Fußball (nebst Abartung und Ausartung)

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Joachim Ringelnatz: Fußball (nebst Abartung und Ausartung) (1908)

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Der Fußballwahn ist eine Krank-
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Heit, aber selten, Gott sei Dank.
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Ich kenne wen, der litt akut
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An Fußballwahn und Fußballwut.
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Sowie er einen Gegenstand
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In Kugelform und ähnlich fand,
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So trat er zu und stieß mit Kraft
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Ihn in die bunte Nachbarschaft.
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Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,
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Ein Käse, Globus oder Igel,
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Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,
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Ein Kegelball, ein Kissen war,
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Und wem der Gegenstand gehörte,
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Das war etwas, was ihn nicht störte.
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Bald trieb er eine Schweineblase,
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Bald steife Hüte durch die Straße.
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Dann wieder mit geübtem Schwung
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Stieß er den Fuß in Pferdedung.
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Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.
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Die Lampenkuppel brach sofort.
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Das Nachtgeschirr flog zielbewußt
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Der Tante Berta an die Brust.
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Kein Abwehrmittel wollte nützen,
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Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,
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Noch Puffer außen angebracht.
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Er siegte immer, o zu 8.
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Und übte weiter frisch, fromm, frei
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Mit Totenkopf und Straußenei.
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Erschreckt durch seine wilden Stöße,
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Gab man ihm nie Kartoffelklöße.
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Selbst vor dem Podex und den Brüsten
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Der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,
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Was er jedoch als Mann von Stand
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Aus Höflichkeit meist überwand.
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Dagegen gab ein Schwartenmagen
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Dem Fleischer Anlaß zum Verklagen.
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Was beim Gemüsemarkt geschah,
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Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.
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Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen
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Durch Publikum wie wilde Bienen.
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Da sah man Blutorangen, Zwetschen
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An blassen Wangen sich zerquetschen.
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Das Eigelb überzog die Leiber,
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Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.
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Kartoffeln spritzten und Citronen.
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Man duckte sich vor den Melonen.
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Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.
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Dann donnerten die Kokosnüsse.
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Genug! Als alles dies getan,
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Griff unser Held zum Größenwahn.
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Schon schäkernd mit der U-Bootsmine –
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Besann er sich auf die Lawine.
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Doch als pompöser Fußballstößer
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Fand er die Erde noch viel größer.
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Er rang mit mancherlei Problemen.
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Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?
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Dann schiffte er von dem Balkon
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Sich ein in einem Luftballon.
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Und blieb von da an in der Luft,
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Verschollen. Hat sich selbst verpufft. –
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Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,
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Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joachim Ringelnatz
(18831934)

* 07.08.1883 in Wurzen, † 17.11.1934 in Berlin

männlich, geb. Bötticher

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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