Das Lied von Treue

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Gottfried August Bürger: Das Lied von Treue (1788)

1
Wer gern treu eigen sein Liebchen hat,
2
Den necken Stadt
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Und Hof mit gar mancherlei Sorgen.
4
Der Marschall von Holm, den das Necken verdroß,
5
Hielt klüglich deswegen auf ländlichem Schloß
6
Seitweges sein Liebchen verborgen.

7
Der Marschall achtet' es nicht Beschwer,
8
Oft hin und her
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Bei Nacht und bei Nebel zu jagen.
10
Er ritt, wann die Hähne das Morgenlied krähn,
11
Um wieder am Dienste des Hofes zu stehn,
12
Zur Stunde der lungernden Magen.

13
Der Marschall jagte voll Liebesdrang
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Das Feld entlang,
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Vom Hauche der Schatten befeuchtet.
16
»hui, tummle dich, Senner! Versäume kein Nu!
17
Und bring' mich zum Nestchen der Wollust und Ruh,
18
Eh' heller der Morgen uns leuchtet!«

19
Er sah sein Schlößchen bald nicht mehr fern,
20
Und wie den Stern
21
Des Morgens das Fensterglas flimmern.
22
»geduld noch, o Sonne, du weckendes Licht,
23
Erwecke mein schlummerndes Liebchen noch nicht!
24
Hör' auf, ihr ins Fenster zu schimmern!«

25
Er kam zum schattenden Park am Schloß
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Und band sein Roß
27
An eine der duftenden Linden.
28
Er schlich zu dem heimlichen Pförtchen hinein,
29
Und wähnt' im dämmernden Kämmerlein
30
Süß träumend sein Liebchen zu finden.

31
Doch als er leise vors Bettchen kam,
32
O weh! da nahm
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Der Schrecken ihm alle fünf Sinnen.
34
Die Kammer war öde, das Bette war kalt. –
35
»o wehe! Wer stahl mir mit Räuber-Gewalt
36
So schändlich mein Kleinod von hinnen?« –

37
Der Marschall stürmte mit raschem Lauf
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Treppab, treppauf,
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Und stürmte von Zimmer zu Zimmer.
40
Er rufte, kein Seelchen erwiderte drauf –
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Doch endlich ertönte tief unten herauf
42
Vom Kellergewölb' ein Gewimmer.

43
Das war des ehrlichen Schloßvogts Ton.
44
Aus Schuld entflohn
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War alle sein falsches Gesinde.
46
»o Henne, wer hat dich herunter gezerrt?
47
Wer hat so vermessen hier ein dich gesperrt?
48
Wer? Sag mir geschwinde, geschwinde!« –

49
»o Herr, die schändlichste Frevelthat
50
Ist durch Verrat
51
Dem Junker vom Steine gelungen.
52
Er raubte das Fräulein bei sicherer Ruh,
53
Und eure zwei wackeren Hunde dazu
54
Sind mit dem Verräter entsprungen.«

55
Das dröhnt dem Marschall durch Mark und Bein.
56
Wie Wetterschein
57
Entlodert sein Sarras der Scheide.
58
Vom Donner des Fluches erschallet das Schloß.
59
Er stürmet im Wirbel der Rache zu Roß,
60
Und sprenget hinaus auf die Heide.

61
Ein Streif im Taue durch Heid' und Wald
62
Verrät ihm bald,
63
Nach wannen die Flüchtling' entschwanden.
64
»nun strecke, mein Senner, nun strecke dich aus,
65
Nur dies Mal, ein einzig Mal halt nur noch aus,
66
Und laß mich nicht werden zu Schanden!

67
Hallo! Als ging' es zur Welt hinaus,
68
Greif aus, greif aus!
69
Dies letzte noch laß uns gelingen!
70
Dann sollst du für immer auf schwellender Streu,
71
Bei goldenem Haber, bei duftendem Heu
72
Dein Leben in Ruhe verbringen.«

73
Lang streckt der Senner sich aus und fleucht.
74
Den Nachttau streicht
75
Die Sohle des Reiters vom Grase.
76
Der Stachel der Ferse, das Schrecken des Rufs
77
Verdoppeln den Donnergaloppschlag des Hufs,
78
Verdoppeln die Stürme der Nase. –

79
Sieh, da! Am Rande vom Horizont
80
Scheint hell besonnt
81
Ein Büschel vom Reiher zu schimmern.
82
Kaum sprengt er den Rücken des Hügels hinan,
83
So springen ihn seine zwei Doggen schon an,
84
Mit freudigem Heulen und Wimmern.

85
»verruchter Räuber, halt an, halt an,
86
Und steh dem Mann,
87
An dem du Verdammnis erfrevelt!
88
Verschlänge doch stracks dich ihr glühender Schlund!
89
Und müßtest du ewig da flackern, o Hund,
90
Vom Zeh bis zum Wirbel beschwefelt!«

91
Der Herr vom Steine war in der Brust
92
Sich Muts bewußt,
93
Und Kraft in dem Arme von Eisen.
94
Er drehte den Nacken, er wandte sein Roß,
95
Die Brust, die die trotzige Rede verdroß,
96
Dem wilden Verfolger zu weisen.

97
Der Herr vom Steine zog mutig blank,
98
Und rasselnd sprang,
99
So Dieser, wie Jener, vom Pferde.
100
Wie Wetter erhebt sich der grimmigste Kampf.
101
Das Stampfen der Kämpfer zermalmet zu Dampf
102
Den Sand und die Schollen der Erde.

