ViI. An den Frühling

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Giacomo Leopardi: ViI. An den Frühling (1817)

1
Nun alle Himmelsunbill
2
Die Sonne sühnt und lauer West gelinde
3
Die kranke Luft belebt, daß fortgescheucht
4
Der Wolken schwerer Schatten niedersinkt,
5
Die Vögel neu dem Winde
6
Die nackte Brust vertrauen und das Licht
7
Mit neuem Liebessehnen, neuer Hoffnung
8
Sogar das Wild auf dunklen Waldespfaden
9
Belebt, wenn kaum der Nebelduft gewichen:
10
Kehrt auch vielleicht zu euch, so grambeladen
11
Und müd, ihr Menschenseelen,
12
Die schöne Zeit, die Unglück und die düstre
13
Fackel der Wahrheit euch
14
So früh zerstört? Sind Phöbus' goldne Strahlen
15
Dem Armen nicht für ew'ge Zeit verdunkelt
16
Und ausgelöscht? Und du auch,
17
Duftender Lenz, willst du die eis'gen Qualen
18
Wegthau'n der Brust, die schon in jungen Tagen
19
Gelernt das herbe Weh des Alters tragen?

20
Lebst du, o lebst du, heil'ge
21
Natur? Lebst du, und ist's der Mutter Sprache,
22
Die lauschend das entwöhnte Ohr vernimmt?
23
Einst wohnten holde Nymphen in den Flüssen,
24
Dort und im klaren Bache
25
Das Antlitz spiegelnd; von geheimen Tänzen
26
Göttlicher Füße bebten Bergeshöh'n
27
Und hohe Wälder, jetzt den Stürmen nur
28
Ein öder Wohnsitz, und der Hirt, im Duft
29
Des Mittags, wenn er durch die blum'ge Flur
30
Zum Fluß die durst'gen Lämmer
31
Hinuntertrieb, vernahm ein helles Lied
32
Des Waldgotts längs dem Ufer,
33
Sah kräuseln sich die Flut
34
Und stand verdutzt, wenn jedem Blick verhüllt
35
Die pfeilbewehrte Göttin
36
Stieg in die lauen Wellen, Staub und Blut
37
Der heißen Jagd vom schneeigen Arm zu spülen
38
Und ihren jungfräulichen Leib zu kühlen.

39
Es
40
Es
41
Die Lüfte, Wolken, Titan's hehre Leuchte
42
Dem sterblichen Geschlecht, als über Auen
43
Und Hügeln deinem klaren
44
Gestirn, o Cypria, der Wandrer folgend
45
Mit Sehnsuchtsblicken in der stillen Nacht
46
Dich als Gesellin seiner Fahrt, voll Huld
47
Den Menschen träumte. Wenn, entflohn dem Treiben
48
Der wüsten Städte voller Sünd' und Schuld
49
Und Zwist und roher Schmach,
50
Ein Andrer rauhe Stämme tief im Wald
51
An seinen Busen drückte,
52
Wähnt' er zu fühlen, wie lebend'ges Feuer
53
Blutlosen Stamm durchlodre, wie erbebe
54
In schmerzlicher Umarmung
55
Daphne und Phyllis, wie in immer neuer
56
Wehmuth den Liebling Klymene betrauert,
57
Deß stolzer Sonnentraum so kurz gedauert.

58
Nicht taub für Menschenleid,
59
Ihr starren Felsen, warft ihr Klagetöne
60
Achtlos zurück, als eure bangen Gründe
61
Echo, die einsam Trauernde, bewohnte,
62
Statt leerer Luft Gestöhne
63
Der unglücksel'gen Nymphe irrer Geist,
64
Den Liebesgram und hartes Schicksal bannten
65
Aus zartem Leibe. Durch die hohlen Klüfte,
66
Die nackten Klippen und verlassnen Stätten
67
Erfüllte sie des Aethers hohe Lüfte
68
Mit unsern Wehelauten,
69
Die sie verstand. Und du galtst in der Sage
70
Als aller Menschenloose
71
Wohlkundig, süßer Vogel, der du immer
72
Den jungen Lenz im laubigen Wald begrüßest,
73
Und wenn die Fluren schliefen
74
In stummer, dunkler Nacht, schienst du zu klagen
75
Um alte Nöthe, ruchlos wilden Haß
76
Und diese Zeit, von Zorn und Kummer blaß.

77
Doch nicht verwandt dem unsern
78
Ist dein Geschlecht, nicht Schmerz entlockt dir alle
79
Die süßen Weisen; frei von jeder Schuld
80
Wohnst du im dunklen Wald, uns minder theuer.
81
Ach, da nun leer die Halle
82
Des ragenden Olymp und blind der Donner
83
Hinrollend durch die wolkendunklen Berge
84
Ruchlose Seelen gleich den reinen schreckt
85
Mit kaltem Grausen; da die Heimathflur,
86
Fremd und nichts wissend von den eignen Kindern,
87
Sie auferzieht zur Trübsal:
88
Leih
89
Bedrängten Menschenkinder,
90
Holde Natur, und hauch die alte Glut
91
Zurück in meinen Geist, wenn du beseelt bist,
92
Wenn Etwas lebt im Himmel,
93
Auf blumiger Erde, in des Meeres Flut,
94
Was alle Qual, die wir erdulden müssen,
95
Zwar nicht bedauern mag, doch darum

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.