Erstes Buch

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Ludwig Uhland: Erstes Buch (1814)

1
Ihr Wolken, die ihr bunt den Himmel säumet,
2
Aufsteigt, Gestalten wechselt und vergehet!
3
Ihr Wellen, die ihr Sterne jetzt beschäumet,
4
Jetzt tief zum Abgrund stürzt, jetzt neu erstehet!
5
Ihr Winde, die ihr diese Wellen bäumet
6
Und jene Wolken durch die Lüfte wehet!
7
Euch ruf ich an als Musen, führt zum Ziele
8
Mein Lied von der Fortuna laun'schem Spiele!

9
Glück zu! schon sind die Segel aufgezogen,
10
Von Zyperns Küste stößt das fremde Schiff,
11
Da zeigt sich noch mit Federspiel und Bogen
12
Ein schlanker Jüngling auf dem nahen Riff.
13
Er ruft, er springt hinab, er teilt die Wogen,
14
Bis er das zugeworfne Tau ergriff.
15
Mit
16
Gleichwie ein Stör, der in die Angel bissen.

17
Das Schiff, woselbst der Jüngling angeschwommen,
18
Es war ein guter Venezianer Mast,
19
Der von Jerusalem zurückgekommen
20
Und Wasser hier nebst Zyperwein gefaßt.
21
Gar freundlich ist der Schwimmer aufgenommen,
22
Man drängt sich um den wunderlichen Gast.
23
Da setzt er ruhig sich auf eine Tonne
24
Und spricht also, sich trocknend an der Sonne:

25
»ihr guten Herren, die ihr jetzt mein Ohr
26
Mit Fragen täubet und mein Kleid zerzauset,
27
Wißt denn, mein Vater ist Herr Theodor,
28
der dort in Famagustas Mauern hauset!
29
Er war der reichste Bürgersmann hievor,
30
Die Freunde haben ihm sein Gut verschmauset;
31
Frau Graziana, die geehrte Dame,
32
Ist meine Mutter, Fortunat mein Name.

33
Nun denkt ihr leicht, und ich bekenn es ehrlich,
34
Daß mir's daheim nicht sehr behagen mochte,
35
Für Durst zu trinken und zu speisen nährlich,
36
Wo man vordem zahllosen Gästen kochte;
37
Ermunternde Gesellschaft fand sich spärlich,
38
Wenn nicht ein Gläubiger zuweilen pochte,
39
Noch minder taugten, mich zu unterhalten,
40
Der Mutter Sorgenblick, des Vaters Falten.

41
Mein einzig Labsal blieb die Jägerei;
42
Und ward, bei rings verhegtem Königsforste,
43
Mir nie ein Wild mit stattlichem Geweih,
44
Viel weniger ein Tier mit stolzer Borste,
45
Ein Vogel kaum, mit hungrigem Geschrei
46
Hintaumelnd um die dürren Klippenhorste,
47
Doch tat mir's gut, auf Felsen und in Klüften
48
Umherzuklettern und die Brust zu lüften.

49
Und heute sah ich just aus meiner Wüste
50
Das Schiff die Segel ungeduldig schwellen,
51
Da faßte mich ein plötzliches Gelüste,
52
Der reisemut'gen Schar mich zu gesellen.
53
Gedacht, getan! ich rannte flugs zur Küste,
54
Ein sichrer Schwimmer, sprang ich in die Wellen.
55
Fleug, Falke, nun nach Süden oder Norden!
56
Dein Jäger ist ein freier Seemann worden.

57
Ach! eines fällt mit einmal mir aufs Herz:
58
Hin fuhr ich, ohne nur Valet zu sagen.
59
Oft mahnt ich zwar die Eltern, halb im Scherz:
60
Viel Glück ist in der Welt noch, laßt mich's wagen!
61
Dennoch trifft unerwartet sie der Schmerz,
62
Mir ist, als hört ich die Verlaßnen klagen;
63
Die Mutter sonderlich, die gute Mutter,
64
Sie weint so leicht, sie hat ein Herz wie Butter.

