Wie soll ich dich schildern, du Geliebte!

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Leopold Jacoby: Wie soll ich dich schildern, du Geliebte! Titel entspricht 1. Vers(1867)

1
Wie soll ich dich schildern, du Geliebte!
2
Meine Seele sehnt sich, dir Dank zu sagen,
3
Und mein Herz quillt über,
4
So müssen meine Lippen reden.
5
Aus gepreßtem Innern muß ich dein Lob singen.

6
Früher,
7
Da mich Niemand gekannt,
8
Hast du allein mich aufgenommen,
9
Und nun, da mich Alles verlassen,
10
Bist du doch mir treu geblieben
11
Und bist meine einzige Liebe geworden.

12
Wie soll ich dich schildern, du Geliebte!
13
Bist du mir hold gesinnt,
14
Was habe ich zu fragen nach Ehre von Menschen?
15
Was habe ich zu fragen nach den Schätzen,
16
Die voll Jammer und Thränen der Armen sind?
17
Du wendest dein Antlitz mir zu voll Liebe,
18
Und in deinem Lachen spiegeln sich
19
Die Sonne, der Mond und alle die Sterne.
20
Wenn du muthwillig bist und spielest,
21
Dann bist du wie ein junges Reh im Walde,
22
Da es bei der Mutter spielet,
23
Und ich muß jauchzen unter Thränen.
24
Zürnst du, ach sie wissen es nicht,
25
Welche Qual du bereitest.

26
Wie eine Jungfrau zaghaft ist und unbeholfen,
27
Und doch der süßesten Geheimnisse voll,
28
So bist du ach wie oft so spröd',
29
So starr und widerstrebend,
30
Daß man sich muß ärgern über dich
31
Und muß dich doch lieb haben.
32
Wenn ich dich aber schelten will,
33
Dann blickst du mich mit einmal an
34
Klug mit frischen Kinderaugen,
35
Wie eine Tanne unterm Schnee vorguckt,
36
Und aller Unmuth ist mir gleich davongeflogen.

37
Wenn du ein Herzenslied anhebst zu singen,
38
Dann quillt es alles heraus voll innerlichem Wohllaut,
39
Und du bist reich an Schönheit
40
Und an Gedankentiefe wunderbar
41
Wie Meerleuchten.

42
Du bist kein Singsang
43
Und bist keine Sprache, um nichts zu sagen. –
44
Und du willst mich nimmer verlassen,
45
Darob muß mein Herz wohl fröhlich sein.
46
Wenn ich voll Jammer war,
47
Wer hat mich getröstet als du?
48
Wenn ich verschmachtet war,
49
Wer hat mich erquickt als du?
50
Wann habe ich eine frohe Stunde im Leben gehabt?
51
Nach der Kindheit bis auf den heutigen Tag,
52
Wenn du sie mir nicht gegeben?
53
Du hast mich durch dunkle Nacht geführt,
54
Und ich habe ein Licht gesehen,
55
Das noch niemals auf Erden
56
Und auf die Menschen gestrahlet.
57
So soll auch dein Ruhm klingen märchenhaft,
58
Und du wirst gesegnet sein,
59
Und dein Lob soll nicht untergehen,
60
So lange Menschen auf Erden wohnen.

61
Wie solltest du auch nicht trösten können
62
Bis in die Tiefe der Menschenseele,
63
Bist du doch selber auch elend und gequält.

64
Du bist wie das Volk.
65
Die Geschichtschreiber und Hofgelehrten
66
Verrathen dich alle Tage.
67
Sie schreiben Lügen in ihre Bücher
68
Und lassen sie auswendig lernen.
69
Sie küssen den Fuß, der dich tritt
70
Und der sie selber von sich stößt.
71
Sie sind blind mit offenen Augen.
72
Du bist wie das Volk.

73
Von den Fürsten hast du dich mißhandeln lassen,
74
Von den Königen hast du dich verachten lassen,
75
Und die falschen Propheten
76
Haben nun die geschwollene Phrase über dich geworfen,
77
Um deinen Aufschrei zu ersticken.

78
Aber ihnen zum Trotz hast du geblühet zweimal,
79
Ihnen allen zum Trotz wirst du blühen
80
Ein drittes Mal,
81
Schöner als jede von beiden Blüthen,
82
Schöner als beide zusammen.

