Die Bürgermeister Görg Lam und Hans Jübeck

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Detlev von Liliencron: Die Bürgermeister Görg Lam und Hans Jübeck Titel entspricht 1. Vers(1876)

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Die Bürgermeister Görg Lam und Hans Jübeck
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Sind auf dem Hansetag in Lübeck.
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Die »Reitendiener« mit Harnisch und Bogen
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Waren als Garde mitgezogen.
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Die Ältesten aber vom Hohen Rat
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Blieben zurück über Stadt und Staat.

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Da war der Böttcher Heinrich Loh,
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Der ist nie seines Lebens froh:
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Der spintisiert, ist niemals zufrieden,
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Sein Zornblut will stets übersieden.
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Nun, da verreist sind die Bürgermeister,
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Häuft er um sich die abholden Geister,
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Besteigt eine Tonne, hält eine Rede
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Und kündet den Mächtigen Feindschaft und Fehde.
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Und er fuchtelt wüst mit Arm und Finger,
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Seine Beine tanzen wie Jahrmarktspringer:
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»hört mich, Bürger, man will uns betrügen,
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Uns arme Leute will man belügen.
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Glaubt mir, daß viele Dinge auf Erden
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Vom Gold unterm Hütlein betrieben werden.
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Die Reichen schicken nach Island das Korn,
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Für uns bleibt nichts als Distel und Dorn.

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Warum Weil die Reichen immerzu
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Geld aufstapeln in Strumpf und Truh.
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Gestern schickten sie Ochsen und Schweine
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Über die Elbe. Fürs Allgemeine?
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Für uns? Nein!
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Ihr Eigennutz kennt keine Grenzen mehr.
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Der Hunger frißt schließlich Armut und Not,
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Und uns treibt zu Paaren der leidige Tod.
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Auf! Zertrümmern wir Spiegel und Speicher
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Und plündern und brennen – –«

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Wer zog da plötzlich dem Aufwiegler vorbei?
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Von Bremen die ganze Klerisei.
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Vom Erzstift gesandt, kamen Abt und Prälat
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Und Priester an, in großem Ornat.
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Sie sollten nach Hamburgs Harvestehude,
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Wo das Kloster steht, eine Nonnenbude.
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Das Kloster wollen sie visitieren
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Und mit Strenge alsbald reformieren,
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Weil die lieben Nönnlein darin
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Allzu viel treiben weltlichen Sinn.
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Das merkt Hein Loh und bleibt auf der Tonne
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Und schreit wie nichts Guts in der funkelnden Sonne:
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»was wollen die Mönche, was wollen die hier?
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Ins Kloster ziehn, ins Nonnenrevier.
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Laßt doch die grauen Schwestern in Ruh;
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Die müssen auch mal Sandalen und Schuh
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Hinlenken zu Mannsleuten und in die Welt,
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Und sind nicht immer zur Hora gesellt.
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Und tun sies heimlich und bei Nacht,
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Darüber hat keiner Bann und Acht.
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Los, Leute! Laßt uns die Kutten verhauen
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Und ihnen verkeilen die schmutzigen Klauen.«

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Da fiel Alles über die Bremer her
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Mit Faust und Riemen und Knüttel und Speer.
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Das ist der Obrigkeit doch zu viel,
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Sie macht ein End mit dem wilden Spiel.
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Und sie setzen Hein Loh in den Winser Baum,
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Da hält ihn ein mächtiger eiserner Zaum.
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Nun aber tobt wütend die große Menge
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Und macht um die Ratsherren ein Gedränge,
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Nehmen von ihnen zwei in die Mitte,
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Zwingen sie zu beschleunigtem Schritte
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Und führen sie bis ans Gefängnis vor,
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Wo Hein Loh saß hinterm geschlossenen Tor.
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Die beiden Ratsherren, alt und krumm,
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Mit denen gehn sie klotzig um;
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Sie spein sie an, und hageldicht
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Fällt Schlag auf Schlag in ihr blutend Gesicht.
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Vorm Tor des Gewahrsams halten sie an,
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Da zeigt sich der »Thumbherr«, der Kerkersmann.
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Der läuft davon, läuft heulend hinaus
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Und verkriecht sich im nächsten Spittelhaus,
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Zieht sich dort Frauenröcke an,
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Daß man ihn nirgends finden kann.

