Zweites Buch

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Ludwig Uhland: Zweites Buch (1815)

1
Wirf ab, mein Lied, den niederländ'schen Schuh
2
Und schnalle den Kothurn dir an die Sohlen!
3
Der herrischen Fortuna pflichtest du,
4
Und diese hat ein Trauerspiel befohlen;
5
Aus Wolken sprach sie den Prolog dazu,
6
Und nicht beliebt's ihr, ihn zu wiederholen.
7
Tritt auch der Held nicht alsbald auf die Bretter,
8
Noch blieb er unversenkt von Sturm und Wetter.

9
Der Schauplatz unsres Stückes ist zu Londen,
10
Die Zeit – ich dächte wohl: im Februar?
11
Denn welcher rühmet sich von allen Monden,
12
Daß er dem Trauerspiele günst'ger war?
13
Doch meine Göttin schüttelt ihre blonden
14
Stirnlocken, fürder deutet sie ins Jahr:
15
Den wechselnden April hat sie erkoren,
16
Ihr Dichter selbst ist im April geboren.

17
Zu Londen also war ein Kaufmann säßig,
18
Roberto, von toskanischem Geschlechte.
19
Von Jugend auf bedacht, arbeitsam, mäßig,
20
Hatt er besiegt die kargen Schicksalsmächte,
21
Noch jetzo warb und schafft' er unablässig,
22
Streng hielt er seine Schreiber, seine Knechte,
23
In Strömen kam ihm der Gewinst geflossen,
24
Doch nahm er auch den kleinen gern zum großen.

25
Als dieser einst am Pulte saß und sann,
26
Hört' er im Gange draußen rasche Tritte.
27
Es klopft, und eh er Antwort geben kann,
28
Steht ihm der Gast schon in des Zimmers Mitte,
29
Ein langer, hagrer, frühverzehrter Mann,
30
Nach Farb und Wuchs und Kleidertracht kein Britte;
31
Die dunkeln Augen läßt er kecklich schweifen,
32
Und was er ansieht, scheint er zu ergreifen.

33
»andreas Rodio bin ich genannt«,
34
So spricht er, »von Florenz wie Ihr entsprossen.
35
Mein Vater Lucas ist Euch wohlbekannt,
36
Er rühmt sich Eurer Jugendzeit Genossen,
37
Hat gute Seidenwar Euch stets gesandt
38
Und Euch getreulich ins Gebet geschlossen.
39
Bei der Bewandtnis darf ich mich erfrechen,
40
Um einen Freundesdienst Euch anzusprechen.

41
Ein edler Lord ist zu Turin gefangen,
42
Des kläglich Schicksal mir das Herz bewegt.
43
Dem armen Manne war es beigegangen,
44
Daß er sich eine Sammlung angelegt,
45
Nicht von Zwiefaltern, Steinen, Muscheln, Schlangen
46
Noch andrem, was man sonst zu sammeln pflegt,
47
Nein, wie die Britten stets besondres freute,
48
Von Rechnungen der Wirt' und Handelsleute.

49
Seit Monden schmachtet er in Block und Eisen
50
Ob dieser Neigung für das Ungemeine;
51
Nun kam ich jüngst dorthin auf meinen Reisen
52
(ich kaufte dort zerschiedne Edelsteine),
53
Da ließ ich mir das Sehenswürd'ge weisen,
54
Die Kirchen, Klöster, heiligen Gebeine,
55
Und durft ich wohl den Schuldturm übergehen,
56
Wo jene seltne Sammlung ist zu sehen?

57
Als Kenner hatt ich bald mich überzeugt,
58
Sie halt im Werte vierzehntausend Kronen,
59
Den Sammler aber fand ich tiefgebeugt,
60
Er konnte nicht der dumpfen Luft gewohnen,
61
Und wie mich leicht das Mitleid überfleugt,
62
So schwur ich, keinen Fleiß für ihn zu schonen,
63
Und nennt mich einen Schurken, wenn ich raste,
64
Bis ich der leid'gen Fesseln ihn entlaste!