83
Wie wenn im Junimond,
84
An den Ufern des Stromes, der golden rauscht
85
Und von Liebe und Freiheit murmelnd klingt,
86
Ein süßer Duft aufsteiget
87
Und ein lieblicher Wohlgeruch,
88
Das ist der Duft der Weinblüthen,
89
Der von den Bergen und Hügeln kommt, –
90
Aber ihrer sind wenige, die sich daran erfreuen
91
Und ihre Augen weiden und ihr Herz erquicken,
92
So hast du geblühet das erste Mal.

93
Und wie wenn zur Herbsteszeit
94
Auf den Hügeln und Bergen die Weinlese beginnt,
95
Und der Wein in die Kelter wird getragen,
96
Und Abends das junge Volk eilet zum Tanz
97
Und lauter Lust und Jubel erklinget ringsum, –
98
Und ihrer sind viel mehr, die ihr Herz erfreuen,
99
Und von Grund der Seele fröhlich werden,
100
Und der Wein hat manch Lied geboren, stark und herrlich,
101
Das unvergessen ist und unvergänglich auf Erden, –
102
So hast du geblühet das zweite Mal.

103
Aber wie wenn nach des Winters Qual
104
Bei des jungen Frühlings Einkehr
105
Ein Hausherr den Tisch deckt voll und reich,
106
Und öffnet die Thüren weit
107
Und hinausruft in das Land:
108
Kommet her, all ihr Armen und Elenden!
109
Ihr sollt nicht mehr ausgeschlossen sein
110
Von den Freuden dieser Erde,
111
Ihr sollt vollen Antheil haben
112
An allem Schönen auf Erden,
113
So kommet her und erquicket euch alle! –
114
Und siehe, sie kommen alle herbei
115
Und genießen von Allem und trinken von dem Wein,
116
Und werden froh und fröhlich
117
Und vergessen der grausen Zeit, die hinter ihnen liegt,
118
Und ist ihnen wie ein Traum,
119
Aber sie brauchen nicht Angst haben aufzuwachen,
120
Denn es ist in Wahrheit ein neuer Frühling worden
121
Rings um sie her, –
122
So wirst du blühen das dritte Mal.
123
Unvergleichlich, wie du bist,
124
Ist auch die Weise, wie du geworden bist,
125
Und dein hoher Ruhm ist, sie zu erzählen:

126
Vom Morgen her,
127
Wo das Licht aufgehet
128
Und die Wiege der Menschen stand,
129
Bist du gekommen,
130
Und durch Abend sollst du wandern
131
Wieder zum Morgen!
132
Wild und stürmisch ist dein Anfang gewesen,
133
Und wild und stürmisch
134
Müssen die Wendepunkte deines Lebens sein.

135
Als ein Zug voll Abenteuer-Sehnsucht
136
Und voll Schwärmerei die Menschen ergriff
137
Und rückwärts nach Morgen führte,
138
Und sich daheim mit der Liebe verband,
139
Da blühtest du im Süden auf
140
Voll Anmuth,
141
In unerreichtem Sprachwohllaut.
142
Damals als ein edler Sänger sang:

143
Durchsüßet und geblümet sind die reinen Frauen,
144
Es ist so wonnigliches nicht zu schauen
145
In Lüften noch auf Erden, noch in allen grünen Auen.
146
Aber noch war Nacht um dich her,
147
Stokfinstere graunvolle Nacht.

148
Da kam eine Zeit, die war wie heute.
149
An allen Ecken und Enden gährte es.
150
Und die Menschen erfaßte ein Sehnen
151
Und ein Hunger nach Licht und geistiger Speise.
152
Da trat ein Mann auf und verdeutschte ein Buch,
153
Das hat schon genug Blut gekostet auf Erden.
154
Und seine Sprache in dem Buch war wunderbar,
155
Voll Kraft und Männlichkeit
156
Und doch voll hoher Schönheit fast überall:

157
Sie weinet des Nachts,
158
Daß ihr die Thränen über die Backen laufen,
159
Es ist Niemand unter allen ihren Freunden,
160
Der sie tröste.

161
Die Augen der Blinden
162
Werden aus dem Dunkel und Finsterniß sehen.
163
Und die Elenden werden wieder Freude haben –
164
Und die Armen unter den Menschen werden fröhlich sein. –

165
Nun ruhet doch alle Welt und ist stille,
166
Und jauchzet fröhlich.
167
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete,
168
Und hätte der Liebe nicht,
169
So wäre ich ein tönend Erz,
170
Oder eine klingende Schelle.

