Die Stiftung des Frauenklosters Lichtenstern

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Justinus Kerner: Die Stiftung des Frauenklosters Lichtenstern (1824)

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Zu Weinsberg steht ein Hügel,
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Der grauer Vorzeit Trümmer trägt,
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In denen Westhauchs Flügel
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In stiller Nacht die Harfe schlägt.

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Hörst du dies fremde Klingen
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Vom Berge durch die Rebenflur,
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Fragst du: Woher dies Singen?
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Singt ihren Kummer die Natur?

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Ich Armer, halb erblindet,
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Saß jüngst dort auf bemoostem Stein,
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Da hat der Klang entzündet
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Im Innern mir den hellsten Schein.

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Ja, dank dem Traumgesichte,
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So mir die äußre Nacht zerstreut!
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In mir im hellsten Lichte
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Steht dieses Berges alte Zeit.

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Da ragen hohe Türme,
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Da steht ein langes Ritterhaus,
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Ringmauern, fels'ge Schirme,
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Die blicken stolz das Tal hinaus.

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Da reiten kühne Ritter
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Durchs Eisentor im Kleid von Stahl;
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Doch aus Verließes Gitter
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Statt Harfenlaut tönt Laut der Qual.

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Und in der Burgkapelle,
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Da kniet in tiefer Finsternis,
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Beraubt der Augenhelle,
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Die fromme Gräfin Luitgardis.

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Sie spricht und Tränen flossen:
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»bekränzt hat heut mein Kind dein Bild
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Mit Lilien und Rosen,
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O Mutter Gottes, reich und mild!

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Nur einmal noch laß sehen
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Den Gatten mich, das süße Kind!
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Dann werd' ich, soll's geschehen
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Nach Gottes Rat, gern wieder blind.«

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Lang fleht sie so in Nächten,
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Bis draußen auch erstirbt das Licht;
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Als plötzlich ihr zur Rechten
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Maria strahlend steht und spricht:

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»o Menschenleid! hast Grenzen!
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Dir werde mehr, als du gefleht!
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Blick' auf! und sieh erglänzen
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Den Stern, der licht gen Morgen steht!«

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Das Fenster der Kapelle
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Aufwehet Paradiesesduft;
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Auf blickt die Gräfin helle
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Und sieht den Stern in blauer Luft;

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Sieht hoch aus goldnen Lüften
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Die Mutter Gottes lächeln mild;
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Ein wundersüßes Düften
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Ringsum das Rebental erfüllt.

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Des Dankes Tränen flossen
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Aus Augen klar, nie wieder blind,
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Auf des Altares Rosen,
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Und die der Lust auf Mann und Kind.

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Und dort, wo sie erschaute
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Den lichten Stern am Walde fern,
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Ein Kloster sie erbaute,
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Das hieß zum Dank sie: Lichtenstern.

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Die Glocken hör' ich klingen,
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Hör' in des Chores Heiligtum
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Viel zarte Stimmen singen:
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»der Mutter Gottes Preis und Ruhm!« –

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Des innern Schauens Schimmer
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Ungern aus meiner Seele schwand.
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Da lag die Burg in Trümmer,
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Und die Kapelle nicht mehr stand;

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Und wehmutsvoll aus Mauern
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Klang mir der Äolsharfe Laut,
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Als hätt' Natur zum Trauern
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Sich ein Asyl hier aufgebaut

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Ich rief: »O du Kapelle!
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Zeig' mir von dir noch einen Stein!
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Um meiner Augen Helle
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Soll heiß auf ihm gebetet sein.

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Und du, Maria, Reine!
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Kommt's, daß mein Auge decket Nacht,
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Hier mir in Lieb' erscheine
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Und zeig' mir eines Sternes Pracht!

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Kein Kloster kann ich bauen;
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Doch, Mutter Gottes! mein Gesang
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Soll tönen lieben Frauen
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Zum Preis und Ruhm mein Leben lang!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justinus Kerner
(17861862)

* 18.09.1786 in Ludwigsburg, † 21.02.1862 in Weinsberg

männlich, geb. Kerner

deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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