65
Weil's aber nun geschehn und schon die Zinnen
66
Von Famagusta fern hinabgetaucht,
67
So muß ich jetzt auf andre Dinge sinnen,
68
Denn blutt und bloß bin ich hiehergehaucht.
69
Durch Herrendienst möcht ich mein Brot gewinnen.
70
Ist keiner hier, der einen Diener braucht?
71
Manch edeln Ritter seh ich ja im Kreise,
72
Ich dient ihm wohl, daheim und auf der Reise.«

73
Er sprach's und ließ die Blicke forschend wandern,
74
Bis sie auf einem festgeheftet blieben:
75
Das war der edle Graf Hubert von Flandern,
76
Der sich auf frommen Fahrten umgetrieben;
77
Ansehnlich stand er da vor allen andern,
78
Wohlwollen war dem Antlitz eingeschrieben,
79
Und leicht verstehend unsres Jünglings Auge,
80
Sprach lächelnd er: »Schlag ein, wenn ich dir tauge!

81
Denn sind wir nicht ein seltsames Gespann,
82
Nach Sinn und Neigung ganz und gar verschieden?
83
Du reißt dich eben aus der Heimat Bann
84
Und willst in weiter Welt ein Glück dir schmieden,
85
Dagegen ich ein reisemüder Mann,
86
Der nach den Stürmen Ruhe sucht und Frieden,
87
Der sehnlich wünscht, nach mannigfachen Fährden
88
Zum Port des Ehstands eingelotst zu werden.«

89
»ein Port die Ehe!« rief der Narr des Grafen,
90
Er war zum heil'gen Grabe mitgefahren,
91
»so möge doch vor solchen Ruhehafen
92
Der Himmel jeden Biedermann bewahren!
93
Ein Meer ist sie, des Wellen nimmer schlafen,
94
Drauf ewig sich die tollen Stürme haaren,
95
Ein falsches Meer, ein wildes Meer, Eur Liebden,
96
Ein höllisch Meer von Skyllen und Charybden!

97
Zwei Dinge brachten mich zu dem Entschluß,
98
Den frischen Leib der Seefahrt preiszugeben:
99
Das eine war der Andacht Überfluß,
100
Die Sehnsucht, an dem heil'gen Grab zu kleben;
101
Das andre war der tägliche Verdruß,
102
Der mir geblüht im lieben Eheleben.
103
Nie hat dies Schiff im Sturme so geschwanket,
104
Wie unser Häuschen, wenn mein Weib gezanket.«

105
Doch laßt uns, was der Schalksnarr weiter spricht,
106
Mit einer Göttin Selbstgespräch vertauschen!
107
Seht ihr die neckische Fortuna nicht
108
Aus jener goldnen Wolke niederlauschen?
109
Sie schaut das Schiff im heitern Morgenlicht,
110
Sie hört die muntern Ruderschläge rauschen.
111
Denn wird ein Anker irgendwo gelichtet,
112
Dahin ist gleich Fortunens Blick gerichtet.

113
»ha!« spricht sie, »fahre wohl auf schwankem Kiel!
114
Fahr wohl, mein Fortunat, du goldner Knabe!
115
O Heil mir, daß hieher mein Auge fiel,
116
Wo längst Gesuchtes ich gefunden habe!
117
Du Vogelfreier, sei mein luftig Spiel!
118
Dich werd ich redlich tummeln bis zum Grabe,
119
Dich werd ich, meine Macht an Tag zu legen,
120
Durch Lust- und Trauerspiele frisch bewegen.

121
Durch Trauerspiele, ja! wenngleich die Dichter
122
Als Zufall in das Lustspiel mich gebannt.
123
Sie ziehen, traun! so wichtige Gesichter,
124
Wie zum Verwaltungsrat der Welt ernannt.
125
Und vor dem Stuhle dieser ird'schen Richter
126
Werd ich für blind, für ungerecht erkannt.
127
Bedachte keiner denn, daß mit der Binde
128
Die strenge Dike selbst ihr Aug umwinde?

129
Ein Wesen haben sie nun ausgesonnen,
130
Verhängnis heißt es, finster, rätselhaft.
131
Bereiteste Rechtspfleg ist hier gewonnen
132
Wie bei der Feme dunkler Brüderschaft.
133
Ein Mord ist, eh drei Stunden hingeronnen,
134
Bered't, verübt, gerichtet, abgestraft.
135
Was ist's, wo ist es denn? Man sagt dem Volke:
136
Gafft nur hinauf und seht die schwarze Wolke!

137
Kein Wunder denn, daß längst ich meine Gunst
138
Der überweisen Dichterzunft entzogen!
139
Nach Brote ging von jeher alle Kunst,
140
Den Dichtern wird's am kargsten zugewogen.
141
Doch nähren sie ja gerne sich vom Dunst
142
Und weiden sich am bunten Regenbogen;
143
Ist einem alles Lebensglück verdorben,
144
Geduld! man ehrt ihn schön, wenn er gestorben.

