Meine Seele verdrießet mein Leben

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Leopold Jacoby: Meine Seele verdrießet mein Leben Titel entspricht 1. Vers(1867)

1
Meine Seele verdrießet mein Leben.
2
Ich will meine Klage erschallen lassen
3
Und reden von der Betrübniß meiner Seele.
4
Ein Gott hat mir den Mund geöffnet,
5
Ich kann nicht stumm sein.
6
Die Vorsehung hat mir ein Schwert gegeben,
7
Ich will es gebrauchen.
8
Darum will ich reden, wer es hören wird,
9
Dem werden seine beiden Ohren gellen.

10
Siehst du den Ackersknecht dort?
11
Auf dem Felde stehet er neben dem Pflug,
12
Neben Pferd und Rind.
13
Und er spricht mit dem Rind,
14
Und das Thier dreht sich um
15
Und brüllt
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Und glotzt ihn an.
17
Und er stiert ins Blaue hinein. –
18
Die Sonne brennt,
19
So ist ihm heiß.
20
Der Wind weht kalt,
21
So friert ihn.
22
Das ist die Erkenntniß, die man ihm gegeben.
23
Und er peitscht auf das Pferd
24
Und er schlägt das Rind;
25
Aber die Peitsche, die ihm im Nacken sitzt, sieht er nicht,
26
Und wie er selber geschlagen wird, merkt er nicht,
27
Und welch' ein Menschenleben er dahinlebt,
28
Das weiß er nimmermehr.

29
Siehst du die Bergleute dort?
30
Beim Dämmermorgen aus den Hütten kommen sie,
31
Und das Grubenlicht blinkt,
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Und wenn sie niederfahren, sagen sie glückauf!
33
Aber auf ihren Gesichtern da wohnt der Gram,
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Und in ihren Hütten sieht es jämmerlich aus.
35
Lebendige Leichen sah ich sie in die Erde steigen,
36
Lebendige Leichen kamen sie wieder hervor.
37
Sie können nicht leben
38
Und wollen doch nicht sterben.
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Und ihre Kinder und Enkel müssen sie sehen
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Erbarmungslos in dasselbe Elend hineinwandern.

41
Aber in den Straßen der Stadt,
42
Darin die Menschen wimmeln,
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Wenn du dicht an den Häusern gehest,
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Kannst du es hören:
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Schlag auf Schlag und spät und früh,
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Wie das Herz gehet bei einem Fieberkranken,
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So schlägt der Webstuhl
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Und fliegt das Schiffchen durch,
49
Aber auf der Spule ist der Hunger aufgewickelt,
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Und der wird hineingewebt
51
In die glänzenden Zeuge.

52
In dem Saal,
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Wo die Kerzen hell schimmern
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Und die seidnen Gewänder knistern und rauschen,
55
Da klingt der Reigen,
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Und die jungen Gesichter strahlen
57
Fröhlich vom Tanz.
58
Und sie setzen sich Paar an Paar
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Mit munterem Lachen
60
Zum schimmernden Mahle nieder,
61
Und die Pfropfen knallen und die Gläser klingen.
62
Aber auf das glänzende Gewebe dort fällt mein Blick,
63
Und daraus hervor grauenhaft
64
Das Gespenst des Hungers grinst mich an
65
Ueber den Tisch.

66
Siehst du das Gebäude dort mit den vielen Fenstern?
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Und die hohen Schornsteine ragen
68
In den blauen Frühlingshimmel hinein?
69
Drunten,
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In dem dunst'gen Raum,
71
Dort, wo der Dampf athmet,
72
Da spricht der Kessel
73
Mit zisch und zisch:
74
Du bist ein Mensch!
75
Du bist ein Mensch!
76
Laß dich nicht schinden!
77
Laß dich nicht schinden!
78
Aber droben,
79
In dem weiten Saal,
80
Wo die Spuhlen schwirren
81
Und die Räder sausen,
82
Kinder stehen da
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Und knüpfen hastig
84
Mit ihren Händchen,
85
Und knüpfen immer
86
Ohne Ende –
87
Und sind doch Menschen
88
Und sind Kinder.

89
Aber unweit daneben, da zittert die Erde
90
Vom Stoß des Hammers
91
Und von den eisernen Schlägen,
92
Und es zischelt und es haspelt und es klopft
93
Wie tausend Hexengeister. –
94
Es ist Abend, da tönt ein Pfiff
95
Gellend laut,
96
Und da kommen sie heraus, trotz'ge Gestalten.
97
Ihnen blitzen die Augen kühn,
98
Und ihre kräftigen Arme
99
Möchten wohl einmal auf Anderes schlagen
100
Als das schuldlose Eisen.
101
Es geht ein gewaltiger Geisteshauch über die Erde,
102
Desgleichen auf Erden noch nie ist gespüret worden.
103
Er wühlet die Wellen auf vom Grund.

