Auf! Laßt uns irgend jemanden erschlagen!

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Joachim Ringelnatz: Auf! Laßt uns irgend jemanden erschlagen! Titel entspricht 1. Vers(1908)

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Auf! Laßt uns irgend jemanden erschlagen!
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Sie fragen: Wen?
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Wie feig schon, überhaupt zu fragen.
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Halt irgendwen, den oder den.

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So irgend jemand mitten aus der Mitte
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Urplötzlich töten, hei, wie das belebt!
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Weil's Aufsehn macht.
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Denn Töten ist nicht Sitte,
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Sondern ein Sport, vor dem die Mehrheit bebt.

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Nicht solche töten, die uns Grund gegeben,
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Noch etwa Greise oder Weib und Kind,
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Auch laßt uns Töter gegenseitig leben,
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Weil wir doch schließlich keine Henker sind.

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Was über achtzig Jahr und unter zehn
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Jahr ist, sind faule, unbrauchbare Drohnen.
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Den andern aber muß man zugestehn,
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Daß sie was leisten, und die laßt uns schonen.

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Auf! Laßt uns all mitnander Ei-ei machen!
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Auf! Fistet Pazi und seid friedlich froh!
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Verklebt aus Liebe unter heitrem Lachen
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Mit Bruderkuß den feindlichsten Popo.

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Krieg, Haß und Neid und alle widrigen
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Gefühle fort! Dem Herzen gebt Gehör!
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Wir wollen uns freiwillig selbst erniedrigen.
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Und wer uns anspeit, sei uns Parfumeur.

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Ein Reich zu gründen und dafür zu werben
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Gilt es, das ganz und gar dem Himmel gleicht.
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Seid überzeugt: Wir werden drüber sterben.
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Doch, wenn wir leben blieben, wär's erreicht.

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Warum denn immer alles übertreiben?
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Warum denn links? Warum denn rechts?
32
Um Gottes willen, laßt uns mäßig bleiben,
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Nicht männlichen, nicht weiblichen Geschlechts.

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Hübsch angepaßt und jede Reibung meiden!
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Nicht hart, nicht weich! Nicht Ja, nicht Nein!
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Auf alles hören und sich nie entscheiden.
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Wer weiß, wie's kommt. Man muß gewappnet sein.

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Denn golden ist der goldne Weg der Mitte.
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Man ißt und zeugt und schläft schön ungestört,
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Regt sich nicht auf um »danke« oder »bitte«
41
Und weiß und lebt und stirbt, wie sich's gehört.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joachim Ringelnatz
(18831934)

* 07.08.1883 in Wurzen, † 17.11.1934 in Berlin

männlich, geb. Bötticher

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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