171
[die Liebe] freuet sich nicht der Ungerechtigkeit,
172
Sie freuet sich aber der Wahrheit!

173
Es war ein streitbarer Held,
174
Und manch schönen Sieg hat er dem Dunkel abgerungen.
175
Aber auf halbem Wege blieb er stehen,
176
Und mit ihm ist es finster blieben,
177
Finster vor ihm
178
Und finster nach ihm.
179
Denn höre es wohl, du Welt!
180
Solche, die sich Jünger dessen nennen,
181
Der doch gesprochen: Liebet euch unter einander!
182
Die sind die ärgsten Hasser geworden
183
Und Feinde des Menschengeschlechts auf Erden.

184
Die Märchen und Poesien eines Buches
185
Haben sie zu einem Verdummungshammer gemacht,
186
Damit sie den Kopf des Volkes stumpfsinnig schlagen
187
Bis auf den heutigen Tag.
188
O wie fürchterlich haben sie gewüthet!
189
Die Erde,
190
Darauf alle Menschen sollen Freude haben,
191
Die haben sie zu einem Jammerthale gemacht.
192
Sie haben so lange geschrieen: die Erde ist ein Jammerthal!
193
Bis sie es wirklich schier ist geworden.
194
Zum gemeinen Manne haben sie gesprochen:
195
Quäl' dich nur hier für uns
196
Und laß dich schinden hier für uns
197
Und sei ein getreuer Sklav'
198
Und muckse und murre nicht;
199
Wenn du aber erst todt bist,
200
Nachher wird Alles gut werden.
201
Und es giebt deren,
202
Die hassen den Menschen noch über den Tod hinaus.
203
Sie lassen ja die Leichen nicht in ihren Gräbern ruhen.

204
Wenn der Arme und Elende krank vor ihnen liegt
205
Und hilflos ist vor Kummer und Gram,
206
Dann schlagen sie ihm sein Herz noch mehr entzwei
207
Mit Hölle und mit Teufel nach dem Tode,
208
Bis er schier wahnsinnig wird vor Angst
209
Und zu Allem, was sie wollen, ja sagt,
210
Da er noch lebt.
211
Und brauchte sie doch bloß einer zu fragen:
212
Wenn du mir so Angst machst
213
Und es so greulich dort ist,
214
Wie bist du denn von dort herausgekommen?
215
Denn du mußt doch dort gewesen sein,
216
Da du es so Alles haarklein weißt.
217
So müßten sie ja auf der Stelle verstummen.
218
Aber das fragt sie keiner,
219
So brauchen sie auch nicht darauf zu antworten.
220
Und sie machen mit den Menschen, was sie wollen.
221
Und das ist ein gräßliches Elend
222
Und das Fürchterlichste von Allem,
223
Was menschenliebende Augen sehen müssen auf Erden.

224
Und sollten doch den Armen lieber sagen:
225
Wir wollen dich fröhlich machen im Leben
226
Und nicht traurig im Tode.
227
Du sollst leben mit Freude,
228
So sollst du sterben ohne Angst
229
Und ohne Groll,
230
Sondern mit Dank für die Freude auf Erden.
231
Denn die Freude ist göttlich,
232
Und die Liebe ist die köstlichste der Freuden.
233
Wer aber fröhlich wird, der wird auch gut. –

234
Aber der Mann, der auf halbem Wege stehen blieb,
235
Eine Sprache hat er dem Volke geschaffen,
236
Ein gutes Schwert für kommende Zeiten.

237
Wenn ringsum Kriege und Stürme tobten,
238
Und Alles auf den Armen einhieb und schlug,
239
Dann saß der Arme und weinte still für sich
240
Und las in dem Buch, so lernte er die Sprache,
241
Und die schlichte, sinnige Ausdrucksweise
242
Wuchs ihm tief in's Herz hinein.
243
Auf diesem Boden blühete ein Baum empor,
244
Der soll noch herrliche Früchte tragen.

