Tells Tod

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Ludwig Uhland: Tells Tod (1829)

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Grün wird die Alpe werden,
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Stürzt die Lawin einmal;
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Zu Berge ziehn die Herden,
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Fuhr erst der Schnee zu Tal.
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Euch stellt, ihr Alpensöhne,
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Mit jedem neuen Jahr
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Des Eises Bruch vom Föhne
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Den Kampf der Freiheit dar.

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Da braust der wilde Schächen
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Hervor aus seiner Schlucht,
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Und Fels und Tanne brechen
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Vor seiner jähen Flucht.
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Er hat den Steg begraben,
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Der ob der Stäube hing,
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Hat weggespült den Knaben,
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Der auf dem Stege ging.

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Und eben schritt ein andrer
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Zur Brücke, da sie brach;
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Nicht stutzt der greise Wandrer,
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Wirft sich dem Knaben nach,
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Faßt ihn mit Adlerschnelle,
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Trägt ihn zum sichern Ort;
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Das Kind entspringt der Welle,
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Den Alten reißt sie fort.

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Doch als nun ausgestoßen
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Die Flut den toten Leib,
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Da stehn um ihn, ergossen
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In Jammer, Mann und Weib;
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Als kracht' in seinem Grunde
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Des Rotstocks Felsgestell,
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Erschallt's aus
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Der Tell ist tot, der Tell!

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Wär ich ein Sohn der Berge,
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Ein Hirt am ew'gen Schnee,
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Wär ich ein kecker Ferge
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Aus Uris grünem See
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Und trät in meinem Harme
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Zum Tell, wo er verschied,
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Des Toten Haupt im Arme,
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Spräch ich mein Klagelied:

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»da liegst du, eine Leiche,
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Der aller Leben war;
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Dir trieft noch um das bleiche
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Gesicht dein greises Haar.
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Hier steht, den du gerettet,
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Ein Kind wie Milch und Blut;
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Das Land, das du entkettet,
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Steht rings in Alpenglut.

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Die Kraft derselben Liebe,
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Die du dem Knaben trugst,
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Ward einst in dir zum Triebe,
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Daß du den Zwingherrn schlugst.
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Nie schlummernd, nie erschrocken,
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War Retten stets dein Brauch,
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Wie in den braunen Locken,
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So in den grauen auch.

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Wärst du noch jung gewesen,
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Als du den Knaben fingst,
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Und wärst du dann genesen,
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Wie du nun untergingst,
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Wir hätten draus geschlossen
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Auf künft'ger Taten Ruhm:
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Doch schön ist
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Das schlichte Heldentum.

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Dir hat dein Ohr geklungen
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Vom Lob, das man dir bot,
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Doch ist zu ihm gedrungen
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Ein schwacher Ruf der Not.
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Der ist ein Held der Freien,
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Der, wann der Sieg ihn kränzt,
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Noch glüht, sich dem zu weihen,
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Was frommet und nicht glänzt.

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Gesund bist du gekommen
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Vom Werk des Zorns zurück,
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Im hülfereichen, frommen
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Verließ dich erst dein Glück.
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Der Himmel hat dein Leben
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Nicht für ein Volk begehrt,
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Für dieses Kind gegeben,
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War ihm dein Opfer wert.

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Wo du den Vogt getroffen
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Mit deinem sichern Strahl,
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Dort steht ein Bethaus offen,
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Dem Strafgericht ein Mal;
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Doch hier, wo du gestorben,
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Dem Kind ein Heil zu sein,
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Hast du dir nur erworben
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Ein schmucklos Kreuz von Stein.

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Weithin wird lobgesungen,
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Wie du dein Land befreit,
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Von großer Dichter Zungen
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Vernimmt's noch späte Zeit;
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Doch steigt am Schächen nieder
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Ein Hirt im Abendrot,
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Dann hallt im Felstal wider
96
Das Lied von deinem Tod.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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