104
Dem Amboß hat es Einer gesagt,
105
Daß er aus demselben Stoffe gemacht sei
106
Wie der Hammer,
107
Und siehe, er will nun nicht länger Amboß sein.
108
Darob ist ein groß Entsetzen gekommen auf die Schläger alle;
109
Aber die Geschlagenen sind noch nicht besser daran
110
Denn zuvor.

111
Wie der Arzt pocht an den Leib des Menschen
112
Und horcht mit Sorgfalt, daß er ihm sage:
113
Hier bist du krank,
114
Und hier bist du schwer krank.
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Aber heilen kann ich dich nicht
116
Und helfen kann ich dir nicht,
117
So ist die Erkenntniß zu ihnen gekommen
118
Ihrer Krankheit,
119
Und ist noch kein Arzt da, der ihnen helfe,
120
Und ihr Elend ist nicht auszusagen.

121
Seht doch, wie wunderlich es ihnen gehet.
122
Sie pflanzen das Land
123
Und säen die Saaten aus
124
Und bringen die Ernten ein,
125
Und dürfen doch der Frucht nicht genießen.
126
Sie bauen alle Häuser
127
Und können nirgend wohnen.
128
Sie machen Alles,
129
Sie schaffen Alles,
130
Und sie haben nichts.
131
Ein Unrecht geschiehet hier, wer kann es ableugnen?
132
Ein blutiges Unrecht geschiehet hier,
133
Wer wird es sühnen?

134
Der Kaufmann ist mir hochgeachtet,
135
Der für sich und die Seinen sich quält
136
In ehrlichem Erwerb.
137
Ihn schätze ich dem Landmann gleich,
138
Der den Acker bauet mit schwerer Hand
139
Und das Gespenst des Hungers abwehrt von dem Menschen.
140
Aber der Kaufmann ist ja auch elend.
141
Die Nachbarn lauern auf seinen Untergang;
142
Einer jagt den andern, daß er ihn verderbe.
143
Es ist ein Grauen mit anzusehn.

144
Und dazu müssen meine Augen sehen,
145
Wie das Blutsaugerthum schamlos waltet im Lande,
146
Und ist keine Schranke da, die ihnen Einhalt thut,
147
Und kein Richter auf Erden, der sie strafe.
148
Und die sich brüsten, die Ersten im Lande zu sein,
149
Und sich einbilden, anders geboren zu sein,
150
Als alle andern Menschen –
151
Das doch eine Beschimpfung der Menschenwürde ist
152
Und eine Lüge im Angesicht der Wahrheit
153
Und ein Kinderspott vor der ganzen Welt –
154
Die sind mitten darunter.
155
Und sie thun sich zusammen zu ganzen Banden
156
Und fallen das Volk bei hellem, lichten Tage an,
157
Daß sie es ausplündern.

158
Und dann lachen sie noch in sich hinein
159
Und rufen: das sind die Dummen!
160
Da es doch bloß die Unwissenden sind
161
Und die nicht sehen können.
162
Als ob es denn ein köstlich Ding sei und ein groß Werk,
163
Einen Blinden in den Graben zu stoßen,
164
Oder ein Kind anzulocken und auszurauben.
165
Und Viele, die ein Amt hatten zum Nutzen ihrer Mitmenschen,
166
Und das Amt war voll Mühe und Arbeit,
167
Die lassen ihr Amt und laufen jenen nach,
168
Damit sie auch mit Gier mögen Gold einscharren
169
Ohne Mühe und ohne Arbeit.
170
Und dafür tausend Elende müssen noch elender sein
171
Und noch mehr gequält und noch mehr geschunden.

172
Ich will meine Stimme erheben
173
Und rufen, daß man es weit höre:
174
Wer nicht arbeitet, der soll nicht leben!
175
Der Geist, der heut herrscht, ist eine Schmach den Menschen

176
Und eine tiefe Schande den Völkern!
177
Sein Gift frißt um sich wie der Krebs.
178
Sie haben sich steinerne Paläste gebaut,
179
Aber aus allen Ecken pfeift der Betrug heraus.
180
Wenn der Arbeitsmann vorbeigeht,
181
Er weiß nicht warum, aber er ballt die Hand zur Faust.
182
Auf seinen Aeckern da geht der Bauer
183
Und stöhnet hinter dem Pfluge her.
184
Es ist nicht die Arbeit, die ihn stöhnen macht,
185
Denn sie war sonst seine Lust gewesen.
186
Aber die Halme, die er mähen wird,
187
Sie sind nicht mehr sein,
188
Und sein Haus, darinnen seine Eltern gewohnt,
189
Er wird es bald verlassen,
190
Frage doch die Vögel unter dem Himmel,
191
Die werden dir's sagen.

