Hab' manches Lied in dunkler Nacht gesungen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Louise Otto: Hab' manches Lied in dunkler Nacht gesungen Titel entspricht 1. Vers(1857)

1
Hab' manches Lied in dunkler Nacht gesungen,
2
Wenn heiße Glut durchlodert mein Gehirn,
3
Bis meiner Harfe Saiten schrill zersprungen
4
Und kalte Tropfen näßten meine Stirn,
5
Indes die Wangen wie im Fieber brannten
6
Und alle Pulse zuckend sich bewegt,
7
Wenn alle Lichter, alle Sterne schwanden,
8
Die sonst der Himmel für die Menschheit trägt.
9
Wenn alles sich in tiefes Dunkel hüllte,
10
Das eig'ne Leben und das Weltgeschick' –
11
Dann schrie ich auf im Weh, das mich erfüllte,
12
Und von dem Schreie blieb ein Lied zurück,
13
Ein Lied, das trotzig bald mit lautem Toben
14
Wie Nachtgevögel Unheil kündend lärmte.
15
Bald wie ein nächt'ger Falter, schwarz durchwoben
16
Um einen Funken todtesmutig schwärmte.
17
Um einen Funken jener Hoffnungssterne,
18
Die oft verbleichen in der nächt'gen Ferne.

19
Hab' manches Lied am hellen Tag gesungen
20
Bei lauter Sonnengold und Morgenrot,
21
Hab' mich zum Himmel jubelnd aufgeschwungen,
22
Der blau und lächelnd frohen Gruß mir bot.
23
Hab' unverzagt, wenn Wolken auch gewettert
24
In gläubig frommer, heilger Zuversicht,
25
So wie die Lerchen keck hervorgeschmettert
26
Ein stolzes Lied, ein fröhliches Gedicht;
27
Und sah ich Blitze auch herniedergleiten
28
Zerstörend was die Freiheit aufgebaut,
29
Sah ich die Not, das Irrsal dieser Zeiten,
30
Ein Anblick wohl, vor dem es jeden graut:!
31
Ich fühlte Kraft mit einer Welt zu streiten
32
Und meinen Glauben – ich bekannt ihn laut:
33
Die Freiheit kennt kein Enden, kein Vergeh'n,
34
Es muß ein Tag mit ros'gem Lichte kommen,
35
Da wird der Stein von ihrem Grab genommen,
36
Da wird sie schön und glorreich auferstehn.

37
Da steh' ich nun mit diesen Liedern allen
38
Und laß sie klingen in die Welt hinaus,
39
Sie sind ja
40
Die Gegenwart, sie ist ihr großes Haus;
41
Drinn sind sie alle ja geboren worden,
42
Es steht die Freiheit an des Hauses Pforten –
43
Die diesen Liedern Seele einst gegeben,
44
Sie treibt sie jetzt auch in das rasche Leben.
45
Drum sprecht nur nicht: »was sollen diese Klänge?
46
Es ist kein Genius, der sie uns weiht,
47
Es hat das Heute schon genug Gesänge,
48
Du ringst vergeblich nach Unsterblichkeit.«
49
Und fragt nur nicht: »Warum dies Freiheitssingen,
50
Warum dies Träumen von der künft'gen Zeit?
51
Warum dies trotzge, kühne Schwerterschwingen,
52
Dies Siegsgeschrei von künftger Herrlichkeit?«
53
Warum? müßt Ihr denn auch im Lenze fragen:
54
Warum das Grün Euch grüßt mit Hoffnungsgruß,
55
Warum die Vögel Jubelwirbel schlagen?
56
Das thut das Grün, das Vöglein –

57
So ist mein Los, so ist mein Lied erkoren,
58
Wie Osterglocken klingt es durch mein Leben,
59
Beim Frühlingsanfang ward ich ja geboren,
60
s' war Ostern, als dem Dasein ich gegeben.
61
Drum laß ich nimmer mir die
62
Und halte fest im
63
Die Freiheit kennt kein Sterben, kein Vergehn:
64
Es muß ein Tag in lichter Klarheit kommen,
65
Da wird der Stein von ihrem Grab genommen,
66
Da wird sie schön und glorreich auferstehn.
67
Und diesen Glauben allem Volk zu künden
68
Will ich als Boten diese Lieder senden.
69
Sie mögen selbst sich eine Freistatt gründen
70
Ich streu sie aus mit hocherhobnen Händen.
71
Sie sind ja nichts als jene Frühlingssprossen
72
Die mitten unter Sturm und Schneeesflocken,
73
Von Thränen wie vom Regen übergossen
74
Doch Frühling künden, mit den Osterglocken
75
Das Fest der Auferstehung einzuläuten
76
Und allem Volk das hohe Wort zu deuten:

77
Wo alle Völker frei und stolz sich heben,
78
Zu gleichem Ruf, zu gleichem Thun sich einen:
79
Sei
80
Das Recht der Sprache und der heimschen Sitten
81
Wie sie die Weltgeschichte jedem lehrt,
82
Nichts Fremdes sei im Vaterland gelitten
83
Doch auch kein Thun, das nicht die Menschheit ehrt.
84
Ein heilig Erbtheil von Natur empfangen
85
Sei jeglichem
86
Wohl mögen herrlich ihre Säulen prangen!
87
Doch hat die
88
Vor
89
Als Brüder, Schwestern sich die Hände reichen.
90
Das ist der Menschheit neu errungnes Eden,
91
Das Reich des Herrn, um das wir täglich beten.

92
Ich weiß' nicht werd ich diesen Tag erleben,
93
Wo zu der Liebe kehrt sich jeder Sinn,
94
Wo sich ihr Reich alleinig wird erheben,
95
Dem Reich der Liebe will ich Bürger werben,
96
Als Priesterin ihm leben und ihm sterben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Louise Otto
(18191895)

* 26.03.1819 in Meißen, † 13.03.1895 in Leipzig

weiblich, geb. Otto

sozialkritische Schriftstellerin, Demokratin und eine Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.