Iv. Zur Hochzeit der Schwester Paolina

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Giacomo Leopardi: Iv. Zur Hochzeit der Schwester Paolina (1817)

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Nun du so bald den Frieden
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Des stillen Vaterhauses wirst vermissen
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Und weit von deiner Jugend Trug und Wahn,
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Die unser ödes Land verschönt, geschieden
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Dich in des Lebens Staub und Lärm fortan
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Dein Schicksal ruft, nun, Schwester, sollst du wissen,
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Zu welcher Schmach der Himmel uns verdammt.
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Sollst du ja selbst in schweren
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Nothjahren voller Leid
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Des unglücksel'gen Vaterlands unselig
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Geschlecht vermehren. Stähle drum beizeit
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An hohen Mustern deine Söhne. Wehren
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Die Götter doch ein fröhlich
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Gedeihn heut jeder Kraft,
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Und kein verzärtelt Herz bleibt tugendhaft.

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Elende – oder Feige
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Wirst du gebären. Laß sie elend werden!
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Denn einen Abgrund zwischen Glück und Werth
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Schuf diese Zeit. Zu spät, da schon zur Neige
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Die menschlichen Geschicke sich gekehrt,
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Erwacht, wer heut geboren wird auf Erden.
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Das überlaß dem Himmel. Dir am Herzen
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Liege die Sorge bloß,
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Nicht zu der Jagd nach Glück
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Die Söhne zu erziehn, und nimmer auch
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Zu Narr'n der Furcht und Hoffnung. Ihr Geschick
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Rühmt dann die künft'ge Zeit als schön und groß,
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Da wir – nach feigem Brauch
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Der heuchlerischen Weisen –
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Lebend'ge Tugend schmähn und todte preisen.

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Viel hofft von euch, ihr Frauen,
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Das Vaterland; und nicht zu Schimpf und Schaden
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Der Menschensöhne ward dem sanften Strahl
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Aus euren Augen Macht, wohin sie schauen,
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Zu bänd'gen Feu'r und Schwert. Ihr lenkt zumal
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Den Weisen wie den Starken klug am Faden,
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Und was die Sonn' umkreiset, neigt sich euch.
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Drum sollt für diese Zeit
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Ihr Rechenschaft mir geben.
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Der Jugend heil'ge Glut – ließ
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Sie denn erlöschen? Ward denn unser Leben
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Marklos und morsch durch
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Und Schlafsucht uns entmannt
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Und Nerv' und Muskel missen
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Die alte Kraft, – habt

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Ein Sporn zu edlen Thaten
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Ist Liebe, recht erkannt, und hohes Streben
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Erweckt die Schönheit. Der ist liebeleer,
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Der nicht frohlockend fühlt das Herz erbeben
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In tiefster Brust, wenn an den Felsengraten
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Die Stürme toben, wenn gewitterschwer
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Der Himmel sich umwölkt und Flutgebraus
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Die Berge peitscht. Ihr Bräute
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Und Jungfrau'n, wer Gefahren
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Sich feig entzieht, wer seinem Vaterlande
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Unehre bringt mit niedrigem Gebahren
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Und wessen Herz gemeiner Regung Beute,
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Straft ihn mit Haß und Schande,
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Wenn anders Frauenseelen
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Für Männer glühn, nicht Weiber sich erwählen.

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Wehrloser Söhne Mütter
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Zu heißen, dünk' euch Schimpf. Lehrt eure Brut
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Trotz aller Leiden nach der Tugend trachten,
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Und was die jämmerliche Zeit an Flitter
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Und eitlem Tande liebt und ehrt, verachten.
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Weiht sie dem Vaterland mit hohem Muth
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Und heißt sie dankerfüllt der Väter denken.
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So von den Heldensagen
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Der Ahnen stets umklungen
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Wuchs einst heran der Sparter junge Schaar,
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Bis dann die Gattin mit dem Schwert den jungen
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Gemahl umgürtet; bald vielleicht mit Klagen
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Hüllt sie ihr schwarzes Haar
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Um seine nackten Glieder,
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Kehrt er im wohlbewahrten Schild ihr wieder.

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Ach, deine zarten Wangen,
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Virginia, kos'te noch mit Zaubermacht
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Die Götterhand der Schönheit. Da erglühte,
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Voll Grimm, daß du verachtet sein Verlangen,
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Roms wilder Herr. Schön warst du, in der Blüte
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Der holden Zeit, die lieblich träumen macht,
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Als deines Vater Stahl den schneeigen Busen
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Zerrissen aus Erbarmen
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Und du zum Styx hinab
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Freiwillig schrittst. Eh' soll mir Greisenschwäche
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Die Glieder lösen, Vater, eh' empfange
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Das Grab mich, sprach sie, eh' mich zu umarmen
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Sich der Tyrann erfreche!
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Und wenn aus dieser Noth
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Mein Blut euch retten kann, gieb mir den Tod!

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Hochherz'ge, wohl erglänzte
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Noch eine schön're Sonne deinen Tagen,
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Als heut; und doch nicht trostverlassen war
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Das Grab, das dir dein Vaterland bekränzte
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Mit tausend Thränen. Siehe, wie die Schaar
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Der Remusenkel sich mit wilder Klage
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Um deine Leiche drängt, wie des Tyrannen
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Haupthaar in Staub gerissen,
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Und Freiheit neu entzündet
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Die stumpfen Seelen. Wie ein breiter Strom
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Braus't Latiums Macht und hat ihr Reich gegründet
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Von Wüstenglut zu Nordens Finsternissen.
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So ist das ew'ge Rom
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Aus trägen Schlummers Banden
105
Durch eines Weibes Opfer neu erstanden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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