Seit Du mich verlassen

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Ada Christen: Seit Du mich verlassen Titel entspricht 1. Vers(1870)

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Seit Du mich verlassen
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Ersticke ich schier
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In meinen Gemächern.

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Wo Alles mich mahnt
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An das Vergang'ne,
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Und Deine Gestalt

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– Wohin ich nur blicke –
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Entgegen mir tritt,
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Wo Alles noch spricht

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Mit einer Stimme
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So wohl mir bekannt,
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In einer Sprache,

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Die Niemand versteht,
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Als meine Seele ...
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Wo für mich noch weht

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Der Hauch Deines Athems,
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Wo für mich noch schwebt
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Der Duft Deiner Locken;

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Wo für mich noch bebt
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Im Ticken der Uhren
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Ein ruhiger Pulsschlag

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Der schlanken Hände,
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Die auf meinem Haupt
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Nur flüchtig lagen

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Oh flüchtig und kühl,
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Als Du mich verlassen
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Für alle Zeit! ...

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Wüßt' ich nur einmal
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Dich noch zu finden
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So wie Du gewesen,
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Als ich Dich sah
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Am ersten Tage.
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Ich würde gehen
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Dornige Wege
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Mit nackten Füßen
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Und blutigen Sohlen,
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Stumm, ohne Klage ...
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Ich würde Dich holen
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Aus Noth und Elend,
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Dein Heil erflehen,
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Deine Sünden büßen!

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Wüßt' ich nur einmal
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Noch so Dich zu sehen
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Wie Du gewesen
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Am ersten Tage,
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Ich würde suchen
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Suchen ... suchen ...
48
Aber ich weiß es,
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Wenn ich Dich finde,
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Bist Du ein Andrer,
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Bist wieder so hart
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Wie an dem Tage,
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Als ich Dich gesehen
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Zum letztenmal.

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So bist Du ein Andrer!
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Dein schönes Haupt
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Ruht an einem Herzen,
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Das nimmer Dich liebt,
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Das nicht an Dich glaubt.
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Du lebst in Qual,
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Nichtswürdige Schmerzen
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Verzehren Dich,
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Du fühlst, es giebt
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Für Dich keinen Frieden,
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Du fühlst, es wich
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Dein Glück, seit wir schieden.

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Ich aber, die stumm,
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Ohne Hoffnung und Trost,
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Gesucht Dich ... gesucht
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Und endlich gefunden –
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Ich stehe wiederum
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Einsam, verstoßen,
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Vor Deinem Haus,
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Vor Deinem Herzen –
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Verstoßen ... einsam!

76
Oh fehlte nur Erinnerung an die Stunde,
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Die ich verlebt in fieberndem Entzücken,
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Entgegenträumend Deinen ernsten Blicken,
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Dem Druck der Hand, dem Wort aus Deinem Munde.

80
Und nun liegt Alles todt auf tiefstem Grunde,
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Das ganze Traumglück sah ich Dich zerstücken,
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Und uns zusammen führen keine Brücken ...
83
Oh fehlte nur Erinnerung an die Stunde!

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Wenn in dieses Sterben
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Der Glocke Schall
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Oft plötzlich tönet,

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Dann fliegen die Pulse,
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Mein mattes Herz
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Erzittert lauschend,

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Als stünde das Leben
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Vor meiner Thür
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Und trüge versöhnt

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Deine schönen Züge,
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Die nur im Traum
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Mich zärtlich grüßen.

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Jäh ist mir manchmal durch den Sinn gegangen,
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Was wohl geschieht, wenn wir uns nun begegnen?
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Ich dachte mir, ich könnte Dich nicht segnen,
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Wenn Deine Augen fremd an meinen hangen.

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Doch als Dein kalter Blick jetzt traf den meinen,
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Da schwankten rings die Menschen, Häuser, Gassen,
102
Ich aber wollte Deine Hand erfassen,
103
Anklammern mich und weinen, laut aufweinen ...

104
Die Welt ist so groß –
105
Leicht kann sich verbergen
106
Ein trauerndes Weib.

107
Wir können nicht weilen
108
Am selben Ort,
109
Es giebt kein Meiden.

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Mir unbewußt führt
111
Mein Herz mich die Wege,
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Die täglich Du gehst.

113
Und still wie Dein Schatten
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Folg' ich Dir nach
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Und bebe zusammen,

116
Wenn träumend oft hängt
117
Dein prüfendes Auge
118
An einem Antlitz.

119
In Jugend und Schöne,
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Lächelnd, blühend,
121
Wie vormals das meine.

122
Die Welt ist so groß, –
123
Leicht kann sich verbergen
124
Ein glückloses Weib.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ada Christen
(18391901)

* 06.03.1839 in Wien, † 19.05.1901 in Inzersdorf

weiblich, geb. Frederik

österreichische Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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