Ein langgeführtes hohes goldnes Gitter

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Detlev von Liliencron: Ein langgeführtes hohes goldnes Gitter Titel entspricht 1. Vers(1876)

1
Ein langgeführtes hohes goldnes Gitter,
2
Mit kunstgeformten Spitzen dehnt sich weit
3
In grader Linie aus nach Nord und Süd.
4
Ein Rasen, englisch zugestutzt, begleitet
5
Die eine Seite. Und auf dieser Seite,
6
An einer Stelle, fünfzig Schritt entfernt,
7
Erhebt ein Hügel sich, auf dem ein kleiner,
8
Von Säulen, zehn, getragner Tempel prunkt.
9
Vor diesem Tempel, den ein dunkler Wald
10
Von Eichen, Buchen, Tannen hinten deckt,
11
Sitzt nachlässig im roten Sammetsessel,
12
Im Schatten des Gehölzes, die Prinzeß.
13
Wie jung ist sie! Den rechten Arm, von dem
14
Der Ärmel fiel bis auf den Ellenbogen,
15
Hat sie gehoben, und die Augen folgen,
16
Mit kindlichem Gelächter, einem Zeisig,
17
Den grausam ihre Hand am Seidenfaden
18
Vergeblich Freiheit suchend flattern läßt.
19
Zwei Ritter, ohne Bart, in grauem Eisen,
20
Mit seitwärts eingerammten Lanzen, hüten,
21
Gegossen wie aus Erz, das schöne Fräulein,
22
Daß keiner ihrem Thron zu nahe trete.
23
Sie starren trotzig, unbewegten Blickes,
24
Aus offenem Visir. Ringsum die Stille
25
Des sonnenheißen Sommernachmittags,
26
Die nur zuweilen unterbrochen wird,
27
Wenn sich im leisen Wind die Kronen mischen,
28
Die wipfelflüsternd an den Tempel grenzen.

29
Den selbst die fürchterliche Hitze nicht
30
Getrocknet hat. In seinem Schlick und Schlamm,
31
Gradüber der Prinzessin, schläft ein Drache.
32
Halb Krokodil, halb Schlange, neunmal wohl
33
So lang wie eines Elephanten Länge,
34
Zeigt sich an seinem Haupt, das er allein
35
Aus Torf und Tümpel reglos streckt, ein Horn,
36
Gebogen wie beim Stier; und rechts und links
37
Von diesem wurzeln kleine Pferdeohren;
38
Und schnabelartig, bis zu sechzig Metern,
39
Ragt vor sein Rachen, der geschlossen ist.
40
Rings um der Ohren Außenseite sitzen,
41
An jedem zwölf, die Augen. Ganz bedeckt
42
Das trübe schwarze Wasser seinen Leib.

43
Und durch das Schweigen tönt ein Tubaton.
44
Das Ungetüm schläft unbekümmert weiter.
45
Die beiden Ritter rücken nicht den Kopf.
46
Nur die Prinzessin wendet lebhaft sich
47
Dahin, woher der Schall gekommen ist.
48
Und höchst lebendig wird's um ihren Stuhl:
49
Hoffräulein, Pagen, Kammerherrn, Minister
50
Umgeben wimmelnd ehrfurchtsvoll den Sessel.
51
Ganz ferne klingt die türkische Trommel her,
52
Nun mischt sich schon der Beckenschlag dazwischen,
53
Und näher, immer näher kommt Musik.
54
Die Wachtparade ist's. Ein schmucker Lieutenant
55
Ruft gellend durch den Höllenlärm: »Nicht euch«,
56
Und senkt den Degen. Hundert stramme Jungen
57
Marschieren stampfend der Prinzeß vorbei,
58
Die blanken Helme scharf zu ihr gewendet.
59
Und schwächer, immer schwächer hallt es her.
60
Das Ungetüm schlief unbekümmert weiter.
61
Nun folgen Gaukler, die mit Tellern spielen
62
– Und alles rasch im Vorwärtsziehen nur –
63
Und Messer auf den Lippen schweben lassen.
64
Kameele dann und angeschirrte Panther.
65
Darauf ein kecker Amazonenzug.
66
Ununterbrochen, eine volle Stunde
67
Wirbelt's so weiter: Tanz und Mummenschanz,
68
Der Araber Fantasia macht Schluß:
69
Sie sprengen blitzschnell, die Gewehre werfend,
70
Auf flittertandgeschmückten Berberhengsten
71
Mit wilden Rufen der Prinzeß vorbei.

72
Und eine tiefe Stille kommt gezogen.
73
Das Untier schläft noch immer unbekümmert.
74
Das Kind auf seinem roten Sammetsessel,
75
Verlangt nach einer Scheere und zerschneidet
76
Mit Emsigkeit das Band des Vögelchens,
77
Das zwitschernd auf zum blauen Himmel strebt.
78
Entlassen ist der Dienst, die Ritter nur
79
Bewachen nach wie vor den Marmorstuhl.
80
Was nun? Das süße Mädchen wirft, belustigt,
81
Gut zielend, Apfelsinen nach dem Drachen,
82
Und trifft ihn auch; doch reizt und rührt's ihn nicht.
83
Da plötzlich dringt ein feiner Sphärenklang,
84
Sanft wie Schalmei und zart wie Flötenschmeicheln,
85
Woher?
86
Doch sind es Flöten und Schalmeien nicht.
87
Musik, wie nirgends noch gehört auf Erden,
88
Klingt irgendwo ... Unruhig wird der Krake,
89
Er hebt den Schnabel hoch und schnuppert
90
Am goldnen Gitter; und ein einzig Zucken
91
Des Ungeheuers wühlt den Sudel auf
92
Und schleudert Pfützenspritzer in die Luft.
93
Es kriecht hervor, und auf den Vogelfüßen,
94
Die, dreißig, ihm, mit Schwimmhäuten versehn,
95
Am Bauche haften, hebt's sich wütend jetzt
96
Und tobt, des Gatters Stäbe mächtig rüttelnd,
97
– Der ekle Boden klackt vom Leib ihm ab –
98
Und schnuppert, wieder, nach den Sternen nun,
99
Die, trotz der Helle, klar zu sehen sind.
100
Besuch vom Sirius naht; ihn wittert schon
101
Das Ungetüm, das auch vom Sirius stammt.

102
Das Gitter schwindet, schwand; und eine Landschaft,
103
Von zwanzig Monden violett beschienen,
104
Zeigt sich auf einer fernen, fremden Welt.
105
Die Monde löschen aus. Und Finsternis.
106
In matten ginstergelben Farben kommt
107
Die Dämmerung. Ein schmaler, langgestreckter,
108
Von schroffen Felsen eingeengter See
109
Ruht in der Morgenfrühe ohne Laut.
110
Durch seine Längenrichtung schwimmt der Krake,
111
Wie eine Riesenschlange, ab und zu
112
Den Schuppenrücken krümmend fortbewegend;
113
Kein Plätschern stört die ungeheure Stille.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.