An Katharinas Töchter, die Prinzessinnen Marie und Sophie von Württemberg

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Justinus Kerner: An Katharinas Töchter, die Prinzessinnen Marie und Sophie von Württemberg (1824)

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Die Sage geht, ich kann's euch nicht verbergen,
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Daß man in jenem Haus, dem stillen, kleinen,
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So ihr geschaut an Weinsbergs Rebenbergen,
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Verstorbner Menschen Schatten sah erscheinen.
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Sei solches Schaun nun Täuschung oder Wahrheit
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(wollt nur, was euch das Innre sagt, hier meinen),
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Ward mir doch kürzlich

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Ich saß in einer stillen Mondennacht
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Einsam auf jenen alten Burgruinen,
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Beleuchtet von des Sternenhimmels Pracht,
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Nachdenkend euch, und wie ihr mir erschienen
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Als Glückliche, um die ein Sel'ges wacht,
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Dem noch viel Selige als Engel dienen –
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Die Mutter war's, an die ich tief gedacht,
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Da kamen durch die monderhellte Luft
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(von Menschenschatten wohl hört man's oft sagen)
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Jetzt Blumenschatten, schwarz und ohne Duft,
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Zu mir im Geisterreigen hergeschwebet.
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Ein Westhauch durch die Totenstille bebet,
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Und schmerzreich, wie entstiegen einer Gruft,
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Hör' ich's
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»welch herbe Schickung haben wir erlebet!
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Den vollen Kränzen, weh! sind wir entfallen,
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Die man für sie, die Lieblichen, gebunden
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Im Neckartale in den holden Stunden,
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Als sie erschienen Blumenengel allen.
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Weh! wir Unseligen sind nicht gekommen
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An ihre Brust und nicht in ihre Hände,
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Die staub'ge Erde hat uns hingenommen;
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Und sündhaft fluchten wir da unserm Ende.
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Nun irren wir rastlos, als schwarze Schatten
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Gehoben in die Lüfte von der Erden,
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Bis daß auch wir das Ziel, das jene hatten,
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Die glücklicher als wir, erreichen werden.
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Hin treibt es uns wohl ohne Duft und Farben,
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Unsel'ge, hin zu jenen Liebewerten,
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An deren Busen unsre Schwestern starben,
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Und selig drauf erstanden in den Gärten,
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Wo ihre Mutter wallt, der Lenz nie endet.
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Dir, der sich nie von jener Sel'gen wendet
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(und der Gedanke hat gemacht uns dreister),
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Erscheinen wir unsel'ge Blumengeister
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Und bitten schmerzvoll dich: sei du der Meister,
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Der uns in ein Gefäß gebannt versendet
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Dahin, wohin wir, ach! so sehnlich streben!«

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Also ertönt' es, und die Blumen schweben,
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Die Schatten, farblos dunkles Geisterleben,
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Recht Blumengeister, nach mir von den Höhen
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Zu Tal, daß ich sie banne. –
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Bin ich gefolgt. Möcht' nun für sie erflehen,
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Ihr Lieblichen! ein freundliches Empfangen,
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Daß ihr die Armen löset von den Schmerzen,
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Daß sie nicht starben jüngst an euren Herzen!
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Daß sie sind ungesehn von euch vergangen!
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Oft nach dem Tod erst wird erkannt die Liebe,
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Ihr Lieblichen! o sprechet: »Blickt nicht trübe,
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Ihr Blumenschatten! seid uns ja willkommen
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Mit Lächeln aufgenommen!
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Oft nach dem Tod erst wird erkannt die Liebe!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justinus Kerner
(17861862)

* 18.09.1786 in Ludwigsburg, † 21.02.1862 in Weinsberg

männlich, geb. Kerner

deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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