65
Geloben mußt ich noch am Abschiedstag,
66
Nicht ganz umsonst die Sache zu betreiben,
67
Auch will er gerne dreifach den Betrag
68
Von dem, was ihm geliehen wird, verschreiben.
69
›roberto‹, sprach er, ›weiß, was ich vermag,
70
Der wird gewiß nicht ungerühret bleiben.‹ –
71
So bin ich vor Roberto denn getreten,
72
Er sei um diesen Liebesdienst gebeten!«

73
Glaubt nicht, daß mit demütiger Gebärde
74
Andreas diese Worte vorgebracht!
75
Hält er nicht, wie der Bettler mit dem Schwerte,
76
Mit scharfem Blick den Handelsfreund bewacht?
77
Doch dieser ist der kältste Mann der Erde,
78
Und nie empfand er noch der Blicke Macht.
79
Geruhig spricht er, einen Brief entfaltend
80
Und ihn dem Fremdling vor die Augen haltend:

81
»mit diesem Schreiben ward ich heute morgen
82
Von Eurem Vater aus Florenz beehrt.
83
Herr Lucas ist um Euch in großen Sorgen,
84
Weil Ihr auf Reisen Geld und Gut verzehrt,
85
Er warnt mich, Euch das Mindeste zu borgen,
86
Wenn Ihr vielleicht hieher den Flug gekehrt,
87
Auch schrieb er so nach vielen Handelsplätzen,
88
Um sich und andre aus Gefahr zu setzen.

89
Gleichwohl gesteh ich, daß mir wohlgefällt,
90
Was Ihr betreibt, es ist ein gut Geschäfte.
91
Der edle Lord, von dem Ihr vor gemeld't,
92
Erlangt noch einst durch reiches Erbgut Kräfte.
93
Ich werde zahlen, wenn Ihr Bürgen stellt,
94
Es fehlt Euch nicht, faßt Ihr's am rechten Hefte:
95
Er hat Verwandte, die ihm helfen können,
96
Der König selber wird ihm Gutes gönnen.«

97
Andreas eilt zu Vettern und Gevattern,
98
Sie sind die Reichsten auf der reichen Insel,
99
Er spricht von faulem Stroh und gift'gen Blattern,
100
Er schildert des Verlassenen Gewinsel,
101
Er malt ihn halb verzehrt von grimmen Nattern,
102
Er taucht in jeden Höllengraus den Pinsel;
103
Vergeblich! alle Kunst ist hier verschwendet:
104
»der König helfe, der hat ihn versendet!«

105
Der König helfe! Nach der Hofburg schreitet
106
Andreas, vor den Kämmrer tritt er hin:
107
»britannia!« ruft er, »Schmach ist dir bereitet,
108
Dein Bote liegt im Kerker von Turin.
109
Siehst du, wie er nach dir die Arme spreitet,
110
Und hast du keinen Schilling mehr für ihn?
111
Der Pöbel sammelt sich vor seinem Gitter
112
Und jubelt: Seht doch Sankt Georg, den Ritter!«

113
Der Kämmrer drauf: »Mein Lord muß sich gedulden,
114
Es hilft ihm nichts, wenn er die Haare rauft,
115
Er macht zu großer Unzeit seine Schulden,
116
Kein überflüssig Gold ist hier gehauft,
117
Der schöne Brautschmuck kostet manchen Gulden,
118
Den unser König seiner Schwester kauft.
119
Herr Edmund, der den teuren Schatz verschließet,
120
Der zeig es Euch, wohin das Geld uns fließet!«

121
Geziemt' es, Höll und Himmel zu vergleichen,
122
So spräch ich: wie ein heller Sternekranz
123
Hervortritt, wenn die Wolken plötzlich weichen,
124
So dem Andreas jener neue Glanz!
125
O armer Lord, wie muß dein Bild erbleichen!
126
Der Brautschmuck füllet ihm die Seele ganz:
127
Und gierig nach dem kostbarn Augenschmause
128
Eilt er die Straße hin zu Edmunds Hause.