192
Und haben sich öffentliche Blätter gemacht,
193
Die sprechen von Allem, was nicht ist
194
Und was nicht gewesen ist.
195
Aber was gerecht ist, das reden sie nicht,
196
Und was noth thut, das sagen sie nicht.
197
Nach Gewicht steht da das Talent zu Kauf,
198
Und talentvoll und gewissenlos
199
Ist bei ihnen einunddasselbe geworden,
200
Darum sind sie mit Grund gering geachtet.
201
Sie vernichten das Denken,
202
Das höchste Gut des Menschen,
203
Und sie machen stumpfsinnig anstatt zu belehren.
204
Und rühmen sich dessen mit Heuchellügen
205
Und nennen ihr Geldgeschäft
206
Eine Geisteswohlthat für das Volk.
207
Sie haben einen feinen Teppich über den Sumpf gebreitet
208
Und sehen wohl zu, daß nichts durchdringe.
209
Kinder schreiben darin
210
Und Närrische müssen die Welt regieren.
211
Das Schlagwort ist ihre Angriffswaffe,
212
Und die Phrasen sind ihr tägliches Brot.
213
Die Phrase aber ist der Betrug mit Worten,
214
Und das Schlagwörterthum
215
Der Mißbrauch gerechter Worte.

216
Wer gewohnt ist, mit klaren Blicken um sich zu schau'n,
217
Wer sich den schlichten Verstand nicht mag verrücken lassen
218
Und wer seine Sprache liebt, das edelste Geschenk,
219
Das dem Menschen ein Gott gegeben,
220
Der steht vor der Phrase
221
Wie vor den Schnalzlauten,
222
Die die Wilden in Afrika sprechen.
223
Ein Gemisch von Schallwellen schlägt an sein Ohr,
224
Er hört Laute und weiß keinen Sinn,
225
Wie Seifenblasen
226
Blähen sich die bunten Worte auf,
227
Und wenn sie geplatzt sind,
228
So ist darinnen das pure Nichts.
229
Aber dichtgedrängt stehen die Hörer umher
230
Und klatschen rasenden Beifall.
231
Und sein Gemüth wird von Trauer erfüllt,
232
Und ein unendlicher Ekel ergreift ihn.

233
Aber die Dichter, die heut leben,
234
Haben sie denn Augen, um nicht zu sehn?
235
Haben sie denn einen Mund, um nicht zu sprechen?
236
Ach! die besten von ihnen sind gar alt geworden.
237
Sie haben sich zurückgezogen in gerechtem Groll
238
Und schreiben nicht mehr,
239
Und die noch schreiben, sind nicht die besten.
240
Da ist keiner,
241
Der mit Ernst die Wahrheit möchte verkünden,
242
Ob schon die Spatzen auf den Dächern davon reden.
243
Da ist keiner, der das Schwert ergreift,
244
Das blitzende, scharfe Schwert,
245
Ein Lied zu singen zur rechten Zeit
246
Mit klingender Form,
247
Aber im Inhalt schonungslos, rücksichtslos.
248
Die Poesie ist zum Gewerbe geworden.
249
Wer am meisten bezahlt bekommt,
250
Ist unter ihnen der größte Dichter.
251
Was todt und begraben ist,
252
Dagegen kämpfen sie,
253
Und was keinem am Herzen liegt,
254
Das bringen sie vor.
255
Mit Stroh gehen sie schwanger
256
Und Stoppeln gebären sie.
257
Einen Stecknadelknopf Gold
258
Walzen sie zu einem bändigen Romane aus,
259
Und sie schläfern lieber die Gedanken der Menschen ein,
260
Statt neue zu wecken. –
261
Wüst und öde sieht es auf der Bühne aus,
262
Und ich habe Beifall klatschen sehn solchem Schund,
263
Daß ich nicht wußte, ob ich unter Irren war,
264
Oder in Gemeinschaft vernunftbegabter Menschen.
265
Und sie nennen sich selber Epigonen.

266
Wohl hat es Heroen in unserer Dichtkunst gegeben;
267
Aber im Staub vor ihnen zu liegen
268
Und im Gefühl der eig'nen Ohnmacht anzubeten,
269
Das ist Sklaven-Art.
270
Nicht also gebietet der Genius,
271
Sondern mit ernstem Munde spricht er:

272
Liebend sollst du dein Haupt vor ihnen beugen
273
Und dich freuen in deinem Herzen,
274
Daß du solche Vorbilder hast.
275
Aber mit stolzem Aufblick als ein freier Mann
276
Sollst du dir selber sagen:
277
Das Höchste in der Poesie
278
Daß mir von Anfang verboten wär',
279
Es zu erreichen.
280
Gelingt es nicht,
281
So wird das Ziel adeln den Versuch
282
Und ihn bewundernswerth erscheinen lassen
283
Dort, wo er stehn blieb.

284
Damals,
285
Als ich umherging einsam
286
Und in mir selbst verlassen,
287
Verstanden von keinem,
288
Geliebt von keinem,
289
Und keinen Menschen auf Erden liebend,
290
Die du mir damals ein neues Leben gegeben
291
Und eine solche Blüthenfülle von Poesien,
292
Daß ich aufjauchzen mußte
293
Im tiefsten Elend:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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