Allein, allein! – die Liebe ist begraben

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Louise Otto: Allein, allein! – die Liebe ist begraben Titel entspricht 1. Vers(1857)

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Allein, allein! – die Liebe ist begraben,
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Ich selbst bin nur die bleiche Trauerweide,
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In deren Zweige sich verwandelt haben
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Mein Liebesjubel, meine Liebesfreude!
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Und was mich sonst an andre Herzen band
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Mich hieß als Epheu einen Stamm
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Das hab ich all als nicht'gen Traum erkannt:
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Der Epheu muß allein im Freien schwanken.

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Allein, allein! doch Du bist mir geblieben,
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Die mit dem Kind zu Spiel und Fest gegangen,
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Die für der Jungfrau frühlingselig Lieben
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Die Töne fand, die nur von Liebe klangen!
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Du, die mir ihren Zauberstab verlieh
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Die Nacht zu hellen, wo sie mich umdunkelt
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Du bist mir treu, bist mein, o Poesie!
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Sei auch der Stern, der diese Nacht mir funkelt!

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Ja, sei ein Stern an meinem Abendhimmel
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Sei du mir selbst ein milder Hesperus,
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Doch in des Lebens, in der Zeit Gewimmel
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Strahl Andern mit des Morgensternes Gruß!
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Ob abendlich mein Aug' in Thränen taut
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Ob in mir Nacht – was brauchts die Welt zu wissen?
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Die Welt, für die ein neuer Morgen graut,
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Der sie aus Traum und Schlummer aufgerissen?

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Und diesem Morgen jauchz auch ich entgegen,
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Wo wir der Freiheit Sonnenaufgang feiern,
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Den heißen Erntetag, wo reichen Segen
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Von langer Saat wir sammeln in die Scheuern.
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Das Los, das einer jungen Blüte fiel –
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Wer wird nach dem bei solcher Ernte fragen?
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Ob sie verwelkt, geknickt an ihrem Stiel –
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Nehmt sie zum Festkranz auf den Erntewagen!

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Nein, nicht allein! – will mich auch niemand lieben,
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Will niemand meines Herzens Qual verstehen,
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Muß jedes Band zerreißen und zerstieben,
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Weithin zerflatternd in die Lüfte wehen.
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So nehm' ich dieses Herz, das ungezähmte
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Und leg es meinem Vaterland zu Füßen –
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Das sich um eines Menschen Schicksal grämte
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Dies Herz soll nur dem Ganzen sich erschließen,

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Und an die Armen sei's dahin gegeben,
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Die obdachlos vor prächtgen Häusern stehen,
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Und hungerbleich die leere Hand erheben,
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Auf die verächtlich stolz die Reichen sehen;
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Die kleine Münze, die ich euch kann geben
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Ihr Armen lindert wenig Euren Schmerz –
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Doch hör' ich Euer Rufen, Euer Flehen,
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So fleh ich Euch:

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O könnte ich aus allen Euren Jammern
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Aus allen Freveln, die an Euch geschehen
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Aus aller Not in Euren öden Kammern
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Vor denen Laster als Versucher stehen:
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Könnt ich ein Lied aus diesem allen weben
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Und könnt es laut auf allen Gassen singen,
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Da sollten wohl viel starre Herzen beben,
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Viel Augen übergehn, viel Ohren klingen.

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Nein, nicht allein! ich will nicht fürder träumen
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Vom eitlen Herzen, das nach gleichem strebte!
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Will »Herz und Schmerz« nicht – »Not und Brot«
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nur reimen
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Und will es büßen, daß ich selbst mir lebte.
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Mir giebt des Himmels Gnade doch die Lieder
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Wenn er mir auch verweigert Gut und Gold.
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Was er mir giebt – den Armen sei es wieder
65
Mit treuem Sinn als Liebespfand gezollt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Louise Otto
(18191895)

* 26.03.1819 in Meißen, † 13.03.1895 in Leipzig

weiblich, geb. Otto

sozialkritische Schriftstellerin, Demokratin und eine Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung

(Aus: Wikidata.org)

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