Der Graf von Greiers

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Ludwig Uhland: Der Graf von Greiers (1824)

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Der junge Graf von Greiers, er steht vor seinem Haus,
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Er sieht am schönen Morgen weit ins Gebirg hinaus,
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Er sieht die Felsenhörner verklärt im goldnen Strahl
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Und dämmernd mitten inne das grünste Alpental.

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»o Alpe, grüne Alpe! wie zieht's nach dir mich hin!
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Beglückt, die dich befahren, Berghirt und Sennerin!
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Oft sah ich sonst hinüber, empfand nicht Leid noch Lust,
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Doch heute dringt ein Sehnen mir in die tiefste Brust.«

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Und nah und näher klingen Schalmeien an sein Ohr,
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Die Hirtinnen und Hirten, sie ziehn zur Burg empor,
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Und auf des Schlosses Rasen hebt an der Ringeltanz,
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Die weißen Ärmel schimmern, bunt flattern Band und Kranz.

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Der Sennerinnen jüngste, schlank wie ein Maienreis,
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Erfaßt die Hand des Grafen, da muß er in den Kreis.
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Es schlinget ihn der Reigen in seine Wirbel ein:
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»hei! junger Graf von Greiers, gefangen mußt du sein!«

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Sie raffen ihn von hinnen mit Sprung und Reigenlied,
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Sie tanzen durch die Dörfer, wo Glied sich reiht an Glied,
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Sie tanzen über Matten, sie tanzen durch den Wald,
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Bis fernhin auf den Alpen der helle Klang verhallt.

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Schon steigt der zweite Morgen, der dritte wird schon klar –
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Wo bleibt der Graf von Greiers? ist er verschollen gar?
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Und wieder sinkt zum Abend der schwülen Sonne Lauf;
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Da donnert's im Gebirge, da ziehn die Wetter auf.

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Geborsten ist die Wolke, der Bach zum Strom geschwellt,
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Und als mit jähem Strahle der Blitz die Nacht erhellt,
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Da zeigt sich in den Strudeln ein Mann, der wogt und ringt,
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Bis er den Ast ergriffen und sich ans Ufer schwingt.

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»da bin ich! weggerissen aus eurer Berge Schoß,
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Im Tanzen und im Schwingen ergriff mich Sturmgetos;
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Ihr alle seid geborgen in Hütt und Felsenspalt,
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Nur mich hat fortgeschwemmet des Wolkenbruchs Gewalt.

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Leb wohl, du grüne Alpe, mit deiner frohen Schar!
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Lebt wohl, drei sel'ge Tage, da ich ein Hirte war!
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O! nicht bin ich geboren zu solchem Paradies,
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Aus dem mit Blitzesflamme des Himmels Zorn mich wies.

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Du frische Alpenrose, rühr nimmer meine Hand!
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Ich fühl's, die kalte Woge, sie löscht nicht diesen Brand.
39
Du zauberischer Reigen, lock nimmer mich hinaus!
40
Nimm mich in deine Mauern, du ödes Grafenhaus!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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