Ich sagte Dir, daß ich Dich lange kannte

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Ada Christen: Ich sagte Dir, daß ich Dich lange kannte Titel entspricht 1. Vers(1870)

1
Ich sagte Dir, daß ich Dich lange kannte,
2
Bevor Dein Auge jemals mich geschaut.
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Gedenke nur der hellen Sommertage,
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Die Du verlebt hast in den Alpen einst.

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Da war ein Morgen, wo mich Vogelzwitschern
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– Noch halbverhalten und doch traumgeschwätzig –
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Hinausrief auf die blanke Holzaltane.
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Es flüsterte ein schwacher, kühler Wind,
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Und feuchte Nachtluft strömte aus den Büschen,
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Und jeder noch so leise Ton war hörbar.
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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Da stand ich lange, lauschte in die Ferne,
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Mein Herz erbebte und schlug freudevoll,
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Als harrte holder Zukunft es entgegen,
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Die sacht heraufzog mit dem jungen Tag,
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Der schon mit zartem Roth die Berge färbte.
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Und wie ich also lauschend, betend stand,
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Kam aus dem dunklen Thal ein Mann herauf
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Und schritt auch achtlos-still an mir vorüber.
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Der Wanderer ging einsam seinen Weg
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Hin durch die würzig klare Morgenluft,
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Kein Strauch, kein Baum stand auf dem Felsenfirst,
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Nichts als dies Eine Wesen war zu sehen,
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Das langsam unermüdlich aufwärts stieg ...
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Bald hob die schlanke, männliche Gestalt
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Befremdlich-scharf sich ab von Luft und Himmel
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Hoch oben auf dem langgestreckten Grat.
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Mit einmal aber schaute ich den Mann
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Vor meinem Blick urplötzlich ganz verwandelt,
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Denn aufgewachsen war er jählings jetzt
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Zu einer
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Zu einer
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So ragte er schier dräuend in den Himmel
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Und hob mit wilder, schmerzlicher Geberde
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Die Arme auf, der Riese, der Titan! ...
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Und wie des Falken Schrei flog auf ein Laut,
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Vom Echo gellend wieder rückgegeben.

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Da faßte mich ein unaussprechlich Weh,
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Ein großes, unverscheuchbar-tiefes Mitleid;
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Mir war, als müßte ich zu ihm hinauf
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Und leise mich an seine Seite stellen
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Und so geduldig harren, demuthsvoll,
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Bis selber meine Hand er fassen würde
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Und an des Weibes Herz die Qualen legen,
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Die er hinauftrug in die Einsamkeit.
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Zum erstenmal erschrak ich vor dem Sein,
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Und unklar überfiel mich eine Ahnung,
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Wie viel des Elends liegt auf jeder Seele,
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Wie viel ich hülflos selbst seit jeher trug.
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Ach Alles drängte mich zu ihm hinauf,
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Mir war als müßte ich von ihm erflehen,
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Daß neben ihm ich weiter schreiten dürfe
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Den langen, staubbedeckten Weg des Lebens.
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Doch als ich, solches träumend, aufwärts sah,
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Erhob sich höher einmal noch sein Leib,
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Aufreckend trotzig sich in Schmerzgeberden;
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Dann ... sank er in den Boden jäh vor mir,
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Vom Grat zur andern Seite niedersteigend,
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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Du warst der Fremde auf der lichten Höhe,
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Und mit dem Bildniß jenes Uebermenschen,
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Des schmerzgequälten, einsamen Titanen
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Bin ich zurückgekehrt in das Gewühl
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– Das ich für Freude hielt in andern Tagen –
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In das Gewühl der Stadt, zu ihren Festen,
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Die schaal und leer mir wurden, weil ich
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Oh unablässig immer
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Bis ich Dich endlich fand an jenem Abend,
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Und nur für
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Wenn ich Dich rief, und mich an Dich geklammert,
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– Gedankenlos und launisch, wie Du denkst –
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So war es nur, weil ich so tief Dich liebte.
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Denn wie Dein Leib so hehr auf jener Alpe
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In gottgeweihter, stiller Morgenstunde
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Verklärt von Licht vor meinen Blicken stand,
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So groß und herrlich dünkte mich Dein Herz,
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Das großes Leid nicht kleinen Menschen klagt,
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Und meine Seele hat sich angeschmiegt,
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Und stumm gefleht, daß Du hinauf sie führest
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Aus diesem Dämmerreich von Nacht und Licht
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In eine klare, sonnenwarme Luft ...

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Und wenn ich manchmal an Dir irre wurde,
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Losringen wollte mich mit letzter Kraft,
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Stand wieder vor dem angstverwirrten Sinn
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Gepeinigt die titanische Gestalt
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Und hob empor mit wildem Schrei die Arme,
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Und mahnte, daß ich Dich nicht lassen darf,
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Weil ich allein Dein herbes Leid erschaute.

89
Ich beugte stumm das Haupt und trug es wieder,
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Was abzuschütteln nie den Muth ich fand,
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Denn schmerzlich hab' ich immerdar gefühlt
92
In solcher Stund':

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ada Christen
(18391901)

* 06.03.1839 in Wien, † 19.05.1901 in Inzersdorf

weiblich, geb. Frederik

österreichische Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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