XiX. An den Grafen Carlo Pepoli

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Giacomo Leopardi: XiX. An den Grafen Carlo Pepoli (1817)

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Den schweren, unruhvollen Schlummer, den
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Wir Leben nennen, wie erträgst du ihn,
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Mein Pepoli? An welchen Hoffnungen
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Stärkst du dein Herz? Was für Gedanken, welche
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Geschäfte, heiter oder lästig, füllen
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Die Muße, die, ein mühevolles Erbtheil,
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Du von den Ahnen überkamst? Das Leben
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In jedem ird'schen Stand ist immer müssig,
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Wenn alles Thun und Schaffen, das nicht strebt
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Nach würd'gen Zielen oder nie den Zweck
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Erreichen kann, für mehr nicht gelten mag
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Als eitel Müssiggang. Der fleiß'ge Haufe,
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Den hinterm Pflug, im Garten, bei den Heerden
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Das stille Frühroth wie der Abend trifft,
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Wenn du ihn müssig nennst, da er sein Leben
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Nur fristet, um zu leben, und dem Menschen
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Das Leben an sich selber werthlos ist,
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So sprichst du recht und wahr. Die Tag' und Nächte
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Verdehnt der Schiffer müssig. Müssiggang
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Ist all das Schweißvergießen in der Werkstatt,
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Des Kriegers kühner Wacht- und Waffendienst,
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Und müssig lebt der geiz'ge Handelsmann.
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Denn jenes holde Glück, nach dem allein
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Sich sehnt und strebt die sterbliche Natur,
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Niemand erwirbt es, weder sich noch Andern,
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Durch Sorg' und Schweiß, durch Wachen und Gefahr.
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Doch für die herbe Sehnsucht, die so rastlos
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Vom Anbeginn der Welt die Sterblichen
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Nach Glück begehren heißt und stets umsonst,
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Schuf die Natur als lindernde Arznei
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Im Elend dieses Lebens mannichfache
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Nothdurft, die ohne Müh' und Denken nicht
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Befriedigt werden mag, auf daß der Tag,
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Kann er nicht fröhlich sein, doch ausgefüllt sei
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Dem menschlichen Geschlecht und, so gestört
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Und irrgeleitet, jene Sehnsucht minder
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Das Herz bestürme. Sehen wir doch auch
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Die unermessne Thierwelt, der, gleichwie
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Uns selbst, allein und stets getäuscht die Sehnsucht,
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Glücklich zu sein, im Innern lebt, auf das
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Bedacht, was noth zum Leben, minder traurig
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Als wir und leichter ihre Zeit verbringen
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Und nicht der Stunden trägen Schritt verklagen.
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Doch uns, die Andern wir die Sorge lassen
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Für unsre Lebensnothdurft, uns bedrückt
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Nur eine schlimmre Noth, die außer uns
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Kein Andrer lindern kann, die wir nicht mühlos
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Und leicht befried'gen: die Nothwendigkeit,
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Das Leben hinzubringen, eine harte,
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Eh'rne Nothwendigkeit, von der nicht Schätze,
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Noch reiche Heerden oder fette Fluren,
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Nicht Prunk des Hofes noch ein Purpurmantel
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Den Menschen je befrei'n. Und wenn, im Grimm
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Auf unser ödes Leben und das Licht
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Des Himmels hassend, wir die Mörderhand,
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Dem zögernden Geschick zuvorzukommen,
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Nicht an uns selber legen, suchen wir,
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Das Nagen jener unheilbaren Sehnsucht
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Nach Glück zu stillen, tausend Arzenei'n,
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Ohnmächtig all', ein trauriger Ersatz
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Für jene eine, die Natur uns bietet.

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Bald füllt die Pflege von Gewand und Haar
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Und Gang und Haltung und die eitle Sorge
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Für Pferd' und Wagen, Lust an vollen Sälen,
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Lärmvollen Plätzen oder schönen Gärten,
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Bald füllen Spieltisch, Gasterei'n und Tänze
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Dem Vielbeneideten die Tag' und Nächte.
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Stets lächelt seine Lippe, doch im Busen,
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Ach, in der tiefsten Seele fest und starr
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Gleich einer diamantnen Säule sitzt
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Die ew'ge Langeweile, gegen die
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Der Jugend Zauber nichts vermag und nichts
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Die süße Plauderkunst von Rosenlippen
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Und nichts der Blick, der zärtlich bebende,
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Aus schwarzen Augen, jener süße Blick,
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Das himmelswürdigste der Erdengüter.

