Blindschl

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Joachim Ringelnatz: Blindschl (1908)

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Ich hatte einmal eine Liebschaft mit
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Einer Blindschleiche angefangen;
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Wir sind ein Stück Leben zusammen gegangen
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Im ungleichen Schritt und Tritt.

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Die Sache war ziemlich sentimental.
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In einem feudalen Thüringer Tal
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Fand ich – nein glaubte zu finden – einmal
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Den ledernen Handgriff einer
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Damenhandtasche. Es war aber keiner.

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Ich nannte sie »Blindschi«. Sie nannte mich
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Nach wenigen Tagen schon »Eicherich«
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Und dann, denn sie war sehr gelehrig,
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Verständlicher abgekürzt »Erich«.

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Allmittags haben gemeinsam wir
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Am gleichen Tische gegessen,
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Sie Regenwürmer mit zwei Tropfen Bier,
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Ich totere Delikatessen.

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Sie opferte mir ihren zierlichen Schwanz.
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Ich lehrte sie überwinden
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Und Knoten schlagen und Spitzentanz,
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Schluckdegen und Selbstbinder binden.

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Sie war so appetitlich und nett.
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Sie schlief Nacht über in meinem Bett
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Als wie ein kühlender Schmuckreif am Hals,
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Metallisch und doch so schön weichlich.
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Und wenn ihr wirklich was schlimmstenfalls
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Passierte, so war es nie reichlich.

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Kein Sexuelles und keine Dressur.
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Ich war ihr ein Freund und ein Lehrer,
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Was keiner von meinen Bekannten erfuhr;
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Wer mich besuchte, der sah sie nur
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Auf meinem Schreibtisch steif neben der Uhr
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Als bronzenen Briefbeschwerer.

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Und Jahre vergingen. Dann schlief ich einmal
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Mit Blindschi und träumte im Betti
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(jetzt werde ich wieder sentimental)
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Gerade, ich äße Spaghetti.

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Da kam es, daß irgendwas aus mir pfiff.
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Mag sein, daß es fürchterlich krachte.
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Fest steht, daß Blindschi erwachte
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Und – sie, die sonst niemals nachts muckte –
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Wild züngelte, daß ich nach ihr griff
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Und sie, noch träumend, verschluckte.

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Es gleich zu sagen: Sie ging nicht tot.
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Sie ist mir wieder entwichen,
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Ist in die Wälder geschlichen
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Und sucht dort einsam ihr tägliches Brot.

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Vorbei! Es wäre – ich bin doch nicht blind –
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Vergebens, ihr nachzuschleichen.
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Weil ihre Wege zu dunkel sind.
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Weil wir einander nicht gleichen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joachim Ringelnatz
(18831934)

* 07.08.1883 in Wurzen, † 17.11.1934 in Berlin

männlich, geb. Bötticher

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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