Xi. Die Blauamsel

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Giacomo Leopardi: Xi. Die Blauamsel (1817)

1
Herab von jenes alten Thurmes Zinne
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Singst du ins Feld hinaus, einsamer Vogel,
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Und erst des Tags Verscheiden macht dich stumm.
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Der süße Wohllaut schweift durch dieses Thal;
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In Lüften glänzt ringsum
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Der Lenz und zieht frohlockend durch die Fluren,
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Daß uns der Anblick zärtlich rührt die Brust.
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Du hörst die Schafe blöken, Rinder brüllen,
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Die andern frohen Vögel um die Wette
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In tausend Kreisen schwärmen unterm Himmel,
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Frohlockend dieser Zeit, der lustgeweihten.
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Du blickst von fern nachdenklich ins Getümmel;
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Nicht an Gefährten, Flügen
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Und heiterm Spiel magst du Gefallen finden.
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Du singst, – und so entschwinden
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Dir deine wie des Jahres Blütezeiten.

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Wie ähnlich, ach, verrinnt
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Mein Tag dem deinen! Muntrer Scherz und Lachen,
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Die stets der Jugendzeit Gespielen sind,
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Und du, der Jugend holde Schwester, Liebe,
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Du bittrer Seufzer unsrer reifern Tage,
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Mich rührt ihr nicht; warum? ich weiß es nicht;
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Ja, euch entflöh' ich gerne.
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Fast allen Menschen ferne,
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Fremd meinem Heimathort,
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Seh' ich, wie meines Lebens Lenz verstreicht.
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Sie pflegen diesen Tag, der nun sich neigt,
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In unserm Städtchen festlich zu begehn.
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Horch, wie durch klare Luft das Glöckchen tönt,
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Horch, wie dazwischen oft aus Eisenröhren
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Ein Donnern fern von Haus zu Haus erdröhnt.
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Des Ortes Jugend heut
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In ihren Feierkleidern
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Verläßt die Häuser, wandelt hier- und dorthin
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Und schaut und läßt sich schau'n und ist vergnügt.
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Ich geh' in Einsamkeit
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Hinaus hier diesen abgelegnen Pfad.
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Ach, alle Lust und Freude
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Vertag' ich auf die Zukunft, und indeß ich
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Den Blick ins Helle lenke,
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Trifft mich die Sonne, die von fernen Bergen
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So klar herübersieht
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Und scheidend mir zu sagen scheint: gedenke,
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Wie bald die sel'ge Jugendzeit entflieht.

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Du, einsam Vögelchen, wenn sich zum Abend
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Das Leben neigt, das dir die Sterne gönnen,
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Wirst nicht beklagen dies
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Dein stilles Dasein; denn aus der Natur
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Blüht euch all euer Glück.
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Doch ich – läßt mein Geschick
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Mich zur verhaßten Schwelle
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Des Greisenthums gelangen,
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Wo diesen Augen, stumm für fremde Herzen,
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Die Welt verödet dünkt, der nächste Tag
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Noch trauriger, als alle, die vergangen –
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Wie wird mir diese Zeit,
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Einsam versäumt, wie werd' ich selbst mir scheinen?
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In Reue werd' ich weinen
59
Und ach, umsonst zur Jugend heimverlangen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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