Die Flut erreichte den höchsten Stand

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Detlev von Liliencron: Die Flut erreichte den höchsten Stand Titel entspricht 1. Vers(1876)

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Die Flut erreichte den höchsten Stand.
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Der Regen tropft leis auf See und Sand
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Aus Frühlingswolken, die, schwammig und schwer,
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Träg' wandern über das leere Meer,
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Über des Deiches eiserne Bänder,
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Über den Reichtum der Marschenländer.
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Kein Vogel fliegt, kein Schiff ist in Sicht,
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Der Leuchtturmwärter entzündet sein Licht.
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Nordsee – Mordsee, was heuchelst du,
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Heuchelst du heimtückisch ewige Ruh?
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Nur von der verlassenen Hallig klagt
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Der Avosetten und Tüten Geschrei;
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Oder kreischt eine Wasserfei,
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Von plumpen Tritonen verfolgt und gejagt?
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Sonst ist's tot, kein Ruf, kein Ruderschlag,
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Tot wie vor dem ersten Schöpfungstag.
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Mir ist es, als ob im Luftgebilde
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Gletscherspitzen und Eisgefilde
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Wunderbar weiß sich im Dämmer recken,
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Sich immer höher und höher strecken.
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Eine große süddeutsche Stadt fällt mir ein,
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Mit Siegesthoren aus Marmelstein,
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Mit prächtigen Straßen und Prachtpalästen,
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Mit bunten Fahnen und Festen und Gästen.
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Auf einer Brücke bleib' ich stehn,
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Und lasse die Welt vorübergehn,
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Karrenschieber, Künstler, wer's immer sei,
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Alles muß an mir vorbei;
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Grad' trabt daher ein Chevauléger,
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Da wend' ich mich, vor mir liegt Tegernsee,
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Da
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Die mein Blick in die Berge nimmt.
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Klar scheinen die Alpen, und Thäler und Schroffen,
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So fern es auch ist, zeigen frei sich und offen.
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Zu den Menschen dreh' ich mich wieder hin,
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Unerklärliches zog mir durch Herz und Sinn ...
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Und es streift ein hübsches Kind meinen Rock,
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Im Scherze streck' ich ihr vor den Stock:
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Halt, Mädchen, nicht weiter, erst will ich wissen,
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Wo lagst du in deinen Wiegenkissen.
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»san's narrisch, dös froagt's a mal loam,
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I bin jo von Tegernsee dahoam.
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Wo kimmst denn du her, aus woas für a'n Land?«
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Lütt Deern, ick bün vun de Waterkant,
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Wo de Seehund sick spölt vör'n Butendick,
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De Regenbagen sick spegelt in'n Slick.

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Und kurz und gut, es gab ein Verstehn,
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Daß bald wir munter zusammengehn
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In der lustigen, leuchtenden Bayernstadt,
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Die so viel fröhliche Menschen hat.

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Wir beide, dicht aneinander geengt,
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Haben uns durch die Menge gedrängt.
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Und trug sie sich auch in städtischer Tracht,
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Das hat für mich nichts ausgemacht:
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Auf ihren Zöpfen, für mich, saß der Miesbacher Hut
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Mit den goldenen Quasten, wie stand er ihr gut.
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Bei ihrem silberverschnürten Mieder
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Sing' ich tausend Schnadahüpfl und Wasserfalllieder.
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Wir gingen lachend straßauf, straßab,
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Wir wären lachend gegangen in's Grab.
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Schließlich, wo wir endeten dann,
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Wo wir blieben: »geht Neam'd woas oan.«

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Verschwunden ist längst die letzte Helle,
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Verdrossen schweigt vor mir die Nordseewelle.
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Nur einmal, durch die Stille, durchs nächtliche Gatter
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Hört' ich kurz ein lebhaftes Entengeschnatter.
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Ich aber denk' an die herrliche Stadt,
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Die das Herz mir im Sturme genommen hat,
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An Isargrün und Alpenschnee,
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An das schwarze Katherl von Tegernsee.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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