Eine große Stadt mußt' ich durchgehn

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Detlev von Liliencron: Eine große Stadt mußt' ich durchgehn Titel entspricht 1. Vers(1876)

1
Eine große Stadt mußt' ich durchgehn,
2
Die seit Jahren ich nicht gesehn.
3
Und in dieser auf meinen Wanderungen
4
Bin ich in einen Vorort gedrungen,
5
Wo in Armut hinfristen viel tausend Leute,
6
Und dort wie früher fand ich's heute.
7
Und mitten hier auf meiner Runde
8
Vernahm ich vom nächsten Turm die Stunde.

9
Und wunderbar, wie der reichtönende Klang
10
Mir plötzlich erinnernd die Brust durchdrang:
11
Vor mir stand eine Sommernacht,
12
Die einst in diesem Revier ich durchwacht,
13
Wo mir am Herzen ein Mädel lag,
14
Wo ich hörte den schönen Glockenschlag,
15
Ein Viertel, Halb, drei Viertel, Ganz,
16
Hoch über der Menschen Mummenschanz.

17
Im vierten Stock einer Mietskaserne,
18
Wo unten eine schlechte Taverne
19
Gesindel aufsog, wo die Unruhe wohnte,
20
Wo kein Engel die Tugend belohnte,
21
Da hab' ich einmal eine kurze Nacht
22
In Liebesüberschüttung zugebracht.
23
Sie schlief, und hat mich in Traumeswonnen
24
Mit ihren weißen Armen umsponnen,
25
Hat oft mich im Halbschlaf fest an sich gedrückt,
26
Das hat mich so grenzenlos entzückt.
27
Sanft strich ich ihr braunes welliges Haar,
28
Das schimmernd vom Monde beschienen war.
29
Bis in's späte Morgenrot
30
Lärmt draußen das Leben, schreit noch die Not.
31
Und Zank und Zorn, Geschrei, Gelächter,
32
Einmal Dazwischenkommen der Wächter.
33
Von einem Tanzsaal her wüstes Gestampf,
34
Aus der Hölle stieg auf ein greulicher Dampf
35
Aus Bierbudiken und Schnapsspelunken. –
36
In diesem Dunst schien die Vorstadt ertrunken.
37
Klarweg über die Sünde hindrang
38
Der reine, der hehre Glockenklang.

39
Endlich, nach jeder Weltstadt Weise,
40
Ward' um die dritte Stund' es leise.
41
Und herrlich durch die Stille drang
42
Immer wieder der schöne Glockenklang,
43
Ein Viertel, Halb, drei Viertel, Ganz,
44
Hoch über der Menschen Mummenschanz.
45
Da öffnet das Mädel die Augen dem Tag,
46
Und ich hörte nicht mehr den Glockenschlag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.