Die Niederland! ach, wie viele Jahre

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Louise Otto: Die Niederland! ach, wie viele Jahre Titel entspricht 1. Vers(1857)

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Die Niederland! ach, wie viele Jahre
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Der Spanier saugt am kriegszeriss'nen Mark!
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Und würgt das Land, wirfts auf die Todtenbahre,
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Doch immer neu ersteht es kühn und stark!
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Egmon und Horn und Tausende verbluten,
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Die Henker und die Priester stehn bereit,
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Hier ein Schaffot – dort Scheiterhaufengluten –
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Des Volkes bittre Not zum Himmel schreit.

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Zum Ketzer wird, wer nicht vor Rom sich neiget
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Zum Hochverräter, wer den Fremdling haßt,
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Der auf der Niederländer Nacken steiget,
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Den freien Bürger schlägt in Kettenlast.
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Verzweiflung bricht hervor in Aufruhrsflammen,
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Die immer wachsend durch die Lande lohn –
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Fluch sei den Mächten, die der Höll' enstammen;
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Der Tyrannei, der Inquisition!

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Don Friedrich, Alba's Sohn mit starkem Heere
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Rückt listig ein, in das empörte Land,
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Verspricht des Friedens freundliche Gewähre
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Jedweder Stadt die sein ohn' Widerstand.
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O armes Zütphen, o betrognes Narden,
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Die Ihr vertrauend ihn bei Euch empfingt!
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Weh Euch und Euren heiligen Standarten,
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Daß blindlings Ihr so schmachvoll untergingt!

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Don Friedrich sprach: »Euch soll kein Leid geschehen!«
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Und da sie trauten des Verräters Wort
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Und hofften frei aus ihrer Stadt zu gehen,
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War Losung Spaniens nur Brand und Mord.
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Zur Kirche ruft die Trommel, ruft Geläute
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Zur Huldigung – und als sie wohl gefüllt
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Ein Priester spricht: »Ihr seid des Todes Beute!« –
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Ein Blutstrom grausig aus dem Tempel quillt.

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Ermordet Männer, Frauen, Kinder, Greise –
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Die Stadt geschleift, die frei sich unterwarf!
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Ein Schrei des Zorns – und sei er noch so leise –
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Ertönt durch's Land, ob er nicht tönen darf!
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Die Leichenhügel und die Aschenhaufen,
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Sie reden lauter als die Zunge spricht:
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»im Bürgerblut will Tyrannei ersaufen –
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So sei's, so sei's! doch unterwerft Euch nicht!«

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So tönts in
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Der Bürger wächst zum Helden groß und stark.
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Ob man vordem den heißen Kampf gescheuet,
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Jetzt quillt in jedem Arme Heldenmark.
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Die Greise fühlen wieder Jugendkräfte,
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Der Knabe wie der Jüngling wird zum Mann.
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Es ruhn der Arbeit friedliche Geschäfte,
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Seit rings der Feind die Stadt umspann.

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Und Mond um Monden tapfer widerstand es,
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Krankheit und Hunger laden sich zu Gast;
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Und manchen starken Kämpfer übermannt es,
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Daß mehr und mehr der Hoffnung Stern erblaßt.
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Doch wo die Männer zagen giebts noch Frauen,
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Das Herz erfüllt mit frommem Heldenmut;
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Ein Hochgefühl verdrängt der Schwäche Grauen:
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Begeistrung für der Seele höchstes Gut.

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Für Freiheit und fürs Vaterland zu sterben,
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Ruft Keno Hässelaer die Frauen all:
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»jetzt ist es Pflicht, uns eine Freischar werben,
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Wir hindern oder teilen Haarlems Fall!«
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Und eine Fahne schwang sie in der Rechten,
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Da sie um sich das Frauenheer entbot:
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»für unsern Glauben, für die Freiheit fechten
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Gebietet uns des Landes höchste Not!«

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»mein Gatte ist in gleicher Schlacht gefallen;
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Ob auch sein Tod mich warf in bittres Leid –
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Ich ließ kein Wort, was ihn verklagte schallen,
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Weil er sein Leben seinem Volk geweiht,
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Nun darf ich stolz um gleiches Schicksal werben,
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Ob nie ich feige nach dem Tod gestrebt!
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Und dieses Schwert – ich durft es von ihm erben,
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Der Heldengeist des Gatten darin lebt!«

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»heil Keno Dir!« so rufen tausend Zungen
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Und Frau'n und Männer lauschen andachtsvoll,
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Noch ist das arme Haarlem unbezwungen,
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Wenn Frauenlippen solches Wort entquoll.
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Sie hüllen bald in Erz die zarten Glieder
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Und scharen sich um Keno kampfbereit –
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Und singen ihres Glaubens Schlachtenlieder
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Erfüllt von hoher, frommer Freudigkeit!

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Sie kämpften kühn mit unerschrocknem Mute
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Und sieben Monate hielt Haarlem Stand;
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Zehntausend Spanier wälzten sich im Blute,
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Als Friedrich endlich doch es überwandt.
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Und Keno sprach zu einem Kampfgefährten:
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»errette mich vom Schimpf, der mir gewiß,
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Wenn wir die Beute solchen Feindes werden,
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Der frevelnd jedes heil'ge Band zerriß!«

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Und mitleidsvoll nahm er das Schwert des Gatten
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Das knieend sie gedrückt in seine Hand.
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»empfange mich, verklärter, theurer Schatten,
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Süß ist der Tod für Glaub' und Vaterland!«
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Ihr letzter Seufzer war's – im Augenblicke
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Zuckt in des Freundes Brust dasselbe Schwert –
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Ein Spanier that's mit wilder Zornesdücke,
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Weil er die schöne Lebende begehrt. –

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Die Niederlande! ach, wie viele Jahre
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Der Spanier saugt am kriegszerrissnen Mark,
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Würgt hin das Land, wirfts auf die Totenbahre,
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Doch immer neu ersteht es kühn und stark.
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Und ob's auch auf dem Lande unterlegen,
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Erringt's doch auf dem Meere Sieg um Sieg.
103
Aus blut'gen Jahren sprießt der Freiheit Segen:
104
Glorreich beendet ist der heil'ge Krieg! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Louise Otto
(18191895)

* 26.03.1819 in Meißen, † 13.03.1895 in Leipzig

weiblich, geb. Otto

sozialkritische Schriftstellerin, Demokratin und eine Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung

(Aus: Wikidata.org)

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