Die Wolken hingen vom Gebirge nieder

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Louise Otto: Die Wolken hingen vom Gebirge nieder Titel entspricht 1. Vers(1857)

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Die Wolken hingen vom Gebirge nieder
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Gespenstig ziehend um den finstern Wald,
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Dampfende Nebel dehnten Riesenglieder
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In grau und schwarz mit seltsamer Gestalt;
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Doch hob sich draus auf waldumkränzter Höhe
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Die alte Veste stolz und kühn hervor,
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Daß sie die Wolken sich zu Füßen sehe
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Als Weihrauch sie des Nebels Ziehn erkor.

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Und durch die Nebel schritt ich ihr entgegen
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Und durch die Wolken eilte ich ihr zu
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Auf feuchten moosbedeckten Waldeswegen
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Zu des Gebirges stiller Totenruh.
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Bald klomm ich zu des Kynast höchstem Walle
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Und ließ die Blicke schweifen in die Runde –
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Da fuhr ich auf von eines Seufzers Schalle
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Und vor mir stand sie –

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»viel Ritter kamen einst um mich zu werben,
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Weil meine Schönheit, weil mein Gold sie zog;
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Ich aber wollt als freie Jungfrau sterben,
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Wenn nicht die Lieb mir mehr als Freiheit wog
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Drum sann ich, mich der Werber zu entschlagen,
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Ein listiges ein finstres Mittel aus –
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Sein Leben dacht ich würde keiner wagen,
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Für mich nicht wagen einen blut'gen Strauß.

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Doch kamen sie um Ruhm sich zu erringen,
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Den Ritt zu wagen um des Walles Ring.
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Doch konnte keinem je die That gelingen
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Und einer nach dem andern unterging.
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Da kam der eine, der mein Herz bezwungen,
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Daß es für ihn in heißer Liebe schlug
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Ich rief und hielt sein Knie ihm fest umschlungen
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›hier meine Hand – Halt ein! es ist genug!‹

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Er aber stieß mich fort und sprengt zum Rande
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Und ihm gelang der unheilvolle Ritt –
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Dann höhnt er mich, ›Das that ich dir zur Schande,
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Zur Rache jedem, der hier Tod erlitt!‹
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Im Zorne schön noch wie ein Rachegott,
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So sprach er es mit heldenstolzen Trieben –
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Da trug ich still der Andern Hohn und Spott,
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Doch trug ich nimmer das verratne Lieben!

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Und wo der andren Ritter Leichen lagen,
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Da eilt ich selber mir das Grab zu betten –
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Nun muß ich nächtlich umgehn noch und klagen
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Und Flüche hören an den öden Stätten;
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Und war es doch mein einziges Verbrechen,
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Nicht ohne Lieb zur Sklavin mich zu machen! –
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Das wollten nur die stolzen Männer rächen,
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Das ist's, was sie noch heut an mir verlachen!«

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Das ist's rief ich, das wird noch heut beschworen –
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Wir sind ja nichts – sie sind die Herrn der Welt.
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Es wird das Weib zur Sklavin nur geboren.
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So heißt der Spruch, das Urteil ist gefällt.
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Und weh dem Weibe, das sich kühn vermessen
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Und wo es liebt, sich liebend zu ergeben,
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Das nennt man thöricht nennt man pflichtvergessen,
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Nie fehlt die Hand den ersten Stein zu heben.

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Und weh dem Weibe, das sich kühn erhoben
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Und frei nach einem andern Ziele strebt,
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An einem andern Altar zu geloben
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Ein höhres Fühlen, das sein Herz durchbebt.
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Und weh dem Weibe, das mit festen Schritten
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Sich ob der Knechtschaft Schranken stolz erhebt –
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Ich
64
Ich

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Louise Otto
(18191895)

* 26.03.1819 in Meißen, † 13.03.1895 in Leipzig

weiblich, geb. Otto

sozialkritische Schriftstellerin, Demokratin und eine Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung

(Aus: Wikidata.org)

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