245
Aber es kamen Tage des Jammers und der Noth
246
Und wurde schier finsterer um dich her,
247
Als es vordem jemals gewesen.
248
Und die Menschen erholten sich allmählig
249
Und sahen dich in Nebel und Dunkel gehüllt.
250
Da kam ein Mann auf,
251
Der kämpfte mit scharfem Schwert und scharfem Wort
252
Und brachte Vernunft und Licht und Klarheit
253
In eine verkommene Welt.
254
Die Gesetze des Schönen hat er den Menschen vorgezeichnet
255
Und lehrte: frei sein von Vorurtheil.
256
Und lehrte es in klarer, durchsichtiger Sprache:

257
Es ist nicht jedem Auge gegeben, die Hülle zu durchschauen,
258
In welche der Dichter eine Wahrheit kleidet. –

259
Was ist ein Held ohne Menschenliebe?

260
Nun, wen lieben zwei
261
Von euch am meisten? Macht, sagt an, ihr schweigt?
262
Die Ringe wirken nur zurück und nicht
263
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
264
Am meisten? – O so seid ihr alle drei
265
Betrogene Betrüger!

266
Er blieb im Leben einsam und fühlte sich einsam.
267
Da leuchtete ein Doppelstern empor am Himmel,
268
Und zwei Cedern blüheten zusammen auf der Erde,
269
Herrliche Gestalten!
270
Einer an dem andern rankten sie sich empor zu gleicher Zeit,
271
Ein nie gesehenes Schauspiel unter allen Nationen,
272
Und wurden vollkommener einer durch den andern,
273
Bis er dahin ging allzufrüh,
274
Der eine Sprache schuf,
275
Darin jedes Wort, einer vollen Aehre gleich,
276
Sich beugt unter der Wucht der Gedanken:

277
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
278
Bewahret sie! – –
279
Erhebet euch mit kühnem Flügel
280
Hoch über euren Zeitenlauf!
281
Fern dämmre schon in eurem Spiegel
282
Das kommende Jahrhundert auf. – –
283
Der fortgeschritt'ne Mensch trägt auf erhob'nen Schwingen
284
Dankbar die Kunst mit sich empor,
285
Und neue Schönheitswelten springen
286
Aus der bereicherten Natur hervor. –
287
Und der Erste blieb allein,
288
Einer unter den Erdenmenschen,
289
Der das Glück ertragen konnte:

290
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
291
Mit Wolkendunst
292
Und übe, dem Knaben gleich,
293
Der Disteln köpft,
294
An Eichen dich und Bergeshöh'n!
295
Mußt mir meine Erde
296
Doch lassen steh'n
297
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
298
Und meinen Herd,
299
Um dessen Gluth
300
Du mich beneidest.

301
Ich dich ehren? wofür?
302
Hast du die Schmerzen gelindert
303
Je des Beladenen?
304
Hast du die Thränen gestillet
305
Je des Geängsteten?
306
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
307
Die allmächtige Zeit
308
Und das ewige Schicksal,
309
Meine Herren und deine?
310
Hier sitz' ich, forme Menschen
311
Nach meinem Bilde,
312
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
313
Zu leiden, zu weinen,
314
Zu genießen und zu freuen sich
315
Und dein nicht zu achten
316
Wie ich.

317
Nie hat in Worten unmittelbarer ein Mensch
318
An das Herz des Menschen gegriffen:

319
Der Menschheit ganzer Jammer packt mich an.

320
Wer fühlet,
321
Wie wühlet
322
Der Schmerz mir im Gebein?

323
Wohin ich immer gehe,
324
Wie weh, wie weh, wie wehe
325
Wird mir im Busen hier!
326
Ich bin, ach! kaum alleine,
327
Ich wein', ich wein', ich weine,
328
Das Herz zerbricht in mir!

329
Das Alte ist vergangen,
330
Und es ist Alles neu geworden.
331
Die Schönheit, auf Unrecht aufgebaut, ist keine Schönheit!
332
Es ist ein häßlicher Flecken an ihr,
333
Der sie zu Grunde richtet.
334
Darum ist die Schönheit Griechenlands untergegangen,
335
Denn sie war gebaut auf Sklaverei.
336
Die Schönheit, die wir aufrichten wollen,
337
Soll gebaut sein auf Menschenliebe,
338
Und darum wird sie leben bleiben.

339
Viele sollen nicht treu sein Einem,
340
Aber Einer soll treu sein Vielen.
341
Viele sollen nicht dankbar sein Einem,
342
Aber Einer soll dankbar sein Vielen.

343
Jeder, der gequält ist,
344
Soll auf seine gequälten Brüder sehen,
345
Daß er ihnen helfe,
346
So wird Einer treu sein Vielen.
347
Jeder, der minder gequält ist,
348
Soll auf seine Brüder sehen, die mehr gequält sind,
349
Daß er ihnen helfe,
350
So wird Einer dankbar sein Vielen.