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Dann krachen die Türen. Hein Loh ist frei!
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Sie bringen ihn weg mit Triumphgeschrei.
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Und rechts und links, als höchste Ehren,
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Folgen die Ratsherrn dem Volksbegehren
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Und gehn zu den Seiten von Hein Loh;
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Da lachte sein Auge zum erstenmal froh.
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Der Pöbel zupft die beiden Alten
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An den langen Bärten und Rockschoßfalten.
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Ein Edelmann aus der Nachbarschaft kommt
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Mit seinem Pagen vorbei. Dem frommt
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Der wütende Haufe nicht. Er bleibt stehn.
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Wen sieht er zwischen den Ratsherren gehn?
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Und er zeigt mit dem Finger auf Hein Lohn:
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»das ist mein Leibeigner, der ist mir entflohn.
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Ein Höriger ists, und der ist mein;
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Unehrlich geboren ist das Schwein.
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Her mit dem Kerl!« Schon will er ihn packen,
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Da springt Hein Loh ihm auf den Nacken
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Und reißt ihn zu Boden und tritt ihn tot.
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Dann hebt ihn das Volk hoch, hellentloht,
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Und Heins Stimme tut stracks den Platz ausfüllen,
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Als wenn hundert Löwen auf einmal brüllen:
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»wir sind die Herren jetzt, und wir sind gleich, rufen!
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Und unser sind Stadt und Erdenreich.
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Los! Plündert und brennt! Laßt die Sturmglocken
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Herunter den Rat von den Marmorstufen!
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Wir sind Alle Brüder! Wir saufen und singen!
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Man soll mir die Schlüssel von Hamburg bringen!«
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Nun ward ein Spektakel, nicht auszusagen,
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Und Alles wird kurz und klein geschlagen.
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Die Sturmglocken bellen, die Flamme schlägt aus;
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Nun meide, wer meiden kann, den Graus.
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Besonders zwei Weiber tun sich hervor
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Aus dem fürchterlichen Aufrührerkorps.
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Sie heißen Geesch Heeschen und Greten Maisch,
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Überall hetzt ihr gelles Gekreisch.
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Sie zertrümmern Hostie, Kelch und Altar
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Und verfluchen Gott und die Heiligenschar.
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Es stockt die Zeit! Weltuntergang!
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Ein einziger gräßlicher Chaosklang.

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Leis klingt und klappt her ein Ton von Lübeck.
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Die Bürgermeister Görg Lam und Hans Jübeck
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Jagen zurück. Ihre Gäule schäumen,
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So schnell ist ihr Ritt. Gischt weht von den Zäumen
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Auf den Knick. Ein Hufeisen geht verloren,
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Das tut nichts, nur immer feste die Sporen.
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Die »Reitendiener« hinterher,
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Die Garde mit lechzendem Todgewehr.
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Und allerorts, an den Seitenwegen,
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Stehn Ritter und Knappen, die Nachbarn, und fegen
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Mit Görg Lam und Hans Jübeck durch Lehm und Lache
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Hamburg entgegen mit ihrer Rache.
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Görg Lam stürzt in Alt-Rahlstedt zur Erde
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Und überkugelt sich mit seinem Pferde.
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Tut nichts, schon ist er im Sattel wieder,
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Nur weiter, heut hat er steinerne Glieder.
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Die Glock ist Mitternacht. Stopp und Halt!
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Wie das von Hamburg herüberschallt:
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Wie aus einem Kessel, gedämpft und dumpf,
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Wie Hexengesang aus einem Sumpf,
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Wie brodelnde Blasen auf einem Teich
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Von flüssigem Stahl im Höllenreich.
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Und über diesem einen einzigen Ton
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Sehn sie das alte Hamburg lohn.

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Nun gibts ein Gewirr, bis der Hohe Senat
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Das Heft wieder in starken Händen hat.
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Und dann: Kommt mal her! Wer wars? Kopf ab!
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Kopf ab! Kopf ab! Kopf ab! Kopf ab!
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Hendrich Loh sollte am Galgen sterben,
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Sein Leichnam zwischen den Krähen verderben.
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Die Böttcher aber, die Zunft, bat wehmütig
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Den Hohen Rat, wehmütig und demütig,
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Hein Loh mit dem Schwerte hinzurichten;
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Das ward erlaubt mit »Angstrichterspflichten«.
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Einen Maulkorb trug er als letzte Bürde;
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Sie hatten Furcht, daß er reden würde.
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So hat er denn »zwischen den beyden Thoren«
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Sein Haupt mit dem Maulkorb im Sand verloren.
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Geesch Heeschen doch und Greten Maisch
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Mußten braten lassen ihr Fleisch
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Auf einem tüchtigen Scheiterhaufen.
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Da kam der Mob hinzugelaufen
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Und höhnte sie, stäupte sie mit dem Besen;
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Nun, wies von jeher ist gewesen.

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Ein Satyrspielchen ist noch zu erwähnen,
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Das ist nicht zum Lachen und nicht zum Gähnen.
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Wenn in großen Städten die Pest ist verschwunden
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Und Druck und Kleinmut sind verwunden,
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Dann sieht man wohl vor Fenster und Türen
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Die Nachbarn lange Gespräche führen:
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Man erkundigt sich, wer gestorben ist,
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Und freut sich, wer noch am Leben ist.
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So wars auch nach der schlimmen Empörung,
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Nach der argen Philisterstörung:
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Cord Hinrichsen ist achtzig Jahr,
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Er trägt in Ehren sein weißes Haar,
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Das schwarze Käppchen drauf steht ihm gut.
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So geht er durchs Tagwerk mit redlichem Mut,
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Ist streng gesetzlich, ein trefflicher Schneider,
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Macht Bürgermeister und Ratsherren die Kleider.
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Der steht, umringt von vielen Leuten,
178
Die sich die schrecklichen Zeiten deuten.
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Er erzählt ihnen das, erzählt ihnen dies –
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Zwei Büttel kommen. Der eine stieß
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Den andern an: »Kiek, der will von neuem
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Unser Hamburg mit Aufruhr bedräuen.«
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Blut, ewiger Blutgeruch und Getös
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Machen selbst Büttel »etwas nervös«.
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Sie reißen den Alten aus dem »Komplott«
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Und schleppen ihn eilig aufs Schaffott.
187
Dort rufen die Raben: Papperlapapp!
188
Kopf ab! Kopf ab! Kopf ab! Kopf ab!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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