Merlin der Wilde

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Ludwig Uhland: Merlin der Wilde (1829)

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Du sendest, Freund, mir Lieder
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Voll frischer Waldeslust,
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Du regtest gerne wieder
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Auch mir die Dichterbrust.
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Du zeigst an schatt'ger Halde
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Mir den beschilften See,
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Du lockest aus dem Walde
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Zum Bad ein scheues Reh.

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Ob einem alten Buche
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Bring ich die Stunden hin,
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Doch fürchte nicht, ich suche
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Mir trockne Blüten drin!
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Durch seine Zeilen windet
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Ein grüner Pfad sich weit
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Ins Feld hinaus und schwindet
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In Waldeseinsamkeit.

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Da sitzt Merlin der Wilde
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Am See auf moos'gem Stein
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Und starrt nach seinem Bilde
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Im dunkeln Widerschein.
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Er sieht, wie er gealtet
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Im trüben Weltgewühl;
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Hier in der Wildnis waltet
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Ihm neuer Kraft Gefühl.

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Vom Grün, das um ihn tauet,
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Ist ihm der Blick gestärkt,
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Daß er Vergangnes schauet
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Und Künftiges ermerkt.
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Der Wald in nächt'ger Stunde
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Hat um sein Ohr gerauscht,
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Daß es in seinem Grunde
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Den Geist der Welt erlauscht.

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Das Wild, das um ihn weilet,
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Dem stillen Gaste zahm,
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Es schrickt empor, enteilet,
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Weil es ein Horn vernahm.
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Von raschem Jägertrosse
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Wird er hinweggeführt
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Fern zu des Königs Schlosse,
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Der längst nach ihm gespürt.

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»gesegnet sei der Morgen,
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Der dich ins Haus mir bringt,
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Den Mann, der, uns verborgen,
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Den Tieren Weisheit singt!
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Wohl möchten wir erfahren,
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Was jene Sprüche wert,
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Die dich seit manchen Jahren
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Der Waldesschatten lehrt.

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Nicht um den Lauf der Sterne
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Heb ich zu fragen an,
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Am Kleinen prüft ich gerne,
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Wie es um dich getan.
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Du kommst in dieser Frühe
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Mir ein Gerufner her,
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Du lösest ohne Mühe,
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Wovon das Haupt mir schwer.

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Dort, wo die Linden düstern,
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Vernahm ich diese Nacht
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Ein Plaudern und ein Flüstern,
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Wie wenn die Liebe wacht.
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Die Stimmen zu erkunden,
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Lauscht ich hinab vom Wall,
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Doch wähnt ich sie gefunden,
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So schlug die Nachtigall.

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Nun frag ich dich, o Meister,
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Wer bei den Linden war?
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Dir machen deine Geister
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Geheimes offenbar,
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Dir singt's der Vögel Kehle,
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Die Blätter säuseln's dir;
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Sprich ohne Scheu, verhehle
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Nichts, was du schauest, mir!«

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Der König steht umgeben
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Von seinem Hofgesind,
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Zu Morgen grüßt' ihn eben
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Sein rosenblühend Kind.
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Merlin, der unerschrocken
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Den Kreis gemustert hat,
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Nimmt aus der Jungfrau Locken
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Ein zartes Lindenblatt.

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»laß mich dies Blatt dir reichen,
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Lies, Herr, was es dir sagt!
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Wem nicht an solchem Zeichen
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Genug, der sei befragt,
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Ob er in Königshallen
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Je Blätter regnen sah?
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Wo Lindenblätter fallen,
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Da ist die Linde nah.

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Du hast, o Herr, am Kleinen
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Mein Wissen heut erprobt,
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Mög es dir so erscheinen,
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Daß man es billig lobt!
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Löst ich aus
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Dein Rätsel dir so bald,
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Viel größre löst, das glaube!
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Der dichtbelaubte Wald.«

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Der König steht und schweiget,
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Die Tochter glüht von Scham.
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Der stolze Seher steiget
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Hinab, von wo er kam.
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Ein Hirsch, den wohl er kennet,
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Harrt vor der Brücke sein
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Und nimmt ihn auf und rennet
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Durch Feld und Strom waldein. –

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Versunken lag im Moose
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Merlin, doch tönte lang
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Aus einer Waldkluft Schoße
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Noch seiner Stimme Klang.
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Auch dort ist längst nun Friede;
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Ich aber zweifle nicht,
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Daß, Freund, aus deinem Liede
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Merlin der Wilde spricht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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