129
Der Ritter Edmund war ein frommer Christ,
130
Doch hatt er nicht das Leibliche vergessen.
131
So war er eben auch zu jener Frist
132
Mit Frau und Kindern an den Tisch gesessen,
133
Und wie er immer gut und freundlich ist,
134
So bittet er den Fremden gleich zum Essen.
135
Wie auch der ungeduld'ge Gast sich wehret,
136
Er muß erst speisen, was der Herr bescheret.

137
Einstweilen doch beginnt er zu erzählen
138
Und gibt dem Wirte sein Begehren kund.
139
Er nennt sich einen Händler in Juwelen
140
Und führt die schönsten auf dem Erdenrund.
141
Er hat gehört, der König will vermählen
142
Die Schwester an den Herzog von Burgund,
143
Auch von dem Brautgeschenk hat er vernommen,
144
Zu sehn, zu handeln ist er hergekommen.

145
»das soll geschehn, das soll geschehn nach Tische!
146
Warum verschmäht Ihr so mein häuslich Mahl?
147
Entdeckt Ihr nichts, was Euch den Gaumen frische?
148
Ihr nehmt vom Rebhuhn nicht und nicht vom Aal!«
149
Doch jener denkt an Vögel nicht noch Fische,
150
Und jede Schüssel bringt ihm neue Qual.
151
Bis endlich nach gesprochnem Tischgebete
152
Der Wirt zu holen geht das Brautgeräte.

153
So wie ein Faun vom buschigen Gestade
154
Mit brünst'gen Blicken nach der Nymphe späht,
155
Die sich entkleiden will zum kühlen Bade
156
Und bald in offner Fülle vor ihm steht,
157
So blickt der Florentiner nach der Lade,
158
Daran Herr Edmund jetzt den Schlüssel dreht;
159
Und als es nun an dem, sie aufzudecken,
160
Da zittert ihm das Herz vor Lust und Schrecken.

161
Wie blitzen der Demanten helle Sonnen!
162
Wie spielen farbig all die edeln Sterne!
163
Und Perlen, Nereus Töchtern abgewonnen,
164
Und schönes, blankes Gold vom reinsten Kerne!
165
Gleichwie, in der Gedanken Meer zerronnen,
166
Ein Seher aufblickt zur gestirnten Ferne,
167
So dem Andreas am Juwelenschranke
168
Verirrt ins Grenzenlose der Gedanke:

169
»ich schaue hin, und schaue hin aufs neue,
170
Es ist der Erde Gott, was vor mir liegt.
171
Vor diesem Zauber weicht die fromme Scheue,
172
Und des Gewissens Zweifel ist besiegt,
173
Von ihm bezwungen wird des Weibes Treue,
174
Von ihm des Mädchens Unschuld eingewiegt.
175
Solch einen Talisman an jedem Finger,
176
Du bist ein Fürst, du bist ein Weltbezwinger!

177
Und mußt ich so die schönste Zeit verschwenden,
178
Die Kraft der Jugend, mit unwürd'ger Tat!
179
Was hieß es, falsche Wechsel auszusenden,
180
Die man beim ersten Blick mit Füßen trat?
181
Verliebte Witwen um ihr Gut zu pfänden?
182
O leichtes Spiel, o kindischer Verrat!
183
Kommt mir der wahre Sinn so spät zur Reife,
184
Daß ich erst jetzo nach dem Höchsten greife?

