In ein Stammbuch

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Ludwig Uhland: In ein Stammbuch (1824)

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Die Zeit in ihrem Fluge streift nicht bloß
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Des Feldes Blumen und des Waldes Schmuck,
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Den Glanz der Jugend und die frische Kraft:
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Ihr schlimmster Raub trifft die Gedankenwelt.
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Was schön und edel, reich und göttlich war
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Und jeder Arbeit, jeden Opfers wert,
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Das zeigt sie uns so farblos, hohl und klein,
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So nichtig, daß wir selbst vernichtet sind.
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Und dennoch wohl uns, wenn die Asche treu
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Den Funken hegt, wenn das getäuschte Herz
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Nicht müde wird, von Neuem zu erglühn!
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Das Echte doch ist eben diese Glut,
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Das Bild ist höher als sein Gegenstand,
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Der Schein mehr Wesen als die Wirklichkeit.
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Wer nur die Wahrheit sieht, hat ausgelebt;
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Das Leben gleicht der Bühne: dort wie hier
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Muß, wann die Täuschung weicht, der Vorhang fallen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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