351
Alles, was den Menschen niedrig macht,
352
Ist in der Treue gegen Einen;
353
Alles, was den Menschen hoch erhebt,
354
Ist in der Treue gegen Viele.
355
Wer Vielen treu ist,
356
Der muß frei werden;
357
Wer Einem treu ist, der muß ein Sklave sein
358
Und er wird es bleiben.

359
Jeder Erwachsene soll den Kindern dankbar sein.
360
Der Lehrer soll den Schülern dankbar sein.
361
Der Gegenwärtige soll den Kommenden dankbar sein.
362
Durch den Dank nach rückwärts ist die Knechtschaft gekommen,
363
Durch den Dank nach vorwärts
364
Müssen die Sklaven freie Menschen werden
365
Und muß alles Elend ein Ende haben.

366
Ihr sollt nicht Mährchen für Wahrheit halten.
367
Denn wenn ihr das thuet,
368
So mordet ihr euch selbst
369
Und mordet eure Kinder.

370
Stehe auf, du Sprache, und gehe dorthin,
371
Wo der Jammer wohnet,
372
Wo das Elend zu Tische sitzt,
373
Und der Hunger in den Eingeweiden wühlet.
374
Wen du dort finden wirst,
375
Mache seinen zerschlagenen Arm stark
376
Und seinen stumpfen Blick helle.
377
Laß nicht ab von ihm,
378
Wenn er sich hinlegt vom Elend
379
Und wenn er aufsteht zum Elend.
380
Trommle, zischle, raune ihm zu:
381
Du sollst dich nicht treten lassen.
382
Du sollst dich nicht unterdrücken lassen.
383
Du sollst dich nicht aussaugen lassen.
384
Du sollst den Sklavensinn von dir thun.
385
Du sollst die Knechtseligkeit von dir thun.
386
Du sollst dich nicht bücken vor einem lebendigen Menschen,
387
Denn er ist nicht mehr als du.

388
Wirst du dies befolgen,
389
So wird das Elend abfallen von dir,
390
Wie ein Reif von der Erde schwindet,
391
Wenn das Frühlicht kommt
392
Und die Sonne am Himmel pranget.

393
Denn weil du dich treten läßt,
394
Darum heulest du.
395
Weil du dich unterdrücken läßt,
396
Darum bist du elend.
397
Und weil du dich aussaugen läßt,
398
Darum mußt du Hunger leiden.

399
Wer aber seinen Nebenmenschen zwingt,
400
Weniger zu wissen als er selber weiß,
401
Der unterdrückt seinen Bruder,
402
Der tritt auf ihn
403
Und der saugt ihn aus.

404
Und wer seinen Nebenmenschen zwingt,
405
Mehr zu arbeiten, als er selber arbeitet,
406
Der unterdrückt seinen Bruder,
407
Der tritt auf ihn
408
Und der saugt ihn aus.

409
Und du Sprache,
410
Nimm eine Leuchte in deine Hand
411
Und gehe dorthin, wo es finster ist,
412
Wo es ganz finster ist.
413
Und strecke die Leuchte über die dort schlummern
414
Und nichts wissen von sich,
415
Bis ihre Wimpern zucken
416
Und sie sich hin und wieder wälzen.
417
Und rufe laut, daß es halle
418
Von Hügel zu Hügel,
419
Von Thal zu Thal:
420
Wacht auf! wacht auf!
421
Ihr habt zweitausend Jahre geschlafen,
422
Das ist lange genug. Wacht auf! seht,
423
Es will lichter Morgen werden!

424
Und es hören es die Hügel,
425
Und es hören es die Thäler,
426
Und es hören es die Ufer des Meeres alle.
427
Und die Wellen am Ufer hören es,
428
Und beginnen es gegen einander zu schlagen.
429
Und die Tiefen des Meeres hören es,
430
Und steigen mit Freuden empor.
431
Und die letzten Wellen hören es,
432
Und schlagen es an die Felsen mit Jubel.
433
Da dröhnt das Land.
434
Ein neues Licht durchzuckt alle Menschen.
435
Aufjauchzen die Nationen der Erde.
436
Denn der Fluch ist von ihnen genommen,
437
Und den Blinden sind die Augen aufgethan,
438
Und wollen als freie Menschen auf Erden wohnen,
439
Und ein Blutbad unter ihnen wird nicht mehr sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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