185
Nur weil ihr pranget mit den Diademen,
186
Ihr Fürsten, seid ihr Herrscher dieser Zeit,
187
Wird man euch diese Zier vom Haupte nehmen,
188
So weicht die Blendung eurer Herrlichkeit.
189
Ein Schatten ist der Mensch, ein trüber Schemen,
190
Wenn ihm das Gold nicht seinen Schimmer leiht.
191
Ich aber will mich schwingen aus dem Dunkeln,
192
Der Schmuck ist mein, ein König werd ich funkeln.«

193
So führ er fort, zu träumen und zu rasen,
194
Da frägt Herr Edmund: »Nun gesteht mir frei!
195
Was denkt Ihr von den feurigen Topasen?
196
Was von dem großen Diamanten-Ei?
197
Was hier von den milchweißen Perlenblasen?
198
Und habt Ihr selber was, das schöner sei?«
199
Der Fremdling spricht: »Ich werd Euch meines weisen,
200
Beliebt es morgen Euch, mit mir zu speisen.«

201
Drauf kehrt Andreas zu dem Gastfreund wieder
202
Und ist der angenehmsten Botschaft voll:
203
Ein Mann hat sich gefunden, fest und bieder,
204
Der für den Sammler sich verschreiben soll;
205
Auch singet er dem Kaufherrn feine Lieder
206
Von sichrer Bürgschaft auf des Königs Zoll:
207
»schafft morgen nur ein stattlich Mahl, denn wisset,
208
Daß unser guter Bürge mit uns isset!«

209
Roberto rüstet stattlich seine Küche,
210
Der Gast erscheinet mit dem Stundenschlag,
211
Er wittert ferne schon die Wohlgerüche,
212
Sie künden ihm ein treffliches Gelag.
213
Man ißt, man trinkt, man bringt sich gute Sprüche,
214
Und jeder denkt im Herzen, was er mag;
215
Doch ist's verpönet, daß kein Wort entwische
216
Von dem Geschäft; nach Tische das, nach Tische!

217
Als nun der Gast die Mahlzeit eingenommen
218
Und manches Glas genippt vom edeln Wein,
219
Da sieht man recht, wie es ihm wohl bekommen,
220
Denn freundlich wie ein Engel blickt er drein.
221
Das innige Behagen dieses Frommen,
222
Es rührte wohl ein Herz von Kieselstein.
223
Andreas aber naht sich ihm gesellig:
224
»zur Sache nun, Herr Ritter, wenn's gefällig!«

225
Nicht ahnt der Arme, wie man ihn beliste,
226
Er dankt für alles, was er Guts genoß,
227
Und kindlich froh, als ging's zum heil'gen Christe,
228
Folgt er dem Schalk ins obere Geschoß.
229
Dort steht in öder Kammer eine Kiste;
230
Schon öffnet sich das wohlverwahrte Schloß,
231
Herr Edmund beugt sich hin, so sieht er's besser,
232
Da fährt ihm ins Genick des Welschen Messer.

233
Drauf nimmt der Mörder dem entseelten Gast
234
Den Daumenring, womit er sonst gesiegelt,
235
Reißt ihm vom Gurt die Schlüssel, und mit Hast
236
Entweichet er, nachdem er fest verriegelt.
237
Du aber, Edmund! hättest dich im Glast
238
Der eiteln Erdenschätze gern gespiegelt:
239
Wie ist dir, als mit einmal sich verbreiten
240
Vor deinem Blick des Himmels Herrlichkeiten?

241
Der Mörder rennt hinab ins Haus des Toten,
242
Wo er die Frau, nun Witwe, so verständigt:
243
»herr Edmund sendet mich als seinen Boten,
244
Er läuft nicht gern, wenn er ein Mahl beendigt,
245
Und daß er löse jeden Zweifelsknoten,
246
Hat er mir Ring und Schlüssel eingehändigt.
247
Er schickt mich, weil zum Tausch wir nötig haben
248
Das Kästlein mit den feinen Hochzeitgaben.«

249
Hat auch die Frau noch irgend ein Bedenken,
250
Der Welsche weiß, wie man mit Weibern spricht;
251
Sie sucht in allen Kammern, allen Schränken,
252
Sie sucht und sucht, das Kästlein find't sie nicht.
253
Das hat er nun von allen seinen Ränken,
254
Von seiner blut'gen Tat, der Bösewicht!
255
Doch er, der Welt und seines Ichs Verächter,
256
Bricht aus in ein satanisches Gelächter.

