Meine Tante

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Joachim Ringelnatz: Meine Tante (1908)

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Meine Tante ist eine Blinde
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Und obendrein geistesgestört,
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Was ich doch noch rüstig empfinde,
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Weil sie auf dem einen Ohr hört.

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Ihr Rückgrat ist wie ein Henkel.
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Sie geht deshalb etwas gebückt.
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Doch hat sie am oberen Schenkel
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Ein Grübchen, das jeden entzückt.

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Ein Grübchen, wie manch eine Haut hat,
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Nur zarter und doch wieder stark,
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Daß jeder, der es geschaut hat,
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Erfreut etwas zahlt. Meist drei Mark.

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Sie hat Perioden mit Äther.
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Ich breche mitunter mit ihr
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Beziehungen ab, die ich später
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Erneure bei angeblich Bier.

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Denn sie ist doch eine volle
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Mimosengestalt, ein Genie,
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Und immer noch unter Kontrolle.
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Ich garantiere für sie.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joachim Ringelnatz
(18831934)

* 07.08.1883 in Wurzen, † 17.11.1934 in Berlin

männlich, geb. Bötticher

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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