt, gleich einem Hauch,
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Holde Gefährtin meiner Knabenzeit,
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Hoffnung, du vielbeweinte!
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Das also ist die Welt,
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Die Freuden, Thaten, Lieb' und bunten Fährden,
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Die Jeder fröhlich zu erleben meinte?
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Dies das Geschick der Sterblichen auf Erden?
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Beim Nah'n der Wahrheit sankst du
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Dahin, du Aermste; und von ferne nur
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Wies deine Hand den kalten Tod mir und
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Ein Grab auf öder Flur.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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