ViII. Hymnus an die Patriarchen

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Giacomo Leopardi: ViII. Hymnus an die Patriarchen (1817)

1
Von euch, der Menschheit hocherlauchten Vätern,
2
Soll der Gesang der schmerzgeweihten Söhne
3
Mit Preis ertönen, die ihr so viel theurer
4
Dem Lenker der Gestirne war't und minder
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Beweinenswerth, als wir, zum hehren Licht
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Emporgeblickt. Unheilbar Unglück, das
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Die armen Menschen traf: geboren werden
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Zum Weinen und das Licht des Äthers freudig
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Vertauschen mit der ew'gen Grabesnacht, –
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Nicht hat's die milde und gerechte Satzung
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Des Himmels euch verhängt. Wenn von der Sünde,
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Die alle Menschenkinder der Gewalt
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Der Seuchen und des Elends überliefert,
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Die alte Sage spricht: noch ärgre Sünden
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Der Sterblichen, ihr ruheloser Geist
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Und schlimmrer Wahnsinn waffneten wider sie
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Die Rache des Olympos und die Hand
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Der lang vergessnen Nährerin Natur.
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Da ward verleidet uns die Lebensflamme,
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Verabscheut jede Neugeburt, und wüthend
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Brach in die Welt herein der Erebus.

22
Du sahst zuerst den Tag, die Purpurfackeln
23
Der kreisenden Gestirne und die jungen
24
Thiere des Feldes weiden, alter Führer
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Und Vater du der menschlichen Familie,
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Sahst auf den frischen Au'n die Lüfte spielen,
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Und wie herniederstürzend Alpenflut
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An Felsenwänd' und öde Thäler schlug
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Mit unerhörtem Schall, wie auf den heitern
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Zukünft'gen Stätten hochberühmter Völker
31
Und lärmerfüllter Städte noch ein tief
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Verborgner Frieden herrscht' und stumm und einsam
33
Der Strahl der Sonne und des goldnen Monds
34
Erklomm die ungepflügten Höh'n. O sel'ge,
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Von Schuld und finstrem Schicksal unberührte
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Welteinsamkeit! O wie viel bittres Leid,
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Welch ungeheure Kette von Geschicken
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Bereiten, armer Vater, deinen Kindern
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Die ew'gen Mächte! Siehe, Blut besudelt
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Und Brudergräuel nun zum ersten Mal
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Die kargen Fluren, und die Lüfte hören
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Zuerst der Todesfittiche schaurig Schwirren.
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Der Brudermörder, bebend, heimathlos,
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Einsame Schatten meidend und der Winde
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Geheimes Grollen durch die tiefen Wälder,
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Erbaut zuerst Stadthäuser, bleicher Sorgen
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Wohnsitz und Herrschgebiet; zuerst vereinigt
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Verzweiflungsvolle Reue, krank und stöhnend,
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Die blinden Sterblichen und bietet ihnen
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Gesellige Zufluchtsstätten; nun verschmäht
51
Die Frevlerhand den krummen Pflug; der Schweiß
52
Des Landmanns wird verachtet. Müssiggang
53
Herrscht in des Lasters Haus, die alte Kraft
54
Versiecht im faulen Leibe, Trägheit lähmt
55
Die schlaffen Geister, und der Übel größtes,
56
Knechtschaft, befällt die kampfentwöhnte Menschheit.

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Und vor des Himmels Wuth und dem Gebrüll
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Der Meerflut auf den wolkenschweren Berghöh'n
59
Errettest du die sünd'ge Brut, o du,
60
Dem aus der Trübe von umwogten Hügeln
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Das erste Zeichen neu belebter Hoffnung
62
Die weiße Taube zutrug, da im West,
63
Schiffbrüchig dem Gewölk enttaucht, die Sonne
64
Die schwarze Luft geschmückt mit Iriszauber.
65
Zurückkehrt das gerettete Geschlecht
66
Zur Erd', und neu beginnen böse Lust
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Und Tück' und Angst ihr Spiel. Der Frevler trotzt
68
Des unnahbaren Meeres Strafgericht
69
Und trägt zu neuen Küsten, neuen Sternen
70
Sein altes Elend hin und seine Thränen.

71
Nun denkt die Seele dein, du Ahn der Frommen,
72
Gerechter, Starker, und der edlen Sprossen
73
Aus deinem Samen. Künden will ich, wie
74
Du Mittags einsam in dem Schatten saßest
75
Der trauten Hütte, an den sanften Ufern,
76
Wo deine Heerde friedlich weidete,
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Und dich beglückte himmlischer Besuch
78
Mit stiller Segensabsicht, und wie dann
79
Beim ländlich schlichten Brunnen, Sohn der klugen
80
Rebekka, Abends in dem holden Thal
81
Von Haran, das von frohen Hirtenspielen
82
Belebt war, Liebe dich ergriffen hat
83
Zur schönen Tochter Laban's, Liebe, die
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Unwiderstehlich langer Arbeit, langer
85
Verbannung und verhaßtem Joch der Knechtschaft
86
Die tapfre Seele willig unterwarf.

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Gewiß war einst – und nicht mit leerem Wahn
88
Nährt der aonische Sang und alte Sage
89
Das horchbegierige Volk – gewiß war einst
90
Befreundet unserm Stamm und lieb und traulich
91
Dies Jammerthal, und unser elend Leben
92
Floß golden hin. Nicht daß in lautrer Welle
93
Milch aus dem Spalt der heimathlichen Felsen
94
Gequollen wär', und daß der Hirt den Tiger
95
Der Heerde zugesellt, zum trauten Pferch,
96
Zu munterm Spiel den Wolf zur Tränke führend.
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Doch arglos unbekannt mit ihrem Schicksal
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Und ihren Leiden allen, mühlos lebten
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Die Menschenkinder hin; der weiche Schleier
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Des holden Irrthums und der Täuschung hüllte
101
Noch des Geschicks und der Natur geheime
102
Gesetze freundlich ein, und hoffnungsfroh
103
Glitt in den Hafen unser sanftes Schiff.

104
So lebt in Californiens weiten Wäldern
105
Ein glückliches Geschlecht, dem bleiche Sorge
106
Noch nicht das Herzblut saugt, noch grimmes Siechthum
107
Die Glieder bändigt. Speise beut der Forst,
108
Wohnung die tiefe Felskluft, Wasser spendet
109
Der Bach im Thal, und unerwartet bricht
110
Der finstre Tod herein. O warum seid ihr
111
So wehrlos gegen unsre frevle Kühnheit,
112
Ihr Reiche der Natur! Allmächtig stürmt
113
In eure Küsten, Höhlen, Wälder unsre
114
Habgier'ge Wuth herein, erzieht die Völker,
115
Die sie entehrt, zu unbekannten Leiden
116
Und neuen Lüsten nur und scheucht den nackten
117
Flüchtling, das Glück, bis in den fernsten Westen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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