Ein Gefangner

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Louise Otto: Ein Gefangner (1857)

1
Auf des Erzgebirges Kamme
2
Stand der Berge freier Sohn,
3
Hohen Geistes Feuerflamme
4
Schien aus seinem Aug' zu lohn,
5
Unter goldnen Lockenhaaren
6
Glänzt auf hoher Stirn geschrieben:
7
In dem Dienst des Ewigwahren
8
Bin ich fest und treu geblieben.

9
Wie ein Held vergangner Zeiten
10
Schwert und Leier in dem Arm,
11
Für das Recht bereit zu streiten
12
Gegen mächt'ger Feinde Schwarm,
13
Mit dem Liede, mit dem Schwerte,
14
Mit der Schrift voll hohem Sinne,
15
Den Verlassnen ein Gefährte,
16
Treu und keusch im Dienst der Minne.

17
Also auf der Heimat Fluren
18
Blickt er sinnend her um sich
19
Bei des Frühlings ersten Spuren,
20
Da der Winter zagend wich –:
21
»ein Gefangner!« hört man flüstern,
22
Sei's auch nur von seinem Hüter,
23
Oder von des Waldes Rüstern,
24
Die ihn grüßen als Gebieter.

25
Ein Gefangner schon seit Jahren
26
Und verurteilt jahrelang,
27
Weil, die Freiheit zu bewahren,
28
Er das Schwert im Kampfe schwang –
29
Und nun heut von seiner Kette
30
Auf den
31
Zu des Vaters Sterbebette
32
Gab sein Wächter ihm Geleit.

33
Horch! ihn grüßt der Freiheit Lerche,
34
Die von fern er nur gehört,
35
Grüßend stehn die alten Berge
36
Seiner Heimat hoch verehrt.
37
In dem dunklen Tannenwalde
38
Tönt's im Lispeln und im Rauschen:
39
Sieh! noch bin ich ganz der alte,
40
Willst mich nicht dem Kerker tauschen?

41
Wohl bekannt hier alle Wege,
42
Manch ein sichrer Zufluchtsort;
43
Fliehe auf vertrautem Stege,
44
Flieh' von Deinem Wächter fort!
45
Also rufen tausend Laute
46
Lockend in das freie Leben
47
Dem, der nur den Kerker schaute,
48
Der noch lang ihn soll umgeben.

49
Fraß der Gram am Vaterherzen
50
Um den langgefangnen Sohn,
51
Daß er stirbt in Sehnsuchtsschmerzen,
52
Wird der Tod nicht auch bedrohn
53
Seiner Mutter teures Leben,
54
Wenn er fort im Kerker schmachtet?
55
Wird die Braut – er sieht sie schweben,
56
Winken – und sein Blick umnachtet.

57
Und er träumt von süßen Wonnen,
58
Sieht die zitternde Gestalt,
59
Wie aus ihrer Augen Bronnen
60
Liebesblick und Thräne wallt –
61
Weiß, er kann ihr Trauern enden
62
Kann entfliehn, sich ihr vereinen!
63
Ihr Geschick in seinen Händen:
64
Sel'ges Lächeln wird dies Weinen! –

65
Doch – er hat sein Wort gegeben
66
Und man hat dem Wort vertraut:
67
Nicht den Fuß zur Flucht zu heben,
68
Wenn die Heimat er erschaut.
69
Seinem Richter, seinem Hüter
70
Hat im Handschlag er's versprochen,
71
Sei's um alle höchsten Güter:
72
Nie hat er sein Wort gebrochen. –

73
Er betritt die heim'sche Hütte,
74
Küßt des kranken Vaters Hand –
75
Aus der Seinen trauter Mitte
76
Tiefbewegt der Wächter schwand.
77
»diesem Mann kann ich vertrauen!«
78
Murmelt er mit nassen Blicken,
79
»möcht' ihn gern wo anders schauen,
80
Als zurück zum Kerker schicken.« –

81
Mit des Vaters letztem Segen
82
Der Gefangne tritt hinaus;
83
Ruft dem Wächter leis' entgegen:
84
»führ' mich wieder in Dein Haus.
85
Habe Dank für diese Stunden,
86
Die zum Troste mir geworden!«
87
Frei und stolz und ungebunden
88
Kehrt er zu des Kerkers Pforten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Louise Otto
(18191895)

* 26.03.1819 in Meißen, † 13.03.1895 in Leipzig

weiblich, geb. Otto

sozialkritische Schriftstellerin, Demokratin und eine Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.