Der Seherin Erscheinen

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Justinus Kerner: Der Seherin Erscheinen (1824)

1
Dort droben im Gebirge, wo rauh der Nordwind weht,
2
Von reinem Schnee bedecket, ihr stiller Hügel steht.
3
In üpp'ger Kräuterfülle, bei warmem Sonnenschein,
4
Da legten sie die Hülle, die leichte, leicht hinein.
5
Da sang ich ihrem Sterben ein Lied aus tiefer Brust,
6
Da gab ich, ach! ihr Leben – weh! in des Marktes Wust!
7
Die Nachtigallen schweigen, die Lerche schläft im Tal,
8
Die Blumen sind erstorben, kalt blickt der Sonne Strahl.
9
Und jetzt auf ihrem Hügel stellt mancher Rab' sich ein,
10
Erhebt aus frost'ger Kehle auf ihm ein heiser Schrei'n.
11
Doch sieh! was schwebt dort nieder licht durch die düstre Nacht?
12
Du bist's! hat dich das Krächzen der Raben hergebracht?
13
»o Freund! der Menschen Wähnen, das störet nicht mein Licht;
14
Dein Zürnen und dein Grämen, das läßt mich ruhen nicht.
15
Ist nicht in dich gedrungen, was ich halb sterbend sprach
16
An die, die mir im Leben zufügten Kreuz und Schmach?
17
'wie soll ich euch denn nennen, ihr, die ihr mich betrübt,
18
Ich nenn' auch euch nur Freunde; ihr habt mich nur geübt.'
19
Betrübt mußt du auch werden, damit du wirst geübt;
20
Wer hier nicht hat geduldet, der wird dort nicht geliebt.
21
Oft sagt' ich's ja hienieden, dein Glaube ist noch klein,
22
Lies oft im Buch der Bücher und laß die Menschen sein!«

(Haider, Thomas: Deutsches Lyrik Korpus (DLK) v5.0, 2022. Ursprünglich von Editura GmbH & Co. KG (Digitale Bibliothek) digitalisiert, vom TextGrid-Verbund erworben und angereichert; als DLK-Ausgabe bearbeitet und kuratiert. Lizenz: Verbreitet unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Lizenz (CC BY-SA 4.0). Änderungen: Textkorrekturen, Anreicherung mit Metadaten und Textannotationen sowie Konvertierung durch Textopus.)

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Justinus Kerner
(17861862)

* 18.09.1786 in Ludwigsburg, † 21.02.1862 in Weinsberg

männlich, geb. Kerner

deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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