X. Die erste Liebe

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Giacomo Leopardi: X. Die erste Liebe (1817)

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Ich weiß den Tag, da ich zum ersten Mal
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Den Kampf der Liebe stritt und zu mir sprach:
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Ist das die Liebe, weh, wie schafft sie Qual!

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Am Boden haftete der Blick, doch ach,
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Ich sah nur Sie, die mit unschuld'gem Triebe
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Zuerst sich Bahn zu diesem Herzen brach.

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Wie schlimm mißhandelt hast du mich, o Liebe!
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Warum nur stürzt uns diese süße Lust
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In solcher Schmerzen sehnliches Getriebe!

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Nicht sanft, nicht heiter ward ich mir bewußt
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Der neuen Macht. Sie kam mit Weh und Klagen
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Und schnürte mir mit dunkler Angst die Brust.

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Sprich, zärtlich Herz, was machte dich verzagen,
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Was bebtest du so tief vor dem Gedanken,
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Der aller Wonnen Preis davongetragen?

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Bei dem Gedanken, der sich ohne Wanken
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Dir Tags gesellt' und Nachts dir raunte zu
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Süßschmeichelnd, wenn in Schlaf die Fluren sanken?

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In Unruh', Glück und Jammer stürmtest du
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Lautpochend fort und fort an dein Gefängniß
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Und scheuchtest mir von meinem Pfühl die Ruh'.

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Und wenn ich, matt von glühender Bedrängniß,
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Die Augen schloß zum Schlummer, o wie bald
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Verstört' ihn, wie im Fieber, Traumesbängniß!

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Wie leibhaft stand die reizende Gestalt
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Im Finstern da, und ob ich auch die Lider
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Zudrückte, sie erblickt' ich tausendfalt.

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Wie floß mit süßem Grau'n durch meine Glieder
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Verworrne Glut, wie wogten ohne Stocken
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Gedanken durch den Geist mir auf und nieder.

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So fährt ein Zephyr durch die dichten Locken
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Des alten Waldes, im Vorüberschweben
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Ihm lange, bange Klagen zu entlocken.

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Und da ich schweigend stand, wehrlos ergeben,
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Was sagtest du, o Herz, als sie nun ging,
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Um die in tiefer Noth du solltest beben?

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Kaum, daß ich völlig an zu lodern fing,
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So war des Lüftchens linder Hauch entschwunden,
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Durch das ich Kühlung meiner Glut empfing.

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Wach lag ich noch in frühen Morgenstunden,
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Da stampfend schon an unsres Hauses Thor
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Die Räuber meines Glücks, die Rosse stunden.

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Und ich, verzagt und stumm, ein blöder Thor,
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Hielt zum Balcon hin in den Finsternissen
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Umsonst mein Aug' und mein begierig Ohr,

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Ob ich noch einmal, eh' sie würd' entrissen,
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Die Stimme hörte, die geliebte, traute,
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Die Stimme nur! Mehr sollt' ich ewig missen.

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Doch immer trafen nur gemeine Laute
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Mein zweifelnd Ohr; ein Frösteln fiel mich an,
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Indeß ich kaum zu athmen mir getraute.

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Und als die theure Stimme endlich dann
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Mir an die Seele drang und von den Rossen
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Und Rädern schlug der Lärm zu mir hinan,

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Da, nun verwais't, die Augen fest geschlossen,
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Vergrub im Pfühl ich zuckend mein Gesicht,
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Die Hand aufs Herz gepreßt, in Gram zerflossen.

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Dann wankend unter meines Grams Gewicht
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Schleppt' ich mich dumpf durchs schweigende Gemach
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Und sprach: Was nun auch kommt, es rührt dich nicht!

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Und bitterlich ward die Erinnrung wach
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In meiner Brust, für jedes Bild verschlossen,
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Für jede Stimme, die zum Herzen sprach.

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Ein öder Schmerz war über mich ergossen,
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Wie wenn der Regen weit und breit ins Land
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Herniederrieselt, traurig und verdrossen.

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Noch hatt' ich dich, o Liebe, nicht gekannt,
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Und achtzehn Sommer lebt' ich bis zum Tage,
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Wo ich mit Thränen deine Macht empfand.

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Entwerthet war mir wie mit einem Schlage
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Jedwede Lust, die heil'ge Morgenfrühe,
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Der Sterne Glanz, des Frühlings Blütenhage.

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Ich fühlte, wie die Sehnsucht selbst verglühe
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Nach Ruhm, von der so heiß mein Busen brannte;
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Nur Schönheit noch erschien mir werth der Mühe.

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Nicht mehr zu den vertrauten Büchern wandte
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Sich Aug' und Sinn. Leer schien mir auf einmal,
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Was ich zuvor als einzig werth erkannte.

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Wie hatt' ich mich verwandelt! ach, wie stahl
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Die neue Leidenschaft mein Herz der alten!
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Traun, eitle Menschen sind wir allzumal.

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Nur noch mein Herz gefiel mir, Zwiesprach halten
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Mit ihm, in ew'ge Träumerei begraben,
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Und meinen Kummer hüten vorm Erkalten.

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Nichts wollte mehr der Blick zu schauen haben,
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Ob schön, ob häßlich; in sich selbst gekehrt,
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Am eignen Licht nur wollt' er sich erlaben;

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Aus Furcht, das reine Bild, so keusch verklärt,
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Getrübt zu sehn im Spiegel meiner Brust,
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Wie Seeflut, über die ein Lüftchen fährt.

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Und jene Reue, daß ich nicht gewußt
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Voll auszukosten, was so schön und gut,
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Sie, die Vergifterin entschwundner Lust,

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Trieb ihren Dorn mir rastlos in das Blut
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Im Rückgedenken; ob auch noch die Pein
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Der Schuld nicht an mir nagt' in wilder Glut.

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Euch, edle Seelen, dir, du Sonnenschein,
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Schwör' ich's: kein niedrer Wunsch hat mich verzehrt;
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Die Glut in mir war sündelos und rein.

100
Und
101
Und ob sie nur ein Traumglück mir gewährt –

102
Sie bleibt der Trost, den ich allein erwähle!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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