In Krieg und Frieden, viele Jahre schon

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Detlev von Liliencron: In Krieg und Frieden, viele Jahre schon Titel entspricht 1. Vers(1876)

1
In Krieg und Frieden, viele Jahre schon,
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Trag' ich, wo immer auch mein Aufenthalt,
3
Am Herzen deinen Quickborn, und im Herzen
4
Die goldne Fülle seiner Heimatlieder.

5
Im harten Winter Siebzig-Einundsiebzig
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Stand vor Peronne ich zur Umzingelung.
7
Einst, als drei Tage und drei Nächte wir
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Im Schnee gelegen ohne Schutz und Feuer,
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Erhielt ich endlich als Quartier ein Häuschen.
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Nur eine Stube gab's: Ein Mütterchen
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Saß hüstelnd, stier und stumpfsinnig im Bett.
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Ihr hübsches sechzehnjähriges Enkelkind
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– Zigeuner waren's – machte die Honneurs.
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Rasch schob mein flinker Bursche am Kamin
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Das Stroh zusammen, daß ich ruhen konnte,
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Und wie der ganz erstarrte Frosch, so taute
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Allmählig ich zu warmem Leben auf.
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Behaglich nahm ich deinen Quickborn her
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Und las, den Kopf in meine Hände stützend,
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Gestreckten Leibes, laut die lieben Verse.
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Mir gegenüber, zaghaft erst, dann dreister,
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Haupt gegen Haupt, dieselbe Stellung findend,
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Das Kinn auf die geballten Fäustchen lastend,
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Nahm Platz das Mädchen und – ich las ihr vor:
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Von »Unruh Hans« ... Noch seh' ich ihre Augen,
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Die dunkelbraunen, staunend mich betrachten;
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Seh' auf der broncefarbnen Stirn ein Löckchen,
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So schwarz als wär' es aus der Nacht gesprungen.
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Dann fing sie an zu lachen und so köstlich
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Durchschimmerte der Zahn die roten Lippen,
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Daß ich wahrhaftig in Versuchung kam,
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Ihr einen Finger in den Mund zu tauchen.
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Und als ich weiter vortrug, das Gedicht:
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– »Ik sprung noch in de Kinnerbüx, da wär
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Ik all en« – kam ein Zischen, Heulen, Wuchten,
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Ein Donnerschlag ... und eine Stille dann.
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Das ganze Hüttchen zittert, schüttert, bebt,
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Und an den Wänden rieselt es hinunter.
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Wir aus dem Stroh. Das Mädchen, toterschrocken,
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Liegt, wie das Lamm dem Hirten, mir im Arm.
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Bald fanden wir die unliebsame Störung
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Erklärt: Es hatte in den Hof sich eine
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Granate, Grüße bringend, eingewühlt.
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Als wieder zum Kamin zurück wir kehrten
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Und ich mich niederbog zu deinem Buch,
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Entdeckt' ich auf dem Worte »Daugenix,«
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Fatale Deutung, Stückchen grauen Kalkes,
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Die von der Zimmerdecke abgebröckelt,
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Als neben uns der Eisenengel einschlug.
50
Ich ließ sie dort und heute findest du
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Das Lesezeichen noch an alter Stelle.
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In Krieg und Frieden, viele Jahre schon,
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Trag' ich, wo immer auch mein Aufenthalt,
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Am Herzen deinen Quickborn und im Herzen
55
Die goldne Fülle seiner Heimatlieder.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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