XvIII. An die Geliebte

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Giacomo Leopardi: XvIII. An die Geliebte (1817)

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Du Holde, die mein Sehnen
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Von fern erregt mit tiefverhüllten Zügen,
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Mich läßt im Traum nur wähnen,
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Ihr himmlisch Bild zu schauen,
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Und wenn am schönen Tag
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In Wonne lachend die Gefilde liegen:
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Sag, lebtest du dein Leben
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Schon in der goldnen Zeit, der unschuldsvollen,
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Um heut uns zu umschweben
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Als Schatten? Oder hat ein neidisch Walten
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Des Schicksals dich der Zukunft vorbehalten?

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Die Hoffnung ist geschwunden,
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Dich je zu schau'n im Leben;
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Erst dann vielleicht, wenn hüllenlos mein Geist
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Nach fremden Stätten einsam wird entschweben
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Auf neuem Pfad. Schon einst im Morgengrauen
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Des Erdentags mit ungewissem Scheine
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Glaubt' ich, auf dieser rauhen Erde sei'st
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Auch du bestimmt zur Pilgerschaft. Doch fand ich
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Nichts Irdisches dir ähnlich. Wenn auch Eine
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Dir glich' an Zügen, an Geberd' und Rede, –
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An Reiz und Anmuth überträfst du Jede.

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Wenn unter all den Leiden,
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Die Sterblichen verhängt sind vom Geschick,
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Leibhaft und so wie dich mein Geist geträumt
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Dich Einer liebt' auf Erden, – dieses Leben
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Wär' ihm ein sel'ges Glück;
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Ich fühl' es tief: nach Ruhm und Tugend streben
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Würd' ich aufs Neue, wie in junger Zeit,
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Um deiner Liebe willen. Jetzt gewährt
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Der Himmel keine Lindrung meinem Leid.
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Mit dir vereinigt wäre schon hienieden
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Ein göttergleiches Dasein mir beschieden.

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In Thälern, wo das Lied
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Des fleiß'gen Landmanns hinterm Pflug ertönt,
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Sitz' ich versenkt in Sehnen
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Nach meinem Jugendtraum, der nun entflieht.
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Und fließen auf den Hügeln meine Thränen,
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Weil meinen Tagen jede Sehnsucht, jede
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Hoffnung entschwand, – auf einmal, denk' ich dein,
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Pocht neuerweckt mein Herz. O könnt' ich nur
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In dieser düstern Zeit voll Schmach und Pein
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Dein hohes Bild bewahren, das so mild,
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Obwohl ihm Leben fehlt, die Seele stillt!

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Bist du vielleicht der ew'gen
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Ideen eine, der die ew'ge Weisheit
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Ein sinnliches Gewand nicht wollte geben,
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Nicht sie in schwacher Hülle
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Verstoßen in dies todgeweihte Leben?
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Wie, oder ward zum Wohnort dir ersehen
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Ein neu Gestirn aus aller Welten Fülle,
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Wo schöner als die Sonne dich umstrahlt
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Der nächste Stern und mildre Lüfte wehen?
54
So nimm aus dieser Welt, so leidgetrübt,
55
Das Lied des Unbekannten, der dich liebt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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