Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument (1908)

1
Guten Abend, schöne Unbekannte! Es ist nachts halb zehn.
2
Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?
3
Wer ich bin? – Sie meinen, wie ich heiße?

4
Liebes Kind, ich werde Sie belügen,
5
Denn ich schenke dir drei Pfund.
6
Denn ich küsse niemals auf den Mund.
7
Von uns beiden bin ich der Gescheitre.
8
Doch du darfst mich um drei weitre
9
Pfund betrügen.

10
Glaube mir, liebes Kind:
11
Wenn man einmal in Sansibar
12
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
13
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
14
Die Menschen sind.

15
Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe
16
Wie bei Peter dem Großen L'honneur. –
17
Übrigens war ich – (Schenk mir das gelbe
18
Band!) – in Altona an der Elbe
19
Schaufensterdekorateur. –

20
Hast du das Tuten gehört?
21
Das ist Wilson Line.

22
Wie? Ich sei angetrunken? O nein, nein! Nein!
23
Ich bin völlig besoffen und hundsgefährlich geistesgestört.
24
Aber sechs Pfund sind immer ein Risiko wert.

25
Wie du mißtrauisch neben mir gehst!
26
Wart nur, ich erzähle dir schnurrige Sachen.
27
Ich weiß: Du wirst lachen.
28
Ich weiß: daß sie dich auch traurig machen.
29
Obwohl du sie gar nicht verstehst.

30
Und auch ich –
31
Du wirst mir vertrauen, – später, in Hose und Hemd.
32
Mädchen wie du haben mir immer vertraut.

33
Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.
34
Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,
35
Da wohnt meine Mutter. – Quatsch! Ich bitte dich: Sei recht laut!

36
Ich bin eine alte Kommode.
37
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
38
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
39
Der wird kichern, der nach meinem Tode
40
Mein Geheimfach entdeckt. –
41
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

42
Das ist nun kein richtiger Scherz.
43
Ich bin auch nicht richtig froh.
44
Ich habe auch kein richtiges Herz.
45
Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.
46
Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts, irgendwo
47
Im Muschelkalk.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Joachim Ringelnatz
(18831934)

* 07.08.1883 in Wurzen, † 17.11.1934 in Berlin

männlich, geb. Bötticher

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.