»mein ist die Erbschaft laut Pergament

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Detlev von Liliencron: »mein ist die Erbschaft laut Pergament Titel entspricht 1. Vers(1876)

1
»mein ist die Erbschaft laut Pergament,
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Und mir gehört sie zu!«
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Die Regenten in Meldorf schlagens ihm ab:
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Nun laß uns endlich in Ruh!
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Wiben Peter setzt sich auf sein weißes Pferd,
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Er reitet auf Markt und Gassen,
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Das Landesbuch links, in der andern das Schwert:
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»sie müssen mein Recht mir lassen!«
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Holla! Er hält und läßt in der Hand
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Die beiden im Sonnenlicht blinken.
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Das hilft ihm nichts, er wird verbannt;
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Sein Hengst fühlt unlieb die Zinken.

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Er reitet ins Elend. Aber voll Mut
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Will er erzwingen sein Recht
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Vor Fürsten und Rat, vor Kaiser und Reich;
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Doch gelingt ihm sein Vorhaben schlecht.
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Überall weisen sie kläglich ihn ab,
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Und immer muß ers erneuen;
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Stets wieder bringt man ihn auf den Trab,
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Und endlich wirds ihn gereuen.
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Da keiner ihm hilft, spricht er den Schwur:
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»ich will allein mir nützen!«
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Und galoppiert grimmig durch Wald und Flur,
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Es spritzen Sand und Pfützen.

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Und bremst erst in seinem Vaterland,
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Die Grenze hielt ihn nicht auf.
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Er droht mit der Faust: »Min Länneken deep!«
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Und umklemmt seiner Klinge Knauf.
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Söldner und Schnapphähne strömen heran,
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Die nimmt er in Dienst und Pflichten
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Und hält sie fest in seinem Bann.
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Seine Rache will Alles vernichten.
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Die Mühlen brennen, die Nacht ist voll Greul,
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Voller Herdenraub, Zittern und Zeter,
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Und mitten drin steht im Mörderknäul
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Breitbeinig im Blut Wiben Peter.

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Er reitet noch immer sein weißes Pferd,
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Grasfarbig sind Zügel und Zaum.
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Mit ihm reitet sein Wappenspruch:
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»und wieder grünt der Baum.«
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Als Helmsturz weht ihm ein knallroter Busch
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Bis hinunter tief in den Nacken;
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Wind, Sonne, Schatten wollen im Husch
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Ihn wie ein Wipfelblatt packen.
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Sein strohgelber Bart pilgert lang und fahl
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Über den eisernen Halsring in Zöpfen,
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Wie sich König Assurannibal
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Einst ließ den Kinnbart knöpfen.

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Als er endlich umstellt ist, bedroht und bedrängt,
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Flieht er rechtzeitig an Bord
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Und nimmt auf dem alten Hilligenland
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Seinen festen Zufluchtsort.
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Von hier aus schweift er mit Koggen und Kuff
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Und mißt und meistert die Wellen,
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Und versetzt der Handelsfahrt manchen Puff,
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Daß Rumpf und Rah zerspellen.
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Sein Flaggschiff, der blaue Ziegenbock,
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Stößt mit den gewaltigen Krickeln
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Auf Bug und Boot und Pflock und Block,
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Daß sie wie Glas zerstückeln.

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Min Länneken deep, min Länneken deep
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Ist rasend und faßt den Beschluß:
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Genug der ewigen Plackerei,
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Genug von Drang und Verdruß!
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Sie schicken Jacht-Ewer aufs hohe Meer
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Mit Mannschaft und Enterbeilen,
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Und kreisen und kreuzen um ihn her;
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Wiben Peter kann nicht mehr enteilen.
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Und steigen aus auf Helgoland;
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Wiben Peter läuft in die Kapelle
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Und verwandelt, zum letzten Widerstand,
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Das Bethaus zur Zitadelle.

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Sie kommen aufs Kirchlein angeruckt
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Mit Piken und Hakengewehr,
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Mit Trommel und mit Arkebus;
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Der Himmel ist wolkenschwer.
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Dann stelln sie sich auf zum beherzten Sturm,
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Bald sind die Türen erbrochen.
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Wiben Peter hat sich versteckt im Turm,
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In den Ästen des Fachwerks verkrochen.
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Herab schießt den Vogel ein Mousquetaire,
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Er plumpst vor die Orgelpedale.
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Drauf trinken die Landsleute »veer Tünn Beer«
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Aus einem Altarpokale.

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Sie segeln mit der Leiche heim,
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Frohlockend empfängt sie der Strand.
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Begleitet von unzähligem Volk,
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Fährt der Wagen durchs Marschenland.
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In Heide auf dem Marktplatz schlägt
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Der Henker den Kopf ab behende;
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Und als der Schandpfahl das Totenhaupt trägt,
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Klatschen sie Beifall ohn Ende.
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Anncke Huck reißt am Bart ihn und hat geschrien:
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»ut is dien Wark, dat blödie,
95
Wo is mien Wurth, wo sünd mien Swien« –
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Das war der Schluß der Tragödie.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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