Als Graf Geert der Große ermordet war

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Detlev von Liliencron: Als Graf Geert der Große ermordet war Titel entspricht 1. Vers(1876)

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Als Graf Geert der Große ermordet war
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In Randers von Niels Henrik Ibsen, dem Ritter,
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Da stürzten sich wie ein Tigerpaar
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Seine beiden Söhne durchs dänische Gitter.
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Der Eiserne Heinrich rächte den Toten
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Am Mörder und seinen Gesellen gut.
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Viele Weiler, Dörfer und Städte lohten
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Und büßten des Rächers furchtbare Wut.
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Dann wäscht er das Blut ab von seinem Schild,
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Stößt sich den Helm in den Bärennacken
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Und reitet heim, feldwamszerknüllt,
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In Begleitung seiner Brünnen und Bracken.

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Noch tat er einen weiten Flug
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Gegen die heidnischen Letten und Lappen und Finnen,
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Und nahm dann gebührlich Spaten und Pflug,
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Um das Herz seiner Holsteiner zu gewinnen.
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Er regiert sein liebes Vaterländchen
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Mit seinem Bruder, dem milden Klaus.
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Sie beide sind Väter von manchem Legendchen,
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Das heut noch wandert von Haus zu Haus.
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Bis aus England eine Bitte kam
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Vom kleinen König Edward dem Dritten,
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Demzufolge Hinnerk schnell Urlaub nahm
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Und eilig zu Hilfe fuhr den Britten.

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In London ritt er ein mit großer Pracht,
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In schwarzer Rüstung von Kopf bis zu Füßen,
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Wie eine Erscheinung aus Mitternacht,
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Die ganz perplex die Menschen begrüßen.
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Gleich saß der Neid der englischen Edeln
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Mit ihm auf dem Sattel hinten und vorn.
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Und wie sie vor ihm weichen und wedeln,
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Zerrt hinterrücks an ihm Distel und Dorn.
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König Edward aber, dem ist er lieb,
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Der läßt sich durch das Gezischel nicht hudeln,
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Dem läuft all das Dreckwasser wie durch ein Sieb,
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Er läßt sich seinen Freund nicht besudeln.

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Bald stehn sie in Frankreich vor dem Feind:
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König Philipp mit seinen Bundesgenossen:
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Alph von Lothringen ist mit ihm vereint,
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Bisanz von Majork hat sich angeschlossen,
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Sechstausend genuesische Bogenschützen,
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Le simple Roy Pierre de Navarre,
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Die Flandern mit ihren Flundermützen,
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Graf Alençon auch, der Klingelnarr.
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Und selbst Tataren, der fernste Kosak
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Überschwemmen Philipps Lager in Strömen;
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Zuletzt trabt noch an mit Schabrunk und Schabrack
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Der blinde König Johann von Böhmen.

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Crescy! Die Schlacht beginnt. Kommt heran!
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Noch einmal stemmt jeder sich fest in den Bügel.
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Ganz vorn zieht der alte blinde Johann,
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Zwei Pagen halten ihm Zaum und Zügel.
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Wie zum Gebet hält er den Zweifäustler steil in Lüften,
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Hoch blitzt sein Flamberg wie Simsons Zorn,
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Als wollt er damit den Himmel klüften.
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Dann brüllt er: »Los!« Und gibt den Sporn.
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Mit flatternden Haaren, vom Helme frei,
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Rast er allein, sein Hengst muß es wissen,
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Rast in den Feind er mit gellendem Schrei,
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Umschlossen von ewigen Finsternissen.

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Die Heere stehn starr. Nur Heinrich nicht.
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Isern Hinnerk, auf seinem seeländschen Gaule,
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Sprengt ihm entgegen im Morgenlicht
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Und knüpft sich mit ihm zum Knoten im Knaule.
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Des Königs Schwert fällt mit furchtbarem Schlage
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Auf des Grafen Schulter. Der Panzer zerspringt.
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Dann hält sich der Kampf in der Todeswage,
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Bis der König entseelt aus dem Sattel sinkt.
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Der Graf nimmt die goldnen Ketten ihm ab
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Und sieht die erloschnen Augen mit Grausen,
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Der erloschnen Augen doppeltes Grab –
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Rings trommelts: Triumph! Die Tromben brausen.

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Nach London zurück. König Edward verreist.
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Der Graf bleibt allein mit Livree und Vasallen,
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Mit dem Hofgefolg, das ihn heimlich umkreist,
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Um ihn meuchlings mit Mördern zu überfallen.
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Doch alle die Kammerherren und Ritter
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Wagen sich nicht an ihn heran:
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Sie fürchten ein heiliges Ungewitter,
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Das sie vernichtet, Mann für Mann.
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Wir habens: Wir lassen den Löwen los,
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Der Graf geht früh stets im Garten spazieren.
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Der Löwe springt gegen ihn an furios
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Und wird ihn fressen. Und wir triumphieren.

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Juni. Frühmorgens. Es fällt der Tau.
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Ein Grasmückenpärchen schnappt sich Fliegen.
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Rosen. Jasmin. Ein krächzender Pfau
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Will grad aus einem Lilienbeet biegen.
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Todstille. Da stürzt sich mit greulichem Brummen
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Der Löwe dem Grafen in den Weg.
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»du frevliger Hund! Willstu verstummen
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Und dich wegscheren in dein Geheg!«
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Der Graf streckt die Hand vor, der Löwe kriecht fort,
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Mit gänzlich vermaulter, vermuckerter Schnauze,
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Und kriecht an seinen alten Ort,
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Und hockt da gleich einem lichtscheuen Kauze.

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Der Abend desselben Sommertags
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Sieht ein großes Bankett im Königsschlosse.
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Er lockt in die Steige des künstlichen Hags
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Und füllt den Hain mit galantem Trosse.
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Der Graf führt die Königin und ihre Degen
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Zum Schrank des Löwen artig hinauf,
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Nimmt sich vom Haupt den Kranz, und verwegen
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Stülpt er im Käfig dem Leuen ihn auf.
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Tritt wieder heraus und verbeugt sich jovial:
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»wer holt ihn zurück? Nun? Wer wirds besorgen?«
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Die Herren durchrieselts, sie werden fahl
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Und schleichen davon wie der Löwe heut Morgen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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