Ix. Sappho's letzter Gesang

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Giacomo Leopardi: Ix. Sappho's letzter Gesang (1817)

1
Du sanfte Nacht und du, verschämter Strahl
2
Des späten Monds, und du dort überm Felsen
3
Aufglänzend aus des Waldes stummen Wipfeln,
4
Du Tagesbote, die ihr meinen Augen,
5
Eh' ich das Schicksal kannt' und die Erinnys,
6
So lieb und hold erschient: nun tröstet nimmer
7
Ein wonnig Schauspiel mein verzweifelnd Herz!
8
Nur dann belebt mich langentwöhnte Freude,
9
Wenn durch den Aether schwimmend und die Fluren,
10
Die bang erzittern, sich der Strom des Südwinds
11
Mit Wogen Staubes wälzt, und wenn der Wagen,
12
Zeus' schwerer Wagen über unsern Häuptern
13
Hindonnernd durch die finstern Lüfte fährt.
14
Durch Klippen nur und tiefe Klüfte möcht' ich
15
In Wetterwolken wandeln; mich ergötzt
16
Erschreckter Heerden Flucht, das dumpfe Brausen
17
Der hochgeschwellten Flut
18
Am schwanken Ufer und der Wellen Wuth.

19
Schön ist dein Kleid, erhabner Himmel; schön
20
Bist du, thaufrische Erde. Ach, von aller
21
Endlosen Schöne nicht den kleinsten Theil
22
Verliehn die Götter und das tückische Schicksal
23
Der armen Sappho. Ein verachteter
24
Und läst'ger Gast in deinem stolzen Reiche,
25
Natur, hebt die verschmähte Liebende
26
Umsonst zu deinen Reizen Herz und Augen
27
Um Hülfe flehend auf. Mir lacht nicht mehr
28
Der sonnige Strand, der morgendliche Glanz
29
Am Himmelsthor; mich grüßt nicht der Gesang
30
Der buntgefiederten Vögel, nicht das Rauschen
31
Der Buchenwipfel; und wo unterm Schatten
32
Der Hängeweiden seinen reinen Schooß
33
Der klare Bach erschließt, entzieht er meinem
34
Unsichern Fuße die geschmeid'gen Wellen,
35
Als wär' ich ihm verhaßt,
36
Und flieht am blüh'nden Ufer hin in Hast.

37
Welch ein Vergehn, welch arge Missethat
38
Hat mich befleckt vor der Geburt, daß mich
39
Der Himmel und das Glück so finster ansehn?
40
Was frevelt' ich als Kind schon, wo das Leben
41
Noch Nichts von Sünde weiß, daß so beraubt
42
Der Jugend, so entblättert durch die Spindel
43
Der unerbittlichen Parze, meine Blüte
44
Verdorren muß? Ach, unbedachte Worte
45
Spricht deine Lippe! Unsre Loose lenkt
46
Geheimer Schicksalsschluß. Geheim ist Alles,
47
Nur unser Schmerz nicht. Ausgesetzte Kinder,
48
Zum Weinen nur geboren; das Warum
49
Ruht in der Götter Schooß. O Sorg' und Hoffnung
50
Der grünen Jugend! Nur der äußern Bildung,
51
Dem holden Schein nur gab der Vater Macht
52
Über die Menschen; manneswürd'ge Thaten,
53
Gesang und Geistesfülle –
54
Was frommen sie in reizlos schlichter Hülle?

55
So sterb' ich denn! Sein schlechtes Kleid abstreifend
56
Soll nackt mein Geist hinab zum Hades flüchten
57
Und sühnen so die harte Schuld des Himmels,
58
Der blind das Loos vertheilt. Und du, an den
59
Mich lang vergebne Liebe, langes Hoffen
60
Geknüpft und ungestillter Sehnsucht Wahnsinn,
61
Du lebe glücklich, wenn ein Sterblicher
62
Je glücklich lebte! Nicht den süßen Saft
63
Aus seinem kargen Faß will Zeus mir gönnen,
64
Nachdem mir alle Täuschungen und Träume
65
Der Jugend hingeschwunden. Jeder frohste
66
Tag unsres Lebens muß am schnellsten fliehn.
67
Krankheit beschleicht uns, Alter und der Schatten
68
Des eis'gen Todes. Siehe nun, von allen
69
Erhofften Palmen, allem Freudenwahn
70
Bleibt nur der Abgrund, und der tapfre Geist
71
Verfällt des Hades Macht,
72
Dem Reich das Schweigens und der düstern Nacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.