145
Zwar hat soeben einer von der Gilde
146
Ein Lied, das mir geweiht ist, angehoben,
147
Doch wenig Gutes führet er im Schilde,
148
Drauf deuten schon die wunderlichen Proben,
149
Auch war ich seither ihm nicht allzu milde,
150
Und wenig Ursach fand er, mich zu loben,
151
Drum bind ich ihm noch fürder so die Hände,
152
Daß er es mühsam oder nie vollende.

153
Mein Fortunat! von welchem ungesehen
154
Und ungehört ich hier in Wolken hange,
155
Du wirst, ich hoff's, dich nie zum Dichter blähen,
156
Sonst wär es mir um unsre Freundschaft bange;
157
Ein Liedchen höchstens kann ich zugestehen,
158
Das man vor Frauen singt zum Lautenklange.
159
Nimm alles leicht! das Träumen laß und Grübeln!
160
So bleibst du wohlbewahrt vor tausend Übeln.«

161
Mit diesen inhaltschweren Götterworten
162
Sag ich von anderem Bericht mich ledig;
163
Nichts von der Anfahrt in so manchen Porten,
164
Nichts von beglückter Landung in Venedig,
165
Nichts von dem Eintritt in die Gentschen Pforten,
166
Nicht wie der Graf, dem Jüngling mehr als gnädig,
167
So stattlich ihn beritten macht und kleidet,
168
Daß ihn die ganze Dienerschaft beneidet.

169
Auch von des Grafen festlicher Vermählung
170
Mit einer herzoglichen Braut von Cleve
171
Erspar ich mir, wie billig, die Erzählung,
172
Kein Lorbeer grünet hier für meine Schläfe.
173
Erst als die Lust gehetzt bis zur Entseelung,
174
Der Freudenkelch geleert bis auf die Hefe,
175
Erst nach der Ritterfeste vierzehn Sonnen
176
Hat, was zu melden sich verlohnt, begonnen.

177
Wann schon der Schnitter Fleiß in vollen Schwaden
178
Des Sommers goldnen Segen hingebreitet,
179
Wann schon die Erntewagen, hoch geladen,
180
Hinfahren, von Gesang und Klang begleitet,
181
Ist auf der Stoppelfelder öden Pfaden
182
Der Ährenlese magres Fest bereitet.
183
O gieriges Gewühl zerlumpter Knaben,
184
Barfüß'ger Mädchen, heischrer Krähn und Raben!

185
So auf den Plan, der vom Turnei der Ritter
186
Zerwühlt ist und umwölkt mit Staub und Dampf,
187
Wo abgeknickte Büsche, Lanzensplitter,
188
Schildtrümmer zeugen von dem heißen Kampf,
189
Wo rings zerquetscht die Schranken und die Gitter
190
Von wilder Rosse mächtigem Gestampf:
191
Dorthin berufet nun zum Nachgefechte
192
Trommetenschall die Knappen und die Knechte.

193
Wohl nennt uns der homerische Gesang
194
Die Völker und die Häuptlinge des breiten,
195
Die hier vom Strand aufziehn im Donnergang,
196
Die dort aus Trojas Mauern niederschreiten;
197
Mich aber spornet kein vermeßner Drang,
198
Mit solchem Meister um den Kranz zu streiten,
199
Drum meld ich kurz die Männer und die Rotten,
200
Die zum Turniere traben oder trotten.

201
Des Vorsaals und des Stalles edle Stämme,
202
Man sieht sie allesamt zu Gaule steigen,
203
Wer je ein Roß geritten in die Schwemme,
204
Der will sich heut als wackern Renner zeigen.
205
Der Meister Kellner auch ist keine Memme,
206
Gevatter Koch ist keiner von den Feigen,
207
Selbst der noch jüngst den Bratspieß mußte wenden,
208
Er sprengt heran, den Lanzenschaft in Händen.

209
Und keinen dieser Tapfern soll man schelten,
210
Erscheint er nicht sogleich beim ersten Ruf,
211
Denn widerspenst'ge Rosse sind nicht selten,
212
Und manche gibt's, die Gott sehr träge schuf.
213
Auch muß ja alles heut für Streitroß gelten,
214
Was irgend Mähne zeigen kann und Huf;
215
Zieht schon ein Ohr sich merklich in die Länge,
216
Die Wappenschau ist heut nicht allzu strenge.