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Ein Andrer, gleich als könn' er so entfliehn
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Dem herben Menschenloos, wenn Land und Luft
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Er ewig wechselt, irrt durch Berg' und Meere,
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Durchstreift den ganzen Erdkreis; jede Grenze
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Des Raums, die uns Natur im endlos weiten
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Gesild des Alls eröffnet, mißt er aus
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In stetem Wandern. Ach, am hohen Bord
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Des Schiffes reis't die schwarze Sorge mit!
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In jedem Luftstrich, jedem Land umsonst
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Ruft er nach Glück; rings lebt und herrscht die Trauer.

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Ein Andrer wählt die rauhen Werke sich
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Des Kriegs zur Kurzweil, taucht in Bruderblut
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Die Hand zum Zeitvertreib; ein Andrer weidet
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Sich an des Nächsten Unglück, denkt, es werd'
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Ihm frommen, wenn er Andre elend macht,
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Und wendet seine Zeit auf Unheilstiften.
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Und während Der sich müht um Tugend, Künste
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Und Wissenschaft, ist Jener nur bedacht,
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Sein eignes oder fremdes Volk zu knechten,
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Stört ferne Länder aus der alten Ruhe
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Und füllt mit Handel, Krieg und schlauen Ränken
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Die zugemessne Frist des Lebens aus.

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Doch dich beherrschen sanftre Neigungen
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Und süßre Sorgen in der Jugend Flor,
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Dem holden Lenz des Lebens, jenem höchsten
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Geschenk des Himmels, aber hart und bitter
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Dem, der ein Vaterland entbehrt. Dich treibt
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Die Lust an Liedern und im Wort zu schildern
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Das Schöne, das so selten, karg und flüchtig
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Der Welt erscheint und das uns, gütiger
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Als Himmel und Natur, so unerschöpflich
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Die holde Phantasie und eigner Wahn
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Hell vor die Seele zaubern. Tausendmal
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Glückselig, wer die leichtverwelkte Kraft
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Der trauten Einbildung nicht schwinden fühlt,
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Wie auch die Jahre fliehn; wem das Geschick
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Des Herzens ew'ge Jugend gönnen will;
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Wer in der Vollkraft wie in müder Zeit,
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So wie er einst gepflegt in grüner Jugend,
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Im Innern seiner Brust Natur verschönt,
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Die Wüste wie den Tod belebt. Dir gönne
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Der Himmel solches Glück. Der Funke, der
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Dir heut den Busen wärmt, er lasse dich
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Die Dichtkunst lieben noch als Greis. Doch ich –
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Schon fühl' ich all den süßen Jugendwahn
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Hinschwinden und vor meinem Blick erblassen
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Die frohen Bilder, die ich ach, so sehr
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Geliebt, an die ich bis zur letzten Stunde
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In Sehnsucht und mit Thränen denken muß.
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Und wenn nun dieser Busen ganz erstarrt
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Und kalt geworden, nicht die heitre Stille,
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Die einsam auf den sonnigen Feldern ruht,
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Noch der Gesang der morgenfrohen Vögel
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Im Frühling, nicht das stille Mondenlicht
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Auf Höh'n und Tiefen unterm reinen Himmel
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Mein Herz mehr rühren können, wenn mir stumm
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Und leblos ward, was Schönes die Natur
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Und Kunst mir zeigen, jedes Hochgefühl
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Und jede zarte Regung fern und fremd:
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Dann will ich, bettelnd um den letzten Trost,
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Zu andrem, minder frohem Thun mich wenden,
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Des eh'rnen Lebens undankbaren Rest
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Nur ihm noch weih'n. Erforschen will ich dann
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Die herbe Wahrheit: was die blinden Loose
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Der sterblichen und ew'gen Dinge meinen,
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Wozu die Menschheit, so mit Qual beladen,
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Erschaffen ward; zu welchem letzten Ziel
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Natur sie treibt und Schicksal; wen doch nur
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All unser Leiden freu'n und fördern mag;
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Wohin, nach welcher Ordnung und Gesetz
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Dies räthselhafte Weltall kreis't, das höchlich
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Die Weisen rühmen, ich nur kalt bestaune.

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In solchem Grübeln werd' ich meine Muße
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Verbringen. Denn erkannte Wahrheit, ob sie
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Auch trostlos sei, hat ihren Reiz. Und sind
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Dann meine Worte, Wahrheit kündend, nicht
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Der Welt willkommen oder unverständlich,
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Mich kränkt es nicht, da längst die alte schöne
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Begier nach Ruhm mir wird erloschen sein:
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Ruhm – jener Götze, der nicht nur ein Wahn,
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Nein, blinder auch als Schicksal ist und Liebe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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