257
Die Stunde drängt, und Eile will die Flucht,
258
Bevor um Rache schreit der grause Mord.
259
Drum flügelt er die Schritte nach der Bucht
260
Und wirft sich an des nächsten Schiffes Bord.
261
Wer vor dem Henkerbeile Rettung sucht,
262
Dem gilt es gleich, nach Süd hin oder Nord.
263
Das Hurra schallt, die Barke fleugt mit vollen
264
Gefiedern – aber ferne Donner rollen.

265
Der Kaufherr saß indes daheim und schrieb,
266
Da quoll das Blut hernieder durch die Dielen,
267
Doch weil er sein Geschäft mit Eifer trieb
268
Und nicht gewohnt war, übers Blatt zu schielen,
269
Kein Wunder! daß er unbekümmert blieb,
270
Bis ihm die Tropfen in die Rechnung fielen.
271
Ob er sich wohl am Federmesser ritzte?
272
Ob er mit roter Dinte sich beschmitzte?

273
Roberto! hebt es an, sich dir zu lichten?
274
Erbebst du vor der gräßlichen Entfaltung?
275
Nicht wahr, von derlei blutigen Geschichten
276
Stand nichts in deiner doppelten Buchhaltung?
277
In ebnem Gleise ging dein Tun und Tichten,
278
Da faßt dich furchtbar des Geschickes Waltung,
279
Das Angewohnte fällt, das alte, teure,
280
Du mußt hinüber in das Ungeheure!

281
Roberto steckt die Feder hinters Ohr,
282
Berufet zitternd seine Hausgenossen
283
Und steigt mit ihnen zum Gemach empor,
284
Von wo der böse Tau herabgeflossen;
285
Wohl schöbe jeder gern den andern vor,
286
Die Türe wird gewaltsam eingestoßen:
287
Dort liegt Herr Edmund blutig bei der Truhe,
288
Dort hält Herr Edmund tiefe Mittagsruhe.

289
Hat sich in einem Hause was geändert
290
Auf solche Weise, drob das Herz erschaudert,
291
Und kommt ein Freund des Hauses hergeschlendert,
292
Der sonst wohl manches Stündlein dort verplaudert:
293
Wie der erstaunt und, selbst noch unverändert,
294
Die Wohlbekannten zu erkennen zaudert!
295
Denn alle sind, wie man Lemuren schildert,
296
Verfärbt, entstellt, die Stimmen selbst verwildert.

297
So hätt es einer bei Roberto troffen,
298
Bis man sich mählich sammelt und bedenkt:
299
Kann man die Leiche wegzubringen hoffen?
300
Wird der Verdacht noch irgend abgelenkt?
301
Ein tiefer Brunnen steht im Keller offen,
302
Wohlan! dort wird der tote Leib versenkt.
303
Doch bleibt dem Hause Lust und Mut verdorben,
304
Als wäre der Gebieter selbst gestorben.

305
Gestorben nicht, doch auch nicht mehr lebendig!
306
Er hat ja keine Lust mehr an den Zahlen,
307
Er weiß noch kaum das Einmaleins auswendig,
308
Vergißt den Monatstag zu öftern Malen
309
Und stößt sich in den Rechnungen beständig,
310
Denn immer, wenn er sitzt ob den Journalen,
311
Ist's ihm, als ob das Blut herniedertropfe
312
Und an der Türe schon der Häscher klopfe.

313
Geduld! die Sage rennt auf allen Pfaden,
314
Der König hört, daß man den Ritter misse,
315
Herr Edmund stand bei ihm in großen Gnaden,
316
Und mehr noch macht der Schmuck ihm Kümmernisse.
317
Zum Florentiner war der Mann geladen,
318
Dort ist es glaublich, daß man von ihm wisse.
319
Jetzt klopft es erst! der Richter mit den Bütteln,
320
Um alles auszustöbern, aufzurütteln!

