Der Abendwind streicht durch den Wald

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Louise Otto: Der Abendwind streicht durch den Wald Titel entspricht 1. Vers(1857)

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Der Abendwind streicht durch den Wald
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Und Blatt und Blatt sich säuselnd grüßen,
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Das Lied der Nachtigall erschallt
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In Liebestönen, schmeichelnd süßen.

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Noch spielt der letzte Rosenschein
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Der Sonne um die höchsten Bäume,
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Doch schläft schon manche Blüte ein,
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Wiegt leis ihr Haupt als ob sie träume.

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Still wird die Luft, es sinkt der Thau
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Und überzieht mit feuchtem Glänzen
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Die blütenreiche, duftge An,
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Als schmück' er sie zu Elfentänzen.

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Schon fliegt der erste Glühwurm aus,
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Nachtfalter schwirrend sich erheben –
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Da tritt
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Zur Gartenthür, mit leisem Beben.

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Den Riegel innen schiebt sie fort,
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Um hinter sich ihn leis zu schließen;
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Den Abendstern, der Unschuld Hort,
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Hat ihr der erste Blick gewiesen.

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Seit Wochen hat sie hier geweilt
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Und treu gepflegt die alte Muhme,
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Bis sie genas – nun einmal eilt
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Sie zu des Waldes Heiligtume.

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Längst hat sie sich dahin gesehnt,
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Doch machte ihr die Muhme bange,
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Die Raub und Mord im Walde wähnt
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Und hinter Blumen selbst die Schlange.

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Sie sollt' am Abend nie allein
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Die einsam stillen Pfade gehen – –
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Doch würde Gott nur bei ihr sein,
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Was könnte ihr denn wohl geschehen?

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Er hatte ja den Wald gebaut
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Mit seinen hehren Buchenhallen –
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Wie sollte denn, wer Gott vertraut,
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Nicht froh und sicher darin wallen??

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Die Muhme schlief, die Magd war da,
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Jung-Elschen konnte fort sich schleichen,
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Und bald war sie dem Walde nah,
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Er grüßte sie mit heilgem Schweigen.

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Ganz einsam war's – ein Wandersmann
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Kam ihr entgegen nur geschritten,
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Er hielt den Fuß dicht vor ihr an,
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Um eine Gabe sie zu bitten.

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Sie grüßt ihn still und gab ihm mehr
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Als er gewohnt war zu erhalten –
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Er sah sie an – und dankte sehr –
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Und sie sprach tröstlich: »Gott mags walten!«

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Wie schön war's drinnen nun im Wald!
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Der Mond begann heraufzusteigen –
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Doch plötzlich lauter Sang erschallt,
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Wo vorher noch das tiefste Schweigen.

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»ei, guten Abend schönes Kind!
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So einsam hier im Mondenscheine? –«
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»der Abend ist so hold und lind –
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Ich bin im Walde gern alleine.«

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»hei, abgeblitzt!« ein Andrer rief:
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»die weist uns selbst im Wald die Thüre!«
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Ein Scherzwort durch die Burschen lief –
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»wohl – jeder wird, was ihr gebühre.«

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Sie zogen fort, und lächelnd stand
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Jung-Elschen da im Mondenlichte –
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Strich sinnend mit der weißen Hand
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Ihr Goldhaar aus dem Angesichte. –

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Und wieder herrschte tiefe Ruh
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Vom Teppichmoos bis zu den Sternen –
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»o. Nacht, wie doppelt schön bist du,
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Wenn wir im Wald dich kennen lernen!«

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Andacht durch ihre Seele zieht,
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Die Hände faltet sie zusammen,
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Und betend fromm sie niederkniet,
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Im blauen Aug' Begeistrungsflammen.

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Und plötzlich schreckt ein Fluch sie auf –
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Sie sieht in rauhen Mannes Händen
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Des blitzenden Gewehres Lauf
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Und ruft erschreckt: »Das müßt Ihr wenden!«

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»ich bin kein Dieb, bin auch kein Reh,
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Dafür Ihr mich vielleicht gehalten –
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Ein Mädchen nur ich vor Euch steh,
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Dess' Hände betend sich gefalten!« –

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Da schüttelt es den bösen Mann,
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Den böse That zur Flucht getrieben,
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Er ruft: »Für mich auch bete dann!«
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Und kehrt sich um – »Zu Gott, dem lieben!«

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Ruft sie mit unschuldsvollem Laut
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Dem Flücht'gen nach. Dann kehrt sie wieder
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Zum stillen Haus, zum Garten traut,
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Wo süß noch duften Ros' und Flieder.

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Am Morgen sie zur Muhme spricht:
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»ich will es ehrlich dir gestehen,
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Ich hab' im stillen Mondenlicht
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Im Wald mich gestern umgesehen.«

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Die Muhme fährt erschreckt sie an:
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»weh', wenn dich jemand dort getroffen!«
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»niemand hat mir ein Leid's gethan!«
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Und Elschen schildert Alles offen.

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Die Muhme hört's, der Fassung bar –
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Dann seufzt die Brust, die angstbefreite –
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»du ahntest nicht einmal Gefahr – –
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Die Unschuld gab dir das Geleite!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Louise Otto
(18191895)

* 26.03.1819 in Meißen, † 13.03.1895 in Leipzig

weiblich, geb. Otto

sozialkritische Schriftstellerin, Demokratin und eine Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung

(Aus: Wikidata.org)

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