217
Ein hölzern Männlein, wunderlich geschmückt,
218
Ist aufgestellt vor all den kühnen Recken,
219
Ein Männlein, in die Stellung hingebückt,
220
Die hinter Zäunen heimisch ist und Hecken;
221
Durch innere Gewerke vorgedrückt,
222
Entfallen Münzen in ein klingend Becken;
223
Je länger sie den Preis sich streitig machen,
224
Je reicher stets wird er dem Sieger lachen.

225
Nach diesem segenschwangern Bilde blickt
226
Mit heißer Sehnsucht manch ein armer Knappe.
227
Wen aber mehr die edle Ruhmgier zwickt,
228
Dem winkt ein goldnes Diadem von Pappe,
229
Rings von Kapaunenfedern bunt umnickt,
230
Ein Mittelding von Kron und Narrenkappe.
231
Nichts Seltsames noch Ärmlichs hegt die Erde,
232
Drum nicht geworben und gehadert werde.

233
Als nun zum Angriff die Trommete schallt,
234
Da kommt's von allen Seiten hergeschossen;
235
Mit Schwertern, Kolben, Lanzen, neu und alt,
236
Wird dreingehaun, geschlagen und gestoßen.
237
Das pfeift und zischt, das schmettert und das prallt
238
Die kreuz und quer wie Hagelsturm und Schloßen,
239
Und als am tollsten sich gewirrt der Knäuel,
240
Verhüllet dichter Staub den ganzen Greuel.

241
Doch wie aus düstrem, nebelschwerem Himmel
242
Mit flücht'gem Schimmer blickt ein Sonnenstrahl,
243
So bricht aus jenem stäubenden Gewimmel
244
Der schmucke Fortunatus manchesmal;
245
Er tummelt meisterhaft den raschen Schimmel,
246
Er glänzt in bunter Tracht und blankem Stahl,
247
Recht ritterlich erscheint er, fest und munter,
248
Bald taucht er auf, bald wieder taucht er unter.

249
Zuletzt, als sich der wilde Lärm gelegt
250
Und nun das dichte Staubgewölke sinkt,
251
Da sieht man erst, was sich am Boden regt,
252
Wie mancher kraftlos dort um Hülfe winkt,
253
Auch manchen, der nach seinem Rosse frägt,
254
Und manchen, der beschämt vom Platze hinkt:
255
Nur Fortunat sitzt aufrecht in den Bügeln
256
Und: Sieger, Sieger! hallt's von allen Hügeln.

257
Seit dieses Tages wohlerworbnen Kränzen
258
Hält ihn der Graf noch werter als zuvor,
259
Vor allen andern soll der Jüngling glänzen,
260
Er steigt zum ehrenvollsten Dienst empor,
261
Beim Mahle darf er den Pokal kredenzen,
262
Die Schlüssel wahrt er zu des Burghofs Tor,
263
Man sendet ihn, zu laden hohe Gäste,
264
Er folgt dem Herrn zum Jagen und zum Feste.

265
Und will die Gräfin oft an Regentagen
266
Sich selbst und ihren Fraun Kurzweil bereiten,
267
So heißt sie ihn die griech'sche Zither schlagen
268
Und Heimatliedchen singen in die Saiten,
269
Auch gibt's von Zypern mancherlei zu fragen,
270
Von Frauentracht und andern Seltsamkeiten,
271
Er sagt's in bösem Deutsch, doch zierlich immer,
272
Von hellem Lachen hallen dann die Zimmer.

273
Je reicher ihm die Gnade zugemessen,
274
Je gift'ger schwillt der andern Diener Neid,
275
Zumal dem Narren will's das Herz zerfressen,
276
Verschmäht zu sein wie ein verbrauchtes Kleid,
277
Denn niemand horchet jetzt den frost'gen Späßen
278
Von bösen Weibern und von Eheleid;
279
Wie könnten sie dem neuen Paare munden
280
In seiner Ehe goldnen Flitterstunden?

281
Es war an einem Abend in der Schenke,
282
Schon zog die ernste Mitternacht ins Land,
283
Schon leerten mählich sich die meisten Bänke,
284
Nur
285
Doch lehnt sich, müd von Zechen und Gezänke,
286
Der auf den Tisch und jener an die Wand;
287
Die Lampe hängt ersterbend von der Decke,
288
Da hebt der Narr sich an des Tisches Ecke:

289
»nicht mehr verbeiß ich diesen herben Kummer,
290
Maulhenker ihr, Schlafmützen, Memmen, Tröpfe!
291
Erwacht einmal aus eurem dumpfen Schlummer,
292
Ehrlose, sinnverlassene Geschöpfe!
293
Geschehn nicht Dinge, schreien möcht ein Stummer?
294
Ihr aber schweigt dazu und kratzt die Köpfe.
295
Hat sich die Welt so wunderbar verwandelt,
296
Daß nur der Narr noch denkt und spricht und handelt?