321
Auch die Gewölbe werden nicht verschont
322
Und so durchstört vom Boden bis zur Decke,
323
Daß keine Ratz im Loche sicher wohnt
324
Und keine Fledermaus in ihrer Ecke.
325
Da denkt noch einer: »Ob sich's wohl verlohnt,
326
Daß ich ein Windlicht in den Brunnen strecke?«
327
Und sieh! entsetzlich aus der feuchten Tiefe
328
Starrt eine Hand, als ob sie Rache riefe.

329
Nicht soll Medea ihre Kinder schlachten
330
Vor allem Volke, hat Horaz gelehrt,
331
Und seinen Ausspruch ziemt es uns zu achten,
332
Da er, Fortuna, deinen Ruhm gemehrt.
333
Drum, wenn wir Keckes auf die Bühne brachten,
334
So bleib uns doch das Äußerste verwehrt:
335
Wie man den Herrn aufhenkt zusamt den Knechten,
336
Weil sie den Mord verhehlt, nach Landesrechten.

337
Und euch, Zuschauer, die ihr müde seid
338
Der traurigen und fürchterlichen Dinge,
339
Zeig ich zum Troste, wie man herbes Leid
340
Und finsteres Entsetzen bald bezwinge,
341
Wenn ich ein junges Weib in schwarzem Kleid,
342
Kamillen, Edmunds Witwe, vor euch bringe.
343
Die Schöne, deren Trauerzeit noch dauert,
344
Hat doch im Herzen mählich ausgetrauert.

345
Erst fühlt sie ihre Zähren sanfter rinnen,
346
Gemäßigter ertönt ihr Weh und Ach,
347
Schon hört sie auf, sich feindlich einzuspinnen,
348
Sie läßt die Sonne schon in ihr Gemach,
349
Schon sieht sie wieder ihre Nachbarinnen
350
Und merkt es sich, was eine tröstend sprach.
351
Sie sprach: »O laßt Euch eine Witwe sagen,
352
Wie Ihr des toten Manns Euch könnt entschlagen!

353
Jetzt, da die Blütenköpfe wieder quellen
354
Und da der Kuckuck rufet, früh und spät,
355
Jetzt lasset Eure Bettstatt anders stellen,
356
Als sie noch seit des Sel'gen Tagen steht,
357
Und denkt an einen feinen Junggesellen,
358
Jedoch in Ehren, wenn Ihr schlafen geht!
359
Die Toten zu den Toten, mein ich eben,
360
Die Lebenden zu denen, die da leben!«

361
Kamilla drauf: »Gevatterin, beileibe!
362
Sollt ich vergessen meines liebsten Herrn?«
363
Doch als sie nun allein ist, kommt's dem Weibe
364
Nicht aus dem Sinne, sie versucht' es gern.
365
Und wär es auch zum bloßen Zeitvertreibe,
366
Die Bettstatt soll vom alten Platze fern.
367
Doch als man rückt, was hat sich da gefunden?
368
Das Kästlein, das seit Edmunds Tod verschwunden.

369
Die Witwe wendet sich an zween geehrte
370
Verwandte, die ihr oft zu Rate waren,
371
Die Männer aber schütteln ihre Bärte:
372
»was hilft es Euch, den teuren Schmuck bewahren?
373
Unmöglich ist es, daß man ihn verwerte,
374
In aller Welt hat man davon erfahren.
375
Viel besser ist's, Ihr tragt ihn selbst zum Throne
376
Und harret, wie der König Euch belohne.«

377
Da schmücket sich Kamilla, wie es denen,
378
Die um den Gatten trauern, sich gebührt.
379
An ihre Wimpern hängt sie Witwentränen,
380
In Seufzer wird die schöne Brust geschnürt,
381
Und nichts versäumt sie, was an Magdalenen
382
Die Augen locket und die Herzen rührt.
383
Das Kästlein hüllet sie in ihre Flöre
384
Und meldet sich dem König zum Gehöre.