103
Sie haun und hauen mit Tigerwut,
104
Bis Schweiß und Blut
105
Die Panzer und Helme betauen.
106
Doch Keiner vermag, so gewaltig er ringt,
107
So hoch er das Schwert und so sausend ers schwingt,
108
Den Gegner zu Boden zu hauen.

109
Doch als wohl Beiden es allgemach
110
An Kraft gebrach,
111
Da keuchte der Junker vom Steine:
112
»herr Marschall, gefiel' es, so möchten wir hier
113
Ein Weilchen erst ruhen, und trautet ihr mir,
114
So spräch' ich ein Wort, wie ichs meine.«

115
Der Marschall, senkend sein blankes Schwert,
116
Hält an und hört
117
Die Rede des Junkers vom Steine:
118
»herr Marschall, was haun wir das Leder uns wund?
119
Weit besser bekäm' uns ein friedlicher Bund,
120
Der brächt' uns auf Einmal ins Reine.

121
Wir haun, als hackten wir Fleisch zur Bank,
122
Und keinen Dank
123
Hat doch wohl der blutige Sieger.
124
Laßt wählen das Fräulein nach eigenem Sinn,
125
Und wen sie erwählet, der nehme sie hin!
126
Beim Himmel, das ist ja viel klüger!«

127
Das stand dem Marschall nicht übel an.
128
»ich bin der Mann!«
129
So dacht' er bei sich, den sie wählet.
130
»wann hab' ich nicht Liebes gethan und gesagt?
131
Wann hats ihr an allem, was Frauen behagt,
132
So lang' ich ihr diene, gefehlet?

133
Ach, wähnt er zärtlich, sie läßt mich nie!
134
Zu tief hat sie
135
Den Becher der Liebe gekostet!« –
136
O Männer der Treue, jetzt warn' ich euch laut:
137
Zu fest nicht aufs Biedermanns-Wörtchen gebaut,
138
Daß ältere Liebe nicht rostet!

139
Das Weib zu Rosse vernahm sehr gern
140
Den Bund von fern
141
Und wählte vor Freuden nicht lange.
142
Kaum hatten die Kämpfer sich zu ihr gewandt,
143
So gab sie dem Junker vom Steine die Hand.
144
O pfui! die verrätrische Schlange! –

145
O pfui! Wie zog sie mit leichtem Sinn
146
Dahin, dahin,
147
Von keinem Gewissen beschämet!
148
Versteinert blieb Holm an der Stelle zurück,
149
Mit bebenden Lippen, mit starrendem Blick,
150
Als hätt' ihn der Donner gelähmet.

151
Allmählich taumelt' er matt und blaß
152
Dahin ins Gras,
153
Zu seinen geliebten zwei Hunden.
154
Die alten Gefährten, von treuerem Sinn,
155
Umschnoberten traulich ihm Lippen und Kinn,
156
Und leckten das Blut von den Wunden.

157
Das bracht' in seinen umflorten Blick
158
Den Tag zurück,
159
Und Lebensgefühl in die Glieder.
160
In Thränen verschlich sich allmählich sein Schmerz.
161
Er drückte die guten Getreuen ans Herz,
162
Wie leibliche liebende Brüder.

163
Gestärkt am Herzen durch Hundetreu,
164
Erstand er neu
165
Und wacker, von hinnen zu reiten.
166
Kaum hatt' er den Fuß in den Bügel gesetzt,
167
Und vorwärts die Doggen zu Felde gehetzt,
168
So hört' er sich rufen vom weiten.

169
Und sieh! auf seinem beschäumten Roß,
170
Schier atemlos,
171
Ereilt' ihn der Junker vom Steine.
172
»herr Marschall, ein Weilchen nur haltet noch an!
173
Wir haben der Sache kein Gnügen gethan;
174
Ein Umstand ist noch nicht ins Reine.

175
Die Dame, der ich mich eigen gab,
176
Läßt nimmer ab,
177
Nach euern zwei Hunden zu streben.
178
Sie legt mir auch diese zu fodern zur Pflicht.
179
Drum muß ich, gewährt Ihr in Güte sie nicht,
180
Drob kämpfen auf Tod und auf Leben.« –

181
Der Marschall rühret nicht an sein Schwert,
182
Steht kalt und hört
183
Die Mutung des Junkers vom Steine.
184
»herr Junker, was haun wir daß Leder uns wund?
185
Weit besser bekommt uns ein friedlicher Bund,
186
Der bringt uns auf Einmal ins Reine.

187
Wir haun, als backten wir Fleisch zur Bank,
188
Und keinen Dank
189
Hat doch wohl der blutige Sieger.
190
Laßt wählen die Köter nach eigenem Sinn,
191
Und wen sie erwählen, der nehme sie hin!
192
Beim Himmel! das ist ja viel klüger.«

193
Der Herr vom Steine verschmerzt den Stich
194
Und wähnt in sich:
195
Es soll mir wohl dennoch gelingen!
196
Er locket, er schnalzet mit Zung' und mit Hand,
197
Und hoffet bei Schnalzen und Locken sein Band
198
Bequem um die Hälse zu schlingen.

199
Er schnalzt und klopfet wohl sanft aufs Knie,
200
Lockt freundlich sie
201
Durch alle gefälligen Töne.
202
Er weiset vergebens sein Zuckerbrot vor.
203
Sie weichen und springen am Marschall empor,
204
Und weisen dem Junker die Zähn

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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