1
So mild und hell und windstill ist die Nacht,
2
Und ruhig über Dächer hin und Gärten
3
Schwebt dort der Mond und zeigt auch in der Ferne
4
Klar jeden Bergesgipfel. O Geliebte,
5
Nun sind die Gassen stumm, nur aus den Fenstern
6
Schimmert noch hie und da die nächt'ge Lampe.
7
Du schläfst; denn deiner harrt' ein leichter Schlummer
8
Im lauschigen Gemach, und keine Sorge
9
Nagt dir am Herzen. Ach, du weißt, du ahnst nicht,
10
Welch eine Wunde meiner Brust du schlugst.
11
Du schläfst; ich tret' ans Fenster, diesen Himmel,
12
Der mir so gütig lächelt, zu begrüßen
13
Und die Natur, die alte, allgewalt'ge,
14
Die mich erschuf zum Leiden. Dir versag' ich
15
Die Hoffnung, sprach sie, selbst die Hoffnung. Dir
16
Soll nie das Auge glänzen, als von Thränen. –
17
Dies war ein Feiertag; von Spiel und Kurzweil
18
Ruhst du nun aus und denkst vielleicht im Traum
19
An Alle, denen heute du gefielst
20
Und die dir selbst gefielen. Ich – nie hofft' ich's –
21
Bin unter Diesen nicht. Indessen frag' ich,
22
Wie lang dies Leben währt, und hier zu Boden
23
Werf' ich mich stöhnend. Fürchterliche Tage
24
In solcher Jugend! Unfern auf der Straße
25
Kann ich den einsamen Gesang vernehmen
26
Des Tagelöhners, der in später Nacht
27
Heimkehrt vom Fest in seine arme Hütte,
28
Und heftig schnürt sich mir das Herz zusammen,
29
Denk' ich, wie Alles in der Welt vergeht
30
Und kaum noch Spuren läßt. Verflogen ist
31
Der Festtag, und dem Feiertage folgt
32
Der Werkeltag, und so entführt die Zeit
33
Ein jedes Menschenloos. Wo ist nun hin
34
Der Ruf der alten Völker? Wo die Stimme
35
Unsrer erlauchten Ahnen und das Weltreich
36
Des großen Rom, die Waffen und das Tosen,
37
Das einst erschollen über Land und Meer?
38
Alles ist Ruh' und Frieden, stille liegt
39
Die weite Welt, und Niemand spricht von Jenen.
40
In meiner Jugendzeit, da noch mit Sehnsucht
41
Den Festtag ich erharrte, wenn er dann
42
Vergangen war, lag ich in Schmerzen wach
43
Auf meinem Bette; und in später Nacht
44
Ein Lied, das mir heraufklang von der Straße
45
Und sich entfernend nach und nach erstarb –
46
Ganz so wie heut beklemmte mir's das Herz!