385
Als drauf der König an dem teuren Funde
386
Den Blick gesättigt, denket er im stillen:
387
»die Pflicht erheischt, daß noch in dieser Stunde
388
Mein voller Dank sich zeige Frau Kamillen.
389
Um was nun trägt ihr Herz die tiefe Wunde,
390
Als um des jetzt gefundnen Schmuckes willen?
391
Drum ist es billig, daß aus diesem Schatze
392
Ein neues Glück ihr aufblüht zum Ersatze.«

393
Und mitten aus der unschätzbaren Habe
394
Entnimmt er einen Ring von hohem Preis:
395
»empfangt, Kamilla, die geringe Gabe!
396
Doch nicht als meiner Dankbarkeit Beweis,
397
Nein! daß ich Euch von des Gemahles Grabe
398
Zurückezieh in meines Hofes Kreis.
399
Ihr aber werbet, meines Throns Vasallen,
400
Wer diesen Ring gewinne von euch allen!«

401
Nun steht ein Junker, blondgelockt und schlank,
402
Des Dienstes wartend, bei des Königs Stuhle.
403
Bevor noch Edmund in die Grube sank,
404
Hieß es, daß jener um Kamillen buhle
405
Und daß er Tag für Tag, nicht ohne Dank,
406
Sein Roß an ihrem Haus vorüberschule.
407
Der bittet jetzo, nicht umsonst, die Dame
408
Um ihren Ring, ein Tröster ihrem Grame.

409
Doch ihr, Demanten, königliche Spende,
410
Wohl mögt ihr eine reine Stirne schmücken,
411
Und ihr, der Perlen köstliche Gebände,
412
Ihr mögt um eine fromme Brust euch drücken,
413
Ihr aber, goldne Spangen, zieret Hände,
414
Die nichts denn wohltun, segnen und beglücken,
415
Daß ihr entsündigt werdet, Brautkleinode,
416
Die ihr befleckt seid mit vielfachem Tode!

417
Britanniens großer König sei gepriesen,
418
Wie er der frommen Witwen sich erbarme!
419
Noch eine soll den Tröster sich erkiesen,
420
Robertos Witwe Kordula, die Arme.
421
Obschon sich ihre Unschuld klar erwiesen,
422
Doch lebt sie samt den Waisen tief im Harme,
423
Denn als ihr Eheliebster hing am Galgen,
424
Da ließ man um sein Gut das Volk sich balgen.

425
Der König ruft sie, reichlich auszustatten
426
Gedenkt er sie, erscheinet nur ein Freier.
427
Zwar längern schon sich ihres Lebens Schatten,
428
Doch löst sie gerne noch den Witwenschleier.
429
Sie spricht von einem Diener ihres Gatten:
430
Zur Zeit des Mords verschickt gewesen sei er;
431
Er sei, unangesehen seiner Jugend,
432
Ein Musterbild der Frömmigkeit und Tugend.

433
Der König läßt den jungen Mann beschicken;
434
Nur denkt er, als er jenen sich beschaut:
435
»an dem ist wenig Tugend zu erblicken,
436
Er scheint mir eine leichte, lockre Haut.
437
Doch glaubt die Frau, an ihm sich zu erquicken,
438
So werde sie noch heut ihm angetraut!« –
439
Wir aber wünschen: möge wohlgeraten
440
Die Ehe Kordulas mit – Fortunaten!

441
Der Vorhang fällt. Was wir euch aufgetischet,
442
Sagt, ist es nicht ein echtes Trauerspiel?
443
Zwar ist der ärgste Bösewicht entwischet,
444
Der Hehler des Verbrechens aber fiel,
445
Die Witwentränen hat man abgewischet,
446
Und alles kam an ein versöhnend Ziel.
447
Doch mag die Welt nun tadeln oder loben,
448
Schon hat Fortuna neues Spiel erhoben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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