297
Der Fremdling, den wir aus dem Meer gezogen,
298
Viel besser hätten wir ihn drin versenkt,
299
Der unsern Herrn beschmeichelt und belogen,
300
Der unsre Frau am Narrenseile lenkt,
301
Der um den Kampfpreis schmählich uns betrogen,
302
War doch die beste Rüstung ihm geschenkt:
303
Den seht ihr uns verdrängen, uns zernichten,
304
Und keiner wagt, sich männlich aufzurichten?

305
Merkt auf! mir schieße jeder dritthalb Taler,
306
So schaff ich den Verhaßten euch vom Ort.
307
Das Doppelte gelob ich jedem Zahler,
308
Ist jener nicht in dreißig Tagen fort.
309
Ihr gafft mich an, ihr wähnt, ich sei ein Prahler?
310
Nein, Freunde! Narrenwort ist auch ein Wort.
311
So eilig soll er aus dem Lande jagen,
312
Als wollt er mit dem Sturm die Wette wagen.«

313
Noch war der scharfe Redner nicht am Ende,
314
Als jeder schon entflammt vom Sitze fuhr.
315
Die Gläser wirft man jubelnd an die Wände,
316
Und mancher trägt des Eifers blut'ge Spur;
317
Dann reichen sie zum Bunde sich die Hände
318
Gleich der Versammlung, die im Rütli schwur;
319
Die Glocke kündet zwölf mit dumpfem Schalle,
320
Die Lamp erlischt, nach Hause taumeln alle.

321
Von dieser Zeit an wirbt der lust'ge Rat
322
Um unsres Jünglings Neigung und Vertrauen.
323
O Fortunat, mein teurer Fortunat!
324
Du machst mir bang, du hast's mit einem Schlauen.
325
Nicht wahr, er dienet dir mit Rat und Tat,
326
Führt dich zu gutem Wein und schönen Frauen?
327
Er lobt dich, nennt dich einen schmucken Ritter?
328
Wohl weiß er, solche Rede schmeckt nicht bitter.

329
Und seltsam! was das traute Paar verzehrt,
330
Der Narr bezahlt die Zeche stets von beiden:
331
So sehr der ehrenhafte Jüngling wehrt,
332
Er kann es doch am Ende nie vermeiden.
333
Den andern dünkt das alles höchst verkehrt:
334
»will er ihm so den Aufenthalt verleiden?
335
Wär Fortunatus noch auf Zyperns Küste,
336
Er käme flugs, wenn er solch Leben wüßte.«

337
Einsmals, zur Ruhe war die Herrschaft schon,
338
Der Jüngling war noch auf der Kammer wach,
339
Da hört' er draußen leisen Seufzerton,
340
Und bebend trat der Narr in das Gemach:
341
»o Fortunat, mein armer, liebster Sohn!
342
Ach, Fortunat, mein süßer Liebling, ach!
343
Beschlossen ist's, es schaudert mir die Haut,
344
Mein Freund, der Kanzler, hat mir's selbst vertraut.

345
Ach! du begreifst mich nicht; ich muß mich fassen,
346
Eh die Gefahr noch enger dich umstrickt.
347
O Freund! es hätte längst sich merken lassen,
348
Daß Eifersucht an seinem Herzen pickt.
349
Auch mochte wohl die Gräfin dich nicht hassen,
350
Sie hat dem Sänger freundlich oft genickt.
351
›ja!‹ schwur der Graf, ›ich schaff es nächster Tage,
352
Daß er viel zärter noch die Triller schlage.‹

353
Der Siegesschmuck mit Federn und Kapaunen
354
Ward dir zu schlimmem Zeichen aufgesetzt.
355
Und morgen schon! ich hört' es deutlich raunen,
356
Die Stunde naht, das Messer ist gewetzt.
357
Statt deiner trug ich oft der Herrschaft Launen,
358
Wie gerne doch vertrat ich dich auch jetzt!
359
Und tät ich's nicht zur Freundschaft dem Genossen,
360
Doch tät ich's meinem Ehgespann zum Possen.

