Sie drückten sich schon beizeiten

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Joachim Ringelnatz: Sie drückten sich schon beizeiten Titel entspricht 1. Vers(1908)

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Sie drückten sich schon beizeiten
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Fort aus dem Tanzlokal
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Und suchten zu beiden Seiten
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Der Straße das Gast- und Logierhaus Continental.

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So dringlich: Man hätte können glauben,
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Er triebe sie vorwärts wie ein Rind.
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Und doch handelten beide im besten Glauben.
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Er wollte ihr nur die Unschuld rauben.
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Sie wollte partout von ihm ein Kind.

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Da geschah es, etwa am Halleschen Tor,
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Daß Frieda über dem Knutschen und Schmusen
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Aus ihrem hitzig gekitzelten Busen
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Eine zertanzte, verdrückte Rose verlor.

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Und ein sehr feiner Herr, dessen Eleganz
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Nicht so rumtoben tut, folgte den beiden.
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Jedoch hielt er sich vornehm bescheiden
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Immer in einer gewissen Distanz.

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Er wollte ursprünglich zum Bierhaus Siechen.
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Aber nun hemmte er seinen Lauf,
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Zog die Handschuh aus, hob die Rose auf
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Und begann langsam daran zu riechen.

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Er wünschte aber keinen Augenblicksgenuß;
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Deshalb stieg er mit der Rose in den Omnibus.
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Derweilen war Frieda mit ihrem Soldaten
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Auf einen Kinderspielplatz geraten.
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Dort merkten sie nicht, wie die Nacht verstrich
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Und daß ein unruhiger Mann mit einem Spaten
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Sie dauernd beschlich.

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Als sich nach längerem Aufenthalt
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Das Paar in der Richtung zur Gasanstalt
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Mit kurzen, trippelnden Schritten verlor,
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Sprang der unruhige Mann plötzlich hervor.
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Und fing an, eine Stelle, wo er im Sand
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Die Spur von Friedas Stiefelchen fand,
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Mit seinem Spaten herauszuheben.
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Worauf er behutsam mit zitternder Hand
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Die feuchte Form in ein Sacktuch band,
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Um sich dann leichenblaß heimzubegeben.

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Wie um das dümmste Mädchen
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Sich sonderbare Fädchen
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Nachts durch die Straßen ziehn –
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Die Dichter und die Maler
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Und auch die Kriminaler,
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Die kennen ihr Berlin.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joachim Ringelnatz
(18831934)

* 07.08.1883 in Wurzen, † 17.11.1934 in Berlin

männlich, geb. Bötticher

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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