Als hingesunken lag in Thraciens Staube

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Giacomo Leopardi: Als hingesunken lag in Thraciens Staube Titel entspricht 1. Vers(1817)

1
Als hingesunken lag in Thraciens Staube,
2
Ein weites Trümmerfeld,
3
Italiens Kraft, und das Geschick beschloß,
4
Daß nun Hesperiens grüne Fluren und
5
Des Tiber Ufer das Barbarenroß
6
Zerstampfen sollt' und aus den nackten Wäldern
7
Im Bann der eis'gen Bärin
8
Das Gothenschwert vorbrechen und die Mauern
9
Des stolzen Roms zerschmettern:
10
Da saß, mit Schweiß benetzt und Bruderblut,
11
Brutus in düstrer Nacht auf öder Stätte,
12
Zum Tod entschlossen schon, und mit den Göttern,
13
Den mitleidslosen, grollend,
14
Erschüttert seine Stimme
15
Umsonst die müde Luft in trotz'gem Grimme:

16
O thör'ge Tugend, nur die leeren Nebel,
17
Das Reich unstäter Schatten
18
Sind deine Schule; hinter deinen Fersen
19
Folgt bald die Reue nach. Euch Marmorgöttern –
20
Ob ihr nun wohnt am Phlegethon, ob über
21
Den Wolken droben – dünkt nur Hohnes werth
22
Das klägliche Geschlecht,
23
Von dem ihr Tempel heischt, dem ihr ein trüglich
24
Gesetz wollt auferlegen.
25
So also reizt der Menschen Frömmigkeit
26
Den Haß der Götter? So als Hort der Bösen
27
Thronst du, o Zeus? Und wenn Gewitterregen
28
Die Luft durchrauscht und Donner
29
Ras't mit dem Blitz zumal,
30
Triffst du der

31
Ein unbezwinglich Schicksal, eine eh'rne
32
Nothwendigkeit bedrückt
33
Des Todes kranke Sklaven. Wenn sie Nichts
34
Erretten kann, getröstet sich die Menge:
35
So sei's verhängt. – Ist minder hart ein Leid,
36
Weil unabwendbar? Fühlt die Schmerzen nicht,
37
Wer jeder Hoffnung baar ist?
38
In ew'gem Kampf mit dir auf Tod und Leben,
39
Unwürd'ges Fatum, liegt,
40
Wer sich nicht beugen mag; und deine Hand
41
Abschüttelnd, wenn sie ihn gewaltsam trifft,
42
Ruft er Triumph, indem er unterliegt,
43
Wenn mit dem herben Stahl
44
Er lös't die stolzen Glieder
45
Und lachend wandelt zu den Schatten nieder.

46
Mißfällig ist den Göttern, wer gewaltsam
47
Des Hades Pforte stürmt.
48
Wär' auch ein weichlich Götterherz so kühn?
49
Hat sich vielleicht der Himmel unsre Trübsal,
50
All unser Herzeleid und herbes Müh'n
51
Zu seiner Muße Kurzweil auserkoren?
52
Kein Dasein voller Plagen,
53
Ein Leben frei und rein in Wald und Feld
54
Hat uns Natur gegeben,
55
Die göttlich einst geherrscht. Und jetzt, da rings
56
Gottloser Brauch verdrängt die sel'gen Zeiten,
57
Darf da der Eigenmacht
58
Natur den Stolzen zeih'n,
59
Der von sich wirft ein Leben voller Pein?

60
Von Schuld nichts wissend, noch vom eignen Elend
61
Führt sanft ein spätes Alter
62
Die ahnungslose Thierwelt einem schnellen
63
Verscheiden zu. Doch triebe sie Verzweiflung,
64
An rauhem Stamm die Stirn sich zu zerschellen,
65
Vom schroffen Fels sich stürzend ihr zerschmettert
66
Gebein umherzustreuen,
67
Die arme Wohlthat würde kein geheimes
68
Gesetz dem Thier versagen,
69
Kein trüber Wahngedanke. Ihr von allen
70
Beseelten Wesen, ihr Prometheussöhne,
71
Fühlt Ueberdruß, das Dasein zu ertragen;
72
Und euch nur, wenn die Parze
73
Verzögert ihre Gnade,
74
Wehrt Zeus zur Unterwelt die stillen Pfade!

75
Nun steigst du aus dem Meer, das unser Blut
76
Gefärbt, du klarer Mond,
77
Die ruhelose Nacht, das Feld zu grüßen,
78
Das der ausonischen Kraft verderblich ward.
79
Der Sieger tritt verwandte Brust mit Füßen,
80
Die Hügel beben, von der Höhe stürzt
81
Das alte Rom in Trümmer –
82
Und du bleibst still und klar? Du sahst Lavinia's
83
Geschlecht entstehn, die Zeit
84
Des Glückes sahst du und die stolzen Lorbeern.
85
Und doch unwandelbar in stummem Glanz
86
Wirst du herabschau'n, wenn in Schmach und Leid
87
Italien Knechtschaft duldet
88
Und diese öden Stätten
89
Vor fremden Horden Nichts mehr kann erretten.

90
Das Raubthier im Geklüft, im grünen Laube
91
Der Vogel, deren Brust
92
Voll ahnungsloser Dumpfheit, wissen nimmer,
93
Wie tiefer Sturz das Schicksal einer Welt
94
Verwandelt hat; und wenn im Morgenschimmer
95
Sich röthen wird des fleiß'gen Landmanns Hütte,
96
Erweckt der Vogel wieder
97
Die Thäler mit Gesang, und in den Klippen
98
Flieht schwächeres Gethier
99
In Todesangst, gescheucht vom wilden Raubthier.
100
Wir eitlen Menschen! Welch armsel'ger Theil
101
Der Welt sind wir! Den blut'gen Boden hier,
102
Die schmerzdurchstöhnten Gründe
103
Wird unser Loos nicht kümmern,
104
Kein Stern um Menschentrübsal matter flimmern.

105
Nicht des Olymp und Hades taube Herrscher,
106
Nicht die unwürd'ge Erde
107
Und nicht die Nacht ruf' ich im Sterben an,
108
Noch auch des dunklen Todes letzten Strahl,
109
Den Spruch der Nachwelt. Feiger Pöbel kann
110
Mit Klag' und Weihgeschenk mein herbes Grab
111
Nicht sänft'gen. Unaufhaltsam
112
Verschlimmert sich die Zeit. Bei trägen Enkeln
113
Ist übel aufgehoben
114
Der Nachruhm edler Seelen und des Unglücks
115
Dereinst'ge Sühne. Kreise denn um mich
116
In gier'gem Flug der dunkle Vogel droben;
117
Raubthier' und Regengüsse
118
Soll'n meine Hülle finden,
119
Und mein Gedächtniß liefr' ich aus den Winden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.