Was mir gestern mein Freund erzählt

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Detlev von Liliencron: Was mir gestern mein Freund erzählt Titel entspricht 1. Vers(1876)

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Was mir gestern mein Freund erzählt,
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Hat mich bis in den Traum gequält.
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Die Welt ist so roh, ich versteh' sie nicht –
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Und also lautete sein Bericht:

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In der großen süddeutschen Stadt,
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Die ein drollig Kindl im Wappen hat,
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Hab' ich die Hochschule einst besucht,
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Mit wackrem Fleiße vieles gebucht,
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Daß es mir später im Leben nütze.
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Doch nebenbei, meine bunte Mütze
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War der Bürge, daß nicht alle Zeit
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Ich hinbrachte nur in Gelehrsamkeit.
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Gesang und Trunk und mancher Schmiß,
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Der rechts und links mir die Backen zerriß,
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Sind Zeugen, daß ich kein Duckmäuser war
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In jenem lustigen, jubelnden Jahr.
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Ein Mädel, wie's mit sich bringt der Brauch,
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Hab' ich damals besessen auch,
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Ein liebes, gutes, vergnügtes Ding,
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Die voller Dargebung an mir hing.
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Doch plötzlich, wer wagt unser Herz zu kennen,
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Ward sie mir lästig, ich mußte mich trennen.
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Das konnte das arme Geschöpf nicht begreifen,
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Daß ich so schnell sie wollt' von mir streifen.
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Sie wehrte sich, das half ihr nicht viel,
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Ich hielt punktfest nur auf mein Ziel.
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Und endlich, ich gab ihr manch rauhes Wort,
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Sagte sie traurig: Weit zieh' ich fort,
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Ich kann da nimmer des Schmerzes genesen,
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Wo ich so fröhlich mit dir gewesen.

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Ich schenkt' ihr, was ich grad' hatt' an Geld,
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Und habe sie dann auf den Bahnhof bestellt.
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Durch die Glasthür konnt' ich, von ihr nicht erkannt,
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Sie beobachten in ihrem Witwenstand:
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Sie saß mit tief gesenktem Kinn
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Und starrte teilnamlos vor sich hin.
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Um sie her Gelächter, Geplapper,
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Biergläsergeklirr und Tellergeklapper,
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Hier vom Trost beruhigte Abschiedsthränen,
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Dort munter den Goldtag der Zukunft wähnen.
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Und unter all' den Menschengrimassen
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Quält sie allein sich, von allen verlassen.
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Nun trat ich ein, ihren Schein in Händen,
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In Zürich erst wollte die Fahrt sie beenden.
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Als sie mich sah, einen Augenblick
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Dachte sie wohl an ein wendend Geschick,
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Doch als halb verdrossen, halb unverhohlen
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Meine Freude ich kundgab, schaut sie verstohlen
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Noch einmal zu mir: Das war sein Lieben,
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Von ihm, ach, von ihm in's Elend getrieben.
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»einsteigen nach Lindau«, und ohne zu zagen,
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Führt' ich am Arm sie zum Eisenbahnwagen.
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»dein liebes Katherl,« schluchzt sie zuletzt,
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Dann hat sie sich ins Koupee gesetzt.
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Ihr Taschentuch hielt sie vor's Gesicht
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Und weinte bebend – ich sah es nicht
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Ein Pfiff, ich stand auf dem Bahnsteig allein,
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Sie fuhr in die kalte Welt hinein.

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Nie wieder hab' ich von ihr gehört,
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Ob sie gestorben, gerettet, bethört,
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Ob ihr das Glück seinen Hellmorgen gezeigt,
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Ob krächzend der Kummer die Fidel ihr geigt.
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Zuweilen, die grausam ich von mir stieß,
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Die undankbar ich von mir ließ,
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Steht nachts sie vor mir, lächelnd, fahl –
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Das Leben, äh was, macht uns alle brutal.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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