361
Zwar wenn es dir nicht allzu schrecklich wäre,
362
Geduldig dich zu fügen der Gewalt:
363
Du lebst an unsrem Hof in hoher Ehre,
364
Und nirgends triffst du besseren Gehalt,
365
Auch trocknet Freundeshand ja manche Zähre,
366
Wenn jemals ich für einen Freund dir galt –
367
Allein ich seh, du bebst an allen Gliedern,
368
Auf solche Antwort läßt sich nichts erwidern.

369
So höre denn ein Mittel, das dich rette!
370
Ein guter Engel flüstert's mir ins Ohr.
371
Frühmorgens, wenn man läutet in die Mette,
372
Erschließet sich zuerst das Nordertor,
373
Dann, Teurer, hebe schleunig dich vom Bette
374
Und, wie zur Jagd gerüstet, reit hervor!
375
Bist du hinaus, dann laß dein Roß sich strecken!
376
Des Himmels Heere mögen dich bedecken!«

377
Er spricht's, und des Erschrocknen bleiche Wange
378
Küßt er mit Judaskuß und schleicht nach Haus.
379
Dem neuen Attis ist's so herzensbange,
380
Bald überläuft ihn Glut, bald kalter Graus.
381
Die längste Nacht, sie währt' ihm nie so lange,
382
Verzweifelnd blickt er nach dem Morgen aus;
383
Noch immer lächelt wie mit kaltem Hohne
384
Die keusche Luna nach dem Schmerzenssohne.

385
Mich selbst, den Dichter, überschauert's leise,
386
Ist gleich der ganze Lug mir aufgedeckt,
387
Denn sollte Fortunat so schnöderweise
388
Gestümmelt werden, wie der Narr ihn schreckt,
389
So stürbe mir an meinem Lorbeerreise
390
Manch edles Blatt, das noch im Keime steckt,
391
So könnte mein Gesang ja nur ertönen
392
Vom Fortunat und nicht von seinen Söhnen.

393
Horch! was vernehm ich? hallet nicht Geläute?
394
Er ist's, der Mettenglock ersehnter Klang.
395
O heller Laut, wie oft beriefst du Bräute,
396
In Lust erschreckende, zum Tempelgang!
397
Doch wie dem angstgequälten Jüngling heute,
398
So süß erklangst du nie, so freudig bang.
399
Kaum heben sich des Tores Gatterbalken,
400
Er sprengt geduckt hinaus mit Hund und Falken.

401
Und als nun hinter ihm die Mauern ragen,
402
Da fliegt er über Hecken hin und Gräben,
403
Die Dogge meint den schnellsten Hirsch zu jagen,
404
Der Falke meint in Sturmgewölk zu schweben,
405
Der Reiter nur will über Trägheit klagen
406
Und hört nicht auf, den heißen Sporn zu geben,
407
Entfiel ein Aug ihm in der großen Eile,
408
Es aufzuheben nähm er sich nicht Weile.

409
Die Meeresflut, unendlich hingegossen,
410
Sie setzet erst der wilden Flucht ein Ziel,
411
Doch eben will ein Schiff vom Strande stoßen,
412
Er dingt sich ein um wenig oder viel.
413
Zurück noch schickt er seine Reisgenossen,
414
Den Schimmel samt dem Hund und Federspiel.
415
Hin fährt das Schiff; wohin? ich kann's nicht sagen,
416
Vergaß ja doch der Flüchtling selbst zu fragen!

417
So ging's dem Jüngling in den Niederlanden,
418
Ich malte treu und redlich die Geschichten,
419
Auch etwas niederländisch, sei's gestanden!
420
Man muß sich nach des Landes Weise richten,
421
Wie in Getränken, Speisen und Gewanden,
422
So manchmal auch im Malen und im Dichten.
423
Wird unser Schiff nach China hingeweht,
424
Mal ich chinesisch euch, so gut es geht.

425
Und will mich dennoch der und jener schmälen,
426
Daß ich sein feineres Gefühl beleidigt,
427
So hört denn, ekle Ohren, zarte Seelen,
428
Ein Wörtchen noch, das mich gewiß verteidigt!
429
Die Wahrheit darf ich nimmermehr verhehlen,
430
Dem altehrwürd'gen Buch bin ich vereidigt.
431
Sollt ich an ihm das Schmähliche vollziehen,
432
Dem unser Held meerüber muß entfliehen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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