Im Heidenturm zu Lindau ein Ritter schmachtet lang

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Louise Otto: Im Heidenturm zu Lindau ein Ritter schmachtet lang Titel entspricht 1. Vers(1857)

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Im Heidenturm zu Lindau ein Ritter schmachtet lang,
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Er ist verurteilt worden »zum Tode durch den Strang«
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Dieweil er stürmend, raubend, frech durch das Land gezogen,
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Wild, wie sich oftmals heben des Bodans grüne Wogen.

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Jetzt blickt er durch das Gitter, das ihm den Weg versperrt,
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Dem stolzen edlen Ritter, dem wilden Kunibert.
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Und wie zu seinen Füßen des Seees Fluten branden,
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So denkt er an die Stürme, die er einst selbst bestanden.

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Er liebte eine Jungfrau, Mechthild ward sie genannt,
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Doch ihres Vaters Strenge versagt' ihm ihre Hand –
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Da wollte sie der Ritter sich mit Gewalt erringen,
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Den Widerstand des Vaters im eignen Schloß bezwingen.

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Er zog vor seine Veste und nahm mit Sturm sie ein,
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Warf gier'ge Feuerbrände mit eigner Hand hinein,
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Den Vater der Geliebten erstach der wilde Freier, –
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Doch sie entfloh ins Kloster und nahm den Nonnenschleier.

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Und nun im wilden Grimme, verzweifelnd sonder Rast,
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Erliegend seiner Thaten und seines Jammers Last,
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Sucht Kunibert Betäubung im Kämpfen, Rauben, Morden –
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Nun ist in Kerkermauern ihm dafür Lohn geworden.

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Jetzt führt man ihn zum Richtplatz – der Henker steht bereit –
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Da naht Lindaus Aebtissin im weißen Feierkleid.
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Die Menge sieht es staunend – »Das ist der Gnade Zeichen!«
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Ein donnernd »Hoch!« dann wieder, ein ehrfurchtsvolles Schweigen.

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Der Ritter sieht es staunend – der Henker hält den Strang –
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Als ihren Dolch, den blanken, die hohe Nonne schwang.
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Sie spricht: »Das Recht der Gnade, das einmal mir gegeben,
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Ich darf es jetzt auch üben, ich weihe dich dem Leben!« –

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»o wißt Ihr, hohe Fraue, wie Schweres er verbrach?«
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Der Henker zur Aebtissin mit grimmen Blicken sprach.
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Sie lächelt stolz und ruhig und hat den Strang zerschnitten:
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»ich hab für ihn gebüßet, ich hab für ihn gelitten!«

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»ein Zeichen, daß der Himmel dir Deine Schuld vergiebt,
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Daß ich Dir darf vergeben, was Böses Du verübt« –
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Und Kunibert erzittert vor ihre Blicke Leuchten,
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Zum ersten mal im Leben sich seine Wangen feuchten.

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»mechthilde!« ruft er bebend und hat die Maid erkannt,
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Zu der in Liebesflammen er glühend einst entbrannt.
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Und ihre Hand ruht segnend auf des Verbrechers Stirne –
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So ruht die Sonne freudig auf hoher Alpen Firne.

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»ich bin es!« spricht sie milde und schaut ihn ruhig an,
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So wie das Mondlicht scheinet, auf wüste Felsenbahn.
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Er ruft zu ihren Füßen: »
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Da eine Heil'ge nahte, mir Gnade zu verkünden.« –

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Ein neues Kloster steiget am Bodan bald empor,
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Das Kunibert erbaute und sich zur Wohnung kor. –
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Die Liebe, die ihn einstens den Pfad der Schuld getrieben
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Die hat ihn auch erlöset, durch eines Weibes Lieben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Louise Otto
(18191895)

* 26.03.1819 in Meißen, † 13.03.1895 in Leipzig

weiblich, geb. Otto

sozialkritische Schriftstellerin, Demokratin und eine Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung

(